München: Essstörungen quälen immer mehr Frauen in den Wechseljahren

Stand: 21.09.2026, 13:30 Uhr

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Bleibt oft unbemerkt: Dass auch Frauen im späteren Alter unter Essstörungen leiden können, wird häufig unterschätzt. © smarterpix

Hormonelle Umstellungen in der Menopause erhöhen das Risiko für gestörtes Essverhalten. Frühzeitige Behandlung schützt Knochenstabilität und Immunsystem.

München – Immer mehr Mädchen und junge Frauen müssen wegen Essstörungen in einer Klinik behandelt werden. Was oft unbemerkt bleibt: Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating (Essanfälle) quälen immer häufiger auch Frauen in den Wechseljahren und im höheren Alter, erklärt Expertin Dr. Tabea Bauman von der Kirinus Privatklinik Am Friedensengel in München.

Krankheitsfälle verdoppelt

Essstörungen gehören zu den gefährlichsten psychischen Erkrankungen: Doppelt so viele Mädchen und junge Frauen im Alter von zehn bis 17 Jahren sind deshalb 2024 im Krankenhaus behandelt worden wie noch 2004, so das Statistische Bundesamt. Die Zahl stieg von etwa 2800 auf 6000. Experten schätzen, dass mittlerweile eine halbe Million Menschen in Deutschland an Essstörungen leidet. Darunter auch etliche Frauen im mittleren und höheren Lebensalter. „Die perimenopausale Essstörung ist ein unterschätztes Problem“, sagt Dr. Tabea Bauman, die Ärztliche Direktorin und Chefärztin der Münchner Kirinus Privatklinik Am Friedensengel, „aber noch gibt es leider wenige Studien auf dem Gebiet, die Erkrankung wird oft lange nicht gesehen.“

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Berät eine Patientin: Dr. Tabea Bauman (li.). © Kirinus

Das Risiko für ein gestörtes Essverhalten in späteren Jahren kann an hormonellen Umstellungen in der Menopause liegen. „Das Hormon Östrogen beeinflusst unter anderem unser Hunger- und Sättigungsgefühl, aber auch die Stimmung und Stressregulation“, sagt die Chefärztin. „Doch mit den Wechseljahren fällt der Spiegel ab, die Systeme geraten aus dem Gleichgewicht.“ In der Folge bemerken viele Frauen auch eine Gewichtszunahme. „Das ist ein natürlicher Prozess, doch viele Frauen versuchen jetzt, mit falschen Diäten gegenzusteuern.“ Weil mit den Jahren meist mehr Bauchfett gebildet wird und Muskeln abgebaut werden, verändern sich die Körperproportionen. „Das kann die Unzufriedenheit verstärken.“ Hinzu kommen zusätzliche psychische und soziale Belastungen für viele Frauen in den 50ern und 60ern. „Etwa der Auszug der Kinder, das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben oder Todesfälle im Freundes- und Familienkreis.“

Psychische und physische Belastungen

Körperliche Veränderungen und seelische Belastungen können das Risiko für ein gestörtes Essverhalten erhöhen. Das zeigt sich im Alltag in verschiedenen Formen. „Eine Patientin hatte sehr unter Essanfällen gelitten. Da kam es beispielsweise vor, dass sie zwei Pizzen und noch Süßigkeiten hintereinander gegessen hat“, berichtet die Klinikdirektorin. „Aber auch das Gegenteil kann passieren: Frauen, die streng hungern und nur noch eine Scheibe Brot mit Rohkost pro Tag zu sich nehmen.“ In manchen Fällen zeige sich auch eine orthorektische Ernährungsweise. „Wenn Patientinnen auf besonders gesundes Essen fixiert sind.“

Was der Spezialistin auf dem Gebiet der Essstörungen wichtig ist: „Der Weg aus einer Essstörung beginnt in dem Moment, in dem man sich das eigene Leiden eingesteht, seine Scham abbaut und bereit ist, Hilfe anzunehmen.“ In der Kirinus Privatklinik werden Psychotherapie, Ernährungstherapie sowie eine psychiatrisch-psychosomatische und internistische Behandlung angeboten (siehe unten). Das Ziel: „Ein gesunder Umgang mit dem eigenen Körper in jedem Alter.“

