Neustart bei den Fußball-Frauen der SGS Essen mit einem runderneuerten Kader
Mitte Mai war es passiert: Die SGS Essen stieg nach 22 Jahren Bundesliga-Zugehörigkeit als letzter dort verbliebener reiner Frauen-Fußballverein in die Zweitklassigkeit ab.
Für den neuen sportlichen Leiter Daniel Kraus, der erst im März sein Traineramt bei der Zweitvertretung des VfL Wolfsburg beendet hatte und bei der SGS in der neuen Funktion tätig geworden war, bedeutete das viel Arbeit. Allerdings wäre die wohl auch beim Liga-Erhalt auf ihn zugekommen.
Kaderumbruch hätte auch bei Ligaerhalt stattgefunden
"Ich glaube, dass wir die Möglichkeiten nutzen sollten, uns wieder auf die SGS-Tugenden zu fokussieren. Ich denke, dass wir da im letzten Jahr vielleicht nicht immer zu 100 Prozent dabei gewesen sind", so Kraus im Gespräch mit dem WDR und ergänzt: "Und deswegen hätten wir auch bei Klassenverbleib einen relativ großen Umbruch machen wollen."
Nun ist der Kaderumbruch nach dem Abstieg etwas größer ausgefallen. Mehr als 30 Bewegungen bei den Zu- und Abgängen waren seit Jahresanfang zu bewältigen. Jetzt steht die neue Mannschaft.
Junges Team um Feldkamp und Heuschkel
"Dadurch dass lange nicht klar war, bleiben wir drin, bleiben wir nicht drin, haben wir uns jetzt schon lange mit den Kaderstrukturen beschäftigt", so Kraus. "Wenn jetzt nichts Unvorhergesehenes wie etwa eine größere Verletzung passiert sind wir eigentlich durch."
Vom letztjährigen Team sind nur noch drei Stammspielerinnen im Kader, darunter die erfahrene Mittelfeldspielerin Jana Feldkamp (28). Um sie und um Neuzugang Anja Heuschkel (28/Carl Zeiss Jena) wurde ein neues Team mit jungen Spielerinnen aufgebaut.
"Wir haben uns relativ früh Gedanken gemacht, in welcher Formation wir spielen würden - in beiden Ligen. Von der Warte her war relativ früh klar, was wir an Positionsprofilen brauchen", erklärt Kraus. Doch das war nicht das einzige Auswahlkriterium.
Bekenntnis zum Essener Weg
Ein Bekenntnis zum Weg der SGS Essen sei ein weiterer großer Punkt gewesen, sagt der 42-Jährige und erklärt es am Beispiel Kyra Spitzner (21), die aus Leipzig kam: "Wir haben ein paar Spielerinnen wie Kyra, die gesagt haben, 'Ich komm auf jeden Fall nach Essen, weil mir der Weg und die Idee gefällt, egal ob es in der 1. oder 2. Liga ist'."
Diese Spielerinnen habe man gesucht: "Die hungrig sind, die sich entwickeln wollen, oder die - wie die Kyra - zeigen wollen, dass sie vielleicht zu Unrecht weniger Spielzeiten in der Vergangenheit bekommen haben."
"Wir wollen stehen für Intensität, für Energie, für Power. Das ist Essen, und das ist auch Ruhrpottmentalität." Daniel Kraus, sportlicher Leiter SGS Essen
Über allem stehe so diese Klammer "Entwicklung", da wolle man hin. Mit harter Arbeit und attraktivem Fußball, der aber ruhig auch noch fehlerbehaftet sein darf, will man zum Erfolg kommen.
Das gelte für alle im Verein - von der sportlichen Leitung über dem Team um Trainerin Heleen Jaques bis hin zu den Spielerinnen. "Was wir von den Spielerinnen fordern wollen wir auch selber vorleben", so Kraus. "Wir haben gute Strukturen, gute Unterstützer, aber wir wollen uns auf allen Ebenen weiterentwickeln."
Testspielsiege gegen Ligakonkurrenten
Der klare Fokus liegt beim Neustart wieder vermehrt auf Ausbildung. Mit einer jungen Mannschaft will der Verein sowohl die Zuschauer aber auch Geldgeber und Investoren zu begeistern, um eine stabile Basis zu schaffen, mit der man auch in der Bundesliga bestehen kann. Der sportliche Erfolg steht da natürlich nicht außen vor, es sei "aber auch die Art und Weise, wie wir nach außen hin auftreten."
Seit Ende Juni befindet sich das Team um Trainerin Heleen Jaques in der Vorbereitung zur neuen Spielzeit. Die ersten drei Testspiele gegen die Ligakonkurrenten Hoffenheim II (5:0), Andernach (4:2) und den SC Sand (2:1) ließen sich gut an.
"Wir bewerten die Ergebnisse nicht zu hoch. Aber es ist natürlich ein gutes Gefühl, gerade mit dem neuen Team zu sehen, dass wir konkurrenzfähig sind", sagt Kraus und ergänzt: "Wir haben einen guten Stand, aber wir haben auch noch viel Arbeit vor uns."
Fokus auf Entwicklung statt auf Aufstieg
"Das Ziel soll sein, dass wir uns als Mannschaft finden. Ich glaube, dass ist die größte Aufgabe mit den vielen Neuen. Da sind wir auf einem guten Weg, haben aber auch da noch einige Themen vor uns. Und dann wollen wir oben eine gute Rolle spielen", so Kraus, der neben Viktoria Berlin, die "üblichen Verdächtigen" Meppen, Sand und Jena im Favoritenkreis für den Aufstiegskampf sieht und auch Neuling Hertha BSC eine gute Rolle zutraut.
In der vergangenen Spielzeit hatte Essen zusammen mit Mitabsteiger Jena die jeweils schlechteste Torausbeute (je 22 Tore). Um in der 2. Liga in den oberen Tabellenregionen mitreden zu können, muss die SGS wieder torgefährlicher werden.
Neue Torgefahr durch Offensivtrio
Mit der Ungarin Vanessza Nagy (Ferencváros Budapest, 39 Tore in 34 Spielen) und Laura Bröring (SV Meppen, 14 Tore in 25 Zweitligaspielen) holte die SGS zwei Spielerinnen, die in der vergangenen Spielzeit Offensivstärke bewiesen.
Auch mit der bundesligaerfahrenen Spitzner kommt neuer Schwung in die Offensive. In den Testspielen klappte das schon recht gut, das Team erzielte elf Treffer in drei Partien .
EM-Trio bringt neue Erfahrungswerte mit
Lany Bäcker, Leonie Köpp und Neuzugang Helen Börner (Jena) werden von den Erfahrungen profitieren, die sie vor wenigen Tagen als Finalistinnen bei der U19-EM in Bosnien-Herzegowina machen durften. Die jungen Spielerinnen kehren bald ins Essener Mannschaftstraining zurück.
Für zwei Essener "Urgesteine" gilt das nicht mehr. Im Sommer verließen SGS-Rekordspielerin Jacqueline Meißner (327 Spiele seit 2011) und Lena Ostermeier (277 Spiele seit 2012) den Verein. Beide wechselten in die 3. Liga zur ambitionierten Borussia aus Dortmund, ebenso wie Stürmerin Ramona Meier.