Mütterrente abschaffen, Witwenrente reformieren: Wirtschaftsweise erhöht Druck auf Merz-Regierung

Stand: 30.08.2026, 06:56 Uhr

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Veronika Grimm fordert die Abschaffung der Mütterrente und eine Reform der Witwenrente. Zugleich kritisiert sie Kanzler Merz und die Haushaltslage scharf.

München – Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm hat weitreichende Rentenreformen gefordert. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland sprach sie sich für die Abschaffung der Mütterrente aus. Zudem verlangte sie eine Reform der Witwenrente. Für deutsche Rentner und Beitragszahler hätten diese Forderungen erhebliche Konsequenzen.

Grimm lobte zwar die Richtung der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz. Dennoch seien „nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft“ worden, sagte sie. Die Koalition aus CDU und SPD hatte zuletzt die Abschaffung der abschlagsfreien Frührente – der sogenannten „Rente mit 63“ – beschlossen. Grimm sieht darin aber nur einen ersten Schritt.

Veronika Grimm: Die Wirtschaftsweise fordert weitreichende Rentenreformen. Sie spricht sich für die Abschaffung der Mütterrente aus und verlangt eine Reform der Witwenrente.

Veronika Grimm: Die Wirtschaftsweise fordert weitreichende Rentenreformen. Sie spricht sich für die Abschaffung der Mütterrente aus und verlangt eine Reform der Witwenrente. © Britta Pedersen/dpa

Wirtschaftsweise fordert Abschaffung der Mütterrente

Die Mütterrente kostet den Staat jährlich 13,5 Milliarden Euro. Die Ausweitung der Leistung, die ein Wahlversprechen der CSU war, schlug mit weiteren rund 4,45 Milliarden Euro zu Buche. Grimm fordert nun die vollständige Rücknahme dieser Leistung. Damit würde eine der politisch umstrittensten Rentenleistungen wieder zur Disposition stehen.

Die Mütterrente war eingeführt worden, um Erziehungszeiten älterer Mütter stärker in der gesetzlichen Rente zu berücksichtigen. Kritiker bemängeln jedoch seit Jahren, dass die Leistung nicht aus Steuermitteln, sondern im Wesentlichen über die Rentenkasse finanziert wird. Damit tragen Beitragszahler eine familienpolitische Leistung, die eigentlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe wäre.

Noch teurer ist die Witwenrente. Sie kostet die deutsche Rentenkasse fast 50 Milliarden Euro im Jahr. Das entspricht einem Achtel der gesamten Rentenausgaben. Der Wirtschaftsweise Martin Werding hatte bereits die vollständige Abschaffung der Witwenrente gefordert. Seine Begründung: Frauen könnten heute selbst für das Alter vorsorgen.

Grimm wirft Merz Schönfärberei vor

Grimm ließ offen, wie eine Reform der Witwenrente konkret aussehen soll. Sie sprach sich aber klar für eine Überarbeitung aus. Für Millionen Betroffene wäre eine solche Reform hochsensibel. Die Witwenrente ist für viele Hinterbliebene ein wichtiger Einkommensbestandteil, zugleich aber einer der größten Ausgabenposten im Rentensystem.

Auch beim Kündigungsschutz sieht Grimm Reformbedarf. Eine Abschwächung halte sie „für den richtigen Weg“. Die vorgeschlagene Verdienstschwelle von 177.000 Euro sei jedoch zu hoch angesetzt. Damit kritisiert Grimm nicht nur einzelne Sozialleistungen, sondern stellt grundsätzlich infrage, ob der deutsche Arbeitsmarkt flexibel genug auf die wirtschaftliche Schwäche reagieren kann.

Aus Sicht vieler Ökonomen erschweren starre Regeln Neueinstellungen und Strukturwandel. Gewerkschaften halten dem entgegen, dass ein starker Kündigungsschutz Beschäftigte vor willkürlichen Entlassungen schützt und soziale Sicherheit schafft. Grimms Forderung dürfte deshalb ebenfalls politischen Streit auslösen.

Grimm sieht Reformbedarf beim Kündigungsschutz

Scharfe Kritik übte Grimm an der Kommunikation des Bundeskanzlers. Merz hatte zuletzt dazu aufgerufen, den weit verbreiteten Missmut in Deutschland abzuschütteln. Grimm widersprach deutlich: „Ich halte wenig davon, die Probleme zu ignorieren und einfach nur positiver zu denken. Da sind wir auf dem falschen Dampfer.“

Hintergrund ist die angespannte Haushaltslage. Fast ein Drittel des Bundeshaushalts basiere auf zusätzlicher Verschuldung, sagte Grimm. „Der Bundeshaushalt läuft aus dem Ruder. Nachhaltiges – also von der Privatwirtschaft getragenes – Wachstum ist nicht in Sicht. Die zusätzlichen Kreditspielräume der Regierung werden zum großen Teil zweckentfremdet.“ Das gehe massiv auf Kosten der jungen Generation.

Besonders besorgniserregend sei der Blick auf das Jahr 2029. Die Finanzplanung der Bundesregierung zeige, dass die Einnahmen des Bundes dann gerade noch für Verteidigung, Soziales und Zinsen ausreichen würden. Wie die Verteidigungsausgaben wieder in den Kernhaushalt integriert werden sollen, sei „überhaupt nicht erkennbar“, kritisierte Grimm.

Damit rückt die Debatte über Rente, Pflege, Gesundheit und Verteidigung immer stärker zusammen. Wenn Sozialausgaben weiter steigen und zugleich dauerhaft mehr Geld für Sicherheitspolitik benötigt wird, bleiben für Investitionen, Bildung, Infrastruktur und steuerliche Entlastungen immer weniger Spielräume. Grimms Warnung zielt deshalb auf den Kern der Finanzpolitik.

Regierung verharrt laut Grimm im „Klein-Klein“

Grimm mahnte die Bundesregierung zu einem grundsätzlicheren Reformkurs. Einzelne Maßnahmen wie die geplante Einführung einer Zuckersteuer klängen zwar plausibel. Sie würden aber nicht weit führen. „Es macht mir Sorgen, dass sich die Regierung so im Klein-Klein aufhält“, kritisierte die Ökonomin.

Nötig seien stattdessen das Bekenntnis zu einer niedrigeren Staatsquote sowie „konsequente Reformen“. Mit Blick auf das Wirtschaftswachstum gingen die derzeitigen Reformen der Regierung teils sogar in die falsche Richtung. „Eine Konsolidierung des Haushalts ist noch keine Wachstumsagenda“, sagte Grimm.

Gesundheitsversorgung bietet weiteres Sparpotenzial

Auch bei der Gesundheitsversorgung sieht die Wirtschaftsweise Einsparpotenziale. Sie nannte dabei insbesondere eine Krankenhausreform, ohne jedoch konkrete Details zu nennen. Der Hinweis zeigt aber: Grimm betrachtet die Rentenpolitik nicht isoliert, sondern als Teil eines größeren Problems steigender Sozialausgaben. (Quellen: RedaktionsNetzwerk Deutschland, Wirtschaftsweise Veronika Grimm, Bundeshaushalt, Bundesregierung) (mare)