(+) Munitionskisten als Wahlurnen: Als Hamburg wieder wählen durfte
Historisch
Munitionskisten als Wahlurnen: Als Hamburg die Demokratie zurückbekam
Vor 80 Jahren: Die Stadt liegt in Trümmern, doch die Hamburger strömen zur Wahl: der politische Neustart von 1946.
Als die Hamburger am 13. Oktober 1946 zum ersten Mal seit dem Ende der NS-Diktatur wieder frei ihre Bürgerschaft wählen, werfen sie ihre Stimmzettel in Munitionskisten. Für richtige Wahlurnen fehlt das Material. Überhaupt ist alles Mangelware: Nahrung, Brennstoff und Wohnraum. Trotzdem gehen vor fast 80 Jahren mehr als 79 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl. Es ist der politische Neubeginn nach Krieg und NS-Herrschaft.
Zuletzt wählen die Hamburger 1932 frei ihre Bürgerschaft. Dann übernehmen die Nationalsozialisten die Macht, schalten das Parlament aus, zerschlagen Parteien und Gewerkschaften. Im Oktober 1933 wird die Bürgerschaft endgültig aufgelöst. Es folgen zwölf Jahre Diktatur.
Als am 3. Mai 1945 britische Truppen in Hamburg einrücken, liegt die Stadt am Boden. 60 Prozent der Wohnungen sind zerstört oder schwer beschädigt. Ganze Stadtteile wie Rothenburgsort und Hammerbrook sind verwüstet. Zehntausende Menschen leben in Behelfsunterkünften und Wellblechhütten. Hunger und Wohnungsnot bestimmen den Alltag, der Hafen ist schwer beschädigt.
Hamburg beginnt politisch neu
Die Macht liegt zunächst bei der britischen Militärregierung. Sie setzt am 15. Mai 1945 den parteilosen Kaufmann Rudolf Petersen als Ersten Bürgermeister ein. Unter ihm beginnt sich das politische Leben wieder zu ordnen. SPD und KPD, während der NS-Diktatur verboten und verfolgt, formieren sich neu. Im September 1945 wird die Partei Freier Demokraten (PFD) gegründet, aus der später der Hamburger FDP-Landesverband hervorgeht. Im Oktober folgt die CDU. Im Februar 1946 berufen die Briten eine „Ernannte Bürgerschaft“ mit 81 Mitgliedern. Hamburg hat damit wieder ein Parlament – allerdings noch keines, das von den Bürgern gewählt wurde.
Adolph Schönfelder gehört zu den Schlüsselfiguren dieser Übergangszeit. Der Sozialdemokrat wird Präsident der Ernannten Bürgerschaft und beschreibt die Lage düster: „Wir befinden uns in bitterster Notzeit. Ich fürchte, dass wir noch nicht am tiefsten Grunde unserer Not angelangt sind. Ich fürchte vielmehr, dass uns Monate bevorstehen, wie sie eine Generation wohl kaum jemals erlebt hat.“ Er soll recht behalten.
Bleibt Hamburg ein eigener Staat?
Offen ist 1946 aber nicht nur, wann die Hamburger wieder selbst bestimmen dürfen, wer sie regiert. Unklar ist auch, ob Hamburg als eigenständiger Stadtstaat überhaupt eine Zukunft hat. Auf britischer Seite gibt es Überlegungen, die Stadt wieder aufzuteilen oder in einen größeren Flächenstaat einzugliedern.
Dazu kommt es nicht. Noch 1946 werden die Weichen für Hamburgs politische Eigenständigkeit gestellt. Der Historiker Walter Tormin, später Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, schreibt, dies sei vor allem Rudolf Petersens Verdienst gewesen. Petersen habe mit dem Hinweis argumentiert, Hamburg müsse „wegen seiner gesamtdeutschen Funktion als Vermittler zum Ausland und nach Übersee ein selbstständiges Land bleiben“.
Die Entscheidung über den Wahltermin fällt die britische Militärregierung. Sie setzt für den 13. Oktober 1946 die erste freie Bürgerschaftswahl nach dem Krieg an und bestimmt wesentliche Regeln des Wahlrechts.
Nicht alle dürfen teilnehmen. Mehr als 14.000 Menschen werden aus politischen Gründen ausgeschlossen, darunter frühere Angehörige von Gestapo und SS sowie führende NSDAP-Funktionäre.
Nazis sind von der ersten Wahl ausgeschlossen
Für die CDU tritt Rudolf Petersen an. Der von den Briten eingesetzte Bürgermeister hofft, dass die Hamburger seine Arbeit seit Kriegsende honorieren.
