Höhenflüge in dünner Luft: Sven van Thom mit "Ins Gras" im Frankfurter Mousonturm

Wie schreibt man einen Song? Sven van Thom überlegt keine zwei Sekunden und sagt dann: „Man macht’s einfach.“ Als textender und singender Musiker mit vielen Talenten muss er es wissen. Wobei der Endvierziger auch sagt: „Es hilft, ein Instrument spielen zu können.“ Nun ist die Welt voller Menschen, die gut Gitarre, Klavier oder Querflöte spielen. Zu einem Singer-Songwriter wie der Wahl-Hesse aus Bernau nahe Berlin werden jedoch die wenigsten. Aber die wenigsten singen auch mehr oder weniger ständig vor sich hin.

Sven van Thom macht das nach eigenem Bekunden täglich. So mündet die beliebte Übung zum Beispiel beim Abwaschen in eine Melodiesuche: „Wenn mir etwas gefällt, dann singe ich mir das nochmal vor und mache mit dem Handy eine Sprachnotiz.“ Später arbeite er die Melodie dann aus. Auf diese Weise könnte er durchaus zwei oder drei Lieder am Tag komponieren. „Ein Text ist dagegen das sehr viel schwierigere Feld“, bekennt er beim Treffen in der Villa Hansa in Bad Nauheim, in der seine Frau Ina Simone Mautz einen Elvis-Plattenladen betreibt. Singe er aber erst einmal eine Textzeile, die ihm gefalle, sei klar, wohin die Melodie wolle. Der Rest des Liedes ist dann Büroarbeit, wie er sagt: den übrigen Text an die Musik anpassen.  „Schön, wenn es Sinn ergibt.“

Er swingt und er klingt nach Achtzigern

In jüngerer Zeit ist ihm die Übung in mindestens 16 Fällen gelungen. Denn 16 Lieder finden sich auf seiner neuen CD. Musikalisch lässt sich das Werk mit dem Titel „Ins Gras“ schwer einordnen. An einer Stelle swingt es, an einer anderen klingt es nach Liedermacher, an einer wieder anderen entführt der Musiker die Hörer in die Achtziger. Die Platte als abwechslungsreich zu bezeichnen, scheint fast untertrieben. Wer zunächst die Texte liest, könnte geneigt sein, die Ohren vor dem Abhören des Silberlings anzulegen.

Van Thom singt Depressives: „Die Luft, sie wird immer dünner/Du wirst staunen, was Dir noch alles blüht/Tausende Gelegenheiten, nochmal zu versagen/Abstiegschancen an 365 Tagen.“ Er singt Zynisches: „Du kannst hoffen, Du kannst beten/Für die Liebe, gegen den Hass/Doch was mich am meisten tröstet: Jeder beißt einmal ins Gras.“ Und Pubertär-Bösartiges singt er auch: „Ich wünsch’ Dir Haut auf dem Kakao und finstere Träume in der Nacht/Dass ein Kind Dich in der Sauna mustert und von Herzen lacht.“ Doch im Verein mit den Melodien ist gute Laune in Anbetracht dieses Plädoyers für die „bedingungslose Inklusion des Scheiterns“ fast programmiert. Auch dunkler Humor reizt zum Lachen oder zumindest zum Lächeln.

Zumal Sven van Thom nicht wie ein Rotzlöffel aussieht. Im Gegenteil: Auf dem Innencover und im Booklet erscheint der Brillenträger wie zum Gespräch im grauen Anzug und weißem Hemd mit einer dazu fein abgestimmten schräg gestreiften Krawatte. Die Tolle nicht zu vergessen. Konservativer geht es kaum.

Wer sich weiter ins Booklet vertieft, dürfte die Augenbrauen hochziehen angesichts der Information: Der Singer-Songwriter hat die Platte im Alleingang eingespielt. Gastsänger, darunter seine Frau, bilden die Ausnahmen. Außer Gitarre hat er auch Bass, Schlagzeug und Tasteninstrumente gespielt. Blockflöten fast aller Art nicht zu vergessen.

Dabei fing seine Instrumentenkarriere denkbar ungünstig an. „Ich hatte eine Blockflötenstunde, da war ich sechs oder sieben Jahre alt. Da habe ich mich so dämlich angestellt, dass die Lehrerin und ich uns einig waren: Wir lassen’s lieber“, erzählt er und grinst. Mit dem Akkordeon lief es nach seinen Worten einige Jahre auch nicht besser: „Ich war der Einzige aus der Akkordeon-Gruppe, der nicht mit zu den Auftritten durfte.“ Aber er habe auch Lieder spielen müssen, für die er sich nicht erwärmt habe. Und dann die Noten! „Ich bin Noten-Legastheniker“, bekennt er unumwunden.

Das muss aber für Profi-Musiker kein Makel sein. Auch die ABBA-Größen Benny Andersson und Björn Ulvaeus konnten jahrelang mit dieser Art der Sprache nichts anfangen. Geschadet hat es ihnen nicht. Im Fall von Sven Rathke, wie van Thom bürgerlich heißt, haben die Jugendtage und die Zeiten danach den Weg gewiesen. Was er sich erarbeitet und mit Spaß erspielt hat, „reicht für die Musik, die ich mach’“. Sagt es und lächelt.

Sven von Thom geht im September auf Tournee und stellt „Ins Gras“ unter anderem am 30. Oktober im Mousonturm in Frankfurt in einem Solo-Konzert vor.