Münchner Pfarrer bezieht Stellung: „Homosexuelle bedrohen nicht die klassische Ehe“
Stand: 28.08.2026, 18:30 Uhr
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Dekan David Theil (64) ist Pfarrer von St. Ursula und St. Sylvester sowie Chef des Pfarrverbands Alt-Schwabing. Er und das Dekanat München Mitte stehen hinter der Empfehlung von Kardinal Marx, dass der Segen für gleichgeschlechtliche und wiederverheiratete Paare im Erzbistum München und Freising künftig kein Aufreger mehr sein sollte. „Es wäre schön, wenn in dieser Debatte alle einen Gang runterschalten“, findet er.
Herr Theil, Kardinal Marx hat im Frühjahr den Segen für homosexuelle Paare erlaubt. Wie finden Sie das?
Eigentlich hat der Kardinal den Segen nicht „erlaubt“, sondern einen Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken empfohlen, der als Grundlage für unser Handeln als Seelsorger dient: Die Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“ beschreibt seit April 2025, wie wir den Segen für Homosexuelle, Queere, Geschiedene und Wiederverheiratete in ganz Deutschland handhaben können. Ich finde das gut. Unsere Gesellschaft lebt davon, dass wir einander respektieren, und die Kirche sollte diesen Respekt vorleben.
Wie viele Menschen in München sind davon betroffen?
Das weiß ich nicht. Aber es geht nicht nur um Homosexuelle, sondern um alle, für die das Ehe-Sakrament nicht möglich ist – sogenannte irreguläre Paare. Das sind wesentlich mehr Geschiedene und Wiederverheiratete als gleichgeschlechtliche Paare. Alle zusammen bilden meiner Schätzung nach circa ein Prozent aller Paare, die mir in meiner Arbeit begegnen. In diesen Fällen muss der Kirche mehr einfallen, als sie wegzuschicken!

Es ist oft die Rede von „Schwulenehe“, obwohl es nicht um ein Sakrament, sondern um Segen geht. Was ist der Unterschied?
Es gibt sieben Sakramente, etwa Taufe, Kommunion, Ehe oder Krankensalbung, die einem ganz bestimmten Ritual folgen und strenge Voraussetzungen haben. Segnen hingegen kann man vieles: Geschenke, Tiere, Lebensmittel, eben alles, was das Leben lebenswert macht. Und sehr oft segnen Seelsorger Menschen in allen möglichen Situationen, zum Beispiel Reisende, Schulkinder, Mitglieder verschiedener Berufe. Einen Segen kann man spontan und ohne vorgeschriebenes Ritual feiern. Er bekommt keinen Stempel und wird nicht ins Kirchenbuch eingetragen.
Was, wenn ein Pfarrer einem irregulären Paar doch das Ehesakrament erteilt?
Beim Ehesakrament spendet nicht der Priester das Sakrament, sondern die beiden Ehepartner spenden es sich gegenseitig. Wenn die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt sind, dann ist diese Eheschließung von vornherein nicht gültig, unabhängig davon, ob der zugehörige Gottesdienst gefeiert wurde. Wenn ein Paar zu mir für ein Ehevorbereitungsgespräch kommt, muss ich mit dem Paar abklären, dass es kein Ehehindernis gibt und die Eheleute in spe müssen auch Nachweise vorlegen. Am Ende unterschreiben wir alle, dass unsere Angaben korrekt sind.

Könnte man schummeln?
Viele der Paare, die ich verheirate, kenne ich schon länger und ich führe intensive Gespräche mit ihnen. Da würde so etwas in den meisten Fällen bekannt. Ein Fall, in dem ein Priester wissentlich ein Ehehindernis übergangen hat, ist mir bisher nicht zu Ohren gekommen und auch für mich nicht vorstellbar.
Bestimmt kennen Sie auch Geistliche, die dagegen sind. Was sind deren Befürchtungen?
Einerseits, dass sie gezwungen werden, den Segen für gleichgeschlechtliche oder wiederverheiratete Paare zu spenden. Aber wer das aus Gewissensgründen nicht kann, kann über das Dekanat ja jemanden suchen, der es gerne tut, zum Beispiel eine Pastoralreferentin oder einen Geistlichen von der Queerpastoral. Andererseits befürchten manche, mit dem Segen etwas zu legitimieren, was durch Kirchenrecht verboten ist. Aber ein Segen ist ja, wie besprochen, kein Sakrament. Die Segnungsfeier darf eben nicht zur Missdeutung einladen. Sie muss sich vom Eheritual unterscheiden.

Wie haben Sie das bisher gehandhabt?
Ich habe das immer als Dankfeier gestaltet. Und nie heimlich. Vorher habe ich immer mit dem Pfarrgemeinderat und dem Verwaltungsrat gesprochen. Wenn alle den Menschen vor Augen haben, das Paar wenigstens annähernd persönlich kennen, ist alles einfacher.
Spenden Sie gerne den Segen für diese Paare?
Mir macht es Freude, wie tief berührt Menschen sind, wenn sie sehen, dass sie von der Kirche nicht verurteilt werden, sondern willkommen sind. Ich erinnere mich an ein älteres Ehepaar, das jahrzehntelang nicht zur Kommunion ging. Ich fragte eines Tages, warum. Sie sagten: Wir dürfen nicht, wir sind seit 40 Jahren in zweiter Ehe verheiratet. So werden doch die bestraft, denen etwas an der Kirche liegt! Andere Paare haben den Glauben an Partnerschaft schon aufgegeben und finden dann doch durch Gottes Segen näher zusammen.

Warum machen gleichgeschlechtliche Beziehungen vielen Menschen Angst?
Das habe ich nie verstanden. Homosexuelle bedrohen nicht die klassische Ehe. Wieso das so in die Nähe von gesellschaftlichem und moralischem Verfall gestellt wird, ist mir ein Rätsel. Sie sind zahlenmäßig in der Minderheit und eher gefährdet, ausgegrenzt und Opfer von Gewalt zu werden.
Welchen Platz hat die Liebe im kirchlichen Regelwerk?
Zweisamkeit ist der tiefste Ausdruck der Liebe Gottes. Jede Form von Bindungen, also Partnerschaft, Ehe, Freundschaft oder familiäre Beziehungen, kann aber nur leben, wer selbst Liebe erfahren hat. Manchen Menschen fehlt diese Erfahrung, die man als Kind durch die Eltern macht. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Kirche signalisiert: Du wirst geliebt, so wie du bist. Gott liebt bedingungslos alle Menschen.

Zwei Päpste sagen nicht Nein
In der Erklärung „Fiducia Supplicans“ von 2023 lässt die katholische Kirche die Segnung für irreguläre Paare zu. Voraussetzung ist, dass der Segen nicht liturgisch ist. Das heißt, der Wortlaut darf nicht in einem kirchlichen Textbuch stehen und nicht innerhalb eines liturgischen Rituals erteilt werden, etwa dem Tausch von Ringen (Foto) – dieser wäre bei einer gleichgeschlechtlichen Segensfeier unzulässig. Kritiker argumentieren, dass jedes Gebet, das ein Geistlicher spricht, liturgisch ist. Das widerlegte aber Kardinal Ratzinger: Am Beispiel von Heilgebeten erklärte er, dass es liturgische und nicht liturgische Gebete gebe. Die deutsche Erklärung „Segen gibt der Liebe Kraft“, die Kardinal Marx empfahl, bezieht sich unter anderem auf „Fiducia Supplicans“.