Die SPD setzt auf Max Brauer. Der frühere Oberbürgermeister von Altona musste 1933 vor den Nationalsozialisten ins Exil fliehen und lebte zuletzt in den USA. Als er im Sommer 1946 nach Hamburg zurückkehrt und bei einer Großkundgebung in Planten un Blomen auftritt, wird er begeistert gefeiert.
Doch Brauer hat ein Problem: Er ist amerikanischer Staatsbürger. Ohne deutsche Staatsangehörigkeit kann er nicht Bürgermeister werden. Im eigentlichen Wahlkampf bleibt er deshalb auffallend im Hintergrund.
Ohnehin ist es kein Wahlkampf, wie ihn die Hamburger heute kennen. Die Stadt kämpft ums tägliche Überleben. Es geht um Lebensmittel, Kohle, Wohnungen, Flüchtlinge, Heimkehrer und Schwarzmarkt – und um die Frage, wie Hamburg durch den nächsten Winter kommen soll.
79 Prozent gehen zur Wahl
Am 13. Oktober gehen 79 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl. Dass die SPD mit 43,1 Prozent der Stimmen eine nahezu erdrückende Mehrheit im Parlament erringt, liegt am Wahlrecht. Gewählt wird nach einem von den Briten geprägten Mehrheitswahlsystem. Jeder Wähler kann bis zu vier Stimmen abgeben.
Das Ergebnis verzerrt die Kräfteverhältnisse erheblich: Aus 43,1 Prozent der Stimmen werden für die SPD 83 der 110 Sitze – gut drei Viertel aller Mandate. Die CDU erhält 16 Sitze, die PFD sieben und die KPD vier.
Die SPD könnte allein regieren. Sie tut es nicht. Nach Gesprächen auch mit der CDU entsteht schließlich ein Senat aus SPD, PFD und KPD. Adolph Schönfelder wird Präsident der Bürgerschaft. Mit der SPD-Politikerin Paula Karpinski gehört erstmals eine Frau dem Hamburger Senat an.
Am 25. Oktober erhält Max Brauer seine deutsche Einbürgerungsurkunde – ausgerechnet aus den Händen Rudolf Petersens. Am 15. November wird Brauer in den Senat gewählt, der ihn anschließend zu seinem Präsidenten und damit zum Ersten Bürgermeister bestimmt.
Demokratie bei 1500 Kalorien
Viel Zeit zum Feiern bleibt nicht. Wie eng demokratischer Neubeginn und nackte Not beieinanderliegen, bringt Brauer in einem Satz auf den Punkt: „Mit 1500 Kalorien lässt sich keine neue Stadt und keine Demokratie aufbauen.“
Wenige Wochen später beginnt der Hungerwinter 1946/47, einer der härtesten Winter des Jahrhunderts. Der Frost trifft eine Stadt, in der es ohnehin an Wohnraum, Lebensmitteln und Heizmaterial mangelt. Von Mitte Dezember bis Anfang März herrscht Dauerfrost, die Temperaturen fallen zeitweise bis auf minus 25 Grad. Kohle wird knapp, der Verkehr bricht teilweise zusammen.
Ende Dezember verhängt Brauer ein Notprogramm. Privathaushalte bekommen zeitweise nur zwei Stunden Strom am Tag. Schulen, Kinos und Theater schließen, Geschäfte dürfen nur wenige Stunden öffnen. Die Bilanz des Katastrophenwinters: 85 Menschen erfroren, knapp 500 sind an Lungenentzündung gestorben. Adolph Schönfelders düstere Warnung hat sich erfüllt.
Die Währungsreform ist ein Lichtblick
Erst mit der Währungsreform im Juni 1948 bessert sich der Alltag grundlegend. Die neue D-Mark kommt, die Geschäfte füllen sich wieder, Baumaterial für den Wiederaufbau wird verfügbar. Hamburg beginnt, sich sichtbar aus den Trümmern zu arbeiten.
Max Brauer bleibt bis 1953 an der Spitze des Senats. Nach vier Jahren in der Opposition kehrt er 1957 noch einmal ins Bürgermeisteramt zurück. Ende 1960 übergibt der inzwischen 73-Jährige das Amt an Paul Nevermann.
Vierzehn Jahre zuvor war Brauer aus dem Exil in eine zerstörte Stadt zurückgekehrt. Als er das Rathaus verlässt, hat Hamburg einen großen Teil seines Weges aus Krieg, Diktatur und Trümmern bereits hinter sich.
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