Gefahr mit zunehmendem Alter

Gerade in der zweiten Lebenshälfte sei es wichtig, gegenzusteuern, da eine Essstörung für den Körper oft noch belastender ist. „Das Herz-Kreislauf-System ist nicht mehr so widerstandsfähig wie in der Jugend.“ Außerdem leidet ab 50 Jahren jede dritte bis vierte Frau an Osteoporose, ab 60 Jahren ist fast jede zweite an Knochenschwund erkrankt. „Untergewicht und Nährstoffmangel beschleunigen den Knochenabbau im Alter zusätzlich.“

Angehörige sollten Betroffene motivieren, sich Hilfe zu suchen. „Aber bitte keinen Druck aufbauen“, sagt die Chefärztin. „Es kann helfen, wenn man als Angehöriger mit in die erste Sprechstunde kommt.“ Ihr Fazit: „Die frühzeitige Behandlung von Essstörungen im mittleren und höheren Alter ist besonders wichtig, um unter anderem die Knochenstabilität und das Immunsystem zu erhalten, damit Knochenbrüche verhindert werden und der Körper gegen Infektionen stark bleibt. Auch kann sich durch die frühzeitige Behandlung die soziale Einbindung wieder verbessern und zu mehr Lebensqualität beitragen.“

Magersucht, Bulimie und Binge-Eating

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Essanfälle: Beim Binge-Eating nehmen Erkrankte unkontrolliert große Mengen an Nahrung zu sich. © binge eating smarterpix

Bei Essstörungen treten drei Formen am häufigsten auf: Anorexia nervosa (Magersucht) – typischerweise ein krankhaftes Untergewicht durch Nahrungsrestriktion oder andere gewichtsreduzierende Verhaltensweisen und eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers. Bulimia nervosa (Ess-/Brechsucht): Essanfälle, gefolgt von Gegenmaßnahmen wie selbst herbeigeführtem Erbrechen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern. Binge-Eating-Störung: wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust, aber ohne anschließendes Erbrechen oder andere Gegenmaßnahmen – führt meist zu Übergewicht oder Adiposität.

Hier gibt es Hilfe für Betroffene

Essstörungen sind auch im mittleren und höheren Lebensalter gut behandelbar, berichtet die Ärztliche Direktorin und Chefärztin der Kirinus Privatklinik Am Friedensengel, Dr. Tabea Bauman. Das Behandlungskonzept richtet sich an Menschen mit Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa, Binge-Eating-Störung und atypischen Essstörungen.

Psychotherapie: zur Bearbeitung der essstörungsspezifischen Symptome sowie der zugrunde liegenden Faktoren unter besonderer Berücksichtigung lebensabschnitts㈠relevanter Anliegen.

Ernährungstherapie zum Aufbau eines altersgerechten und ausgewogenen Essverhaltens. In der Lehrküche können neue Erfahrungen praktisch erprobt werden: planen, zubereiten, essen, wahrnehmen und reflektieren.

Das Curriculum Essstörungen: ein Angebot, in dem Themen wie Emotionen, Selbstwert, Körperbild sowie der kritische Umgang mit Schönheitsidealen besprochen werden.

Medizinische Betreuung: Hier erfolgt eine körperliche Untersuchung, die Erfassung von Größe und Gewicht, Blutdruck, Puls, EKG, Laboruntersuchungen, gegebenenfalls Sonografie und Echokardiografie sowie die Bioelektrische Impedanzanalyse, ein schmerzloses Verfahren, um die Zusammensetzung des Körpers zu messen.

Kirinus Ruheraum

Der Ruheraum in der Kirinus Privatklinik Am Friedensengel. © Kirinus

Gynäkologische Mitbehandlung kann besonders bei ausgeprägten menopausalen Beschwerden sinnvoll sein.

Wichtig: Ebenso entscheidend ist die ärztliche Abgrenzung zu anderen Ursachen. Veränderungen von Appetit und Gewicht können im Alter auch durch körperliche Erkrankungen oder als Nebenwirkung von Medikamenten bedingt sein.

Tagesklinik: Behandelt werden Patienten von Montag bis Freitag tagsüber in der Tagesklinik. Sie verbringen die Abende und Nächte sowie die Wochenenden zu Hause. Vorteil: Die Patienten können in ihrem persönlichen Umfeld verankert bleiben.

Kosten vorher mit der Versicherung eine Kostenübernahme abklären, die Klinik hilft dabei. Ein persönlicher Eigenanteil kann bestehen bleiben.

Kontakt: Sie erreichen die Kirinus Privatklinik Am Friedensengel (Geibelstraße 6, 81679 München) telefonisch unter 089/ 377 99 32-0 oder per E-Mail an [email protected].