Mecklenburg-Vorpommern: Holm gibt den Bürgerlichen – doch hinter dem AfD-Mann lauert ein radikales Netzwerk

Stand: 17.09.2026, 22:52 Uhr

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AfD-Mann Holm gibt den Bürgerlichen – doch hinter dem Kandidaten für Mecklenburg-Vorpommern verbergen sich laut Recherchen NPD-Leute, Nordkreuz-Aktivisten und Identitäre.

Schwerin – Vier Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag (20. September) hofft die AfD darauf, einen ähnlichen Erfolg zu erzielen wie in Sachsen-Anhalt. Dabei helfen soll der Bundestagsabgeordnete Leif-Erik Holm, der als „Ministerpräsidenten-Kandidat“ antritt.

Leif-Erik Holm spricht vor dem Start einer Moped-Ausfahrt zu Teilnehmenden einer Wahlkampfveranstaltung der AfD.

Leif-Erik Holm spricht vor dem Start einer Moped-Ausfahrt zu Teilnehmenden einer Wahlkampfveranstaltung der AfD. © Daniel Reinhardt

Doch hinter dem betont bürgerlich auftretenden AfD-Kandidaten versammeln sich laut Recherchen der taz zahlreiche Personen mit Verbindungen zur rechtsextremen Szene – vom ehemaligen NPD-Mitglied bis zu Aktivisten des Nordkreuz-Netzwerks.

Moderates Auftreten, radikales Umfeld: Selbst der „bürgerliche“ Holm will eine „Rückführungspolizei“

Holm, der früher als Radiomoderator für den NDR und mehrere Privatsender arbeitete, gibt sich im AfD-Wahlkampf betont gemäßigt. Die taz beschreibt ihn bei Wahlkampfveranstaltungen zwischen Lonsdale-Klamotten und Rockerkutten als „etwas deplatziert“. Holm verspreche statt großer Visionen zunächst lediglich „ein halbes Prozent weniger Grunderwerbssteuer“. Gleichwohl fordert er eine „Rückführungspolizei“, die schnell an Donald Trumps Einwanderungsbehörde ICE erinnert.

Sein Mitkandidat Enrico Schult, der 1979 im vorpommerschen Demmin geboren wurde und bis zu seinem Einzug ins Landesparlament als Vermessungstechniker im Katasteramt seines Landkreises arbeitete, trat der AfD im Jahr 2015 bei, als hunderttausende Geflüchtete nach Deutschland kamen. Noch heute fürchtet er eine „kulturelle Verdrängung durch die Massenmigration“.

Die AfD tritt in Mecklenburg-Vorpommern mit einer ungewöhnlichen Doppelspitze an: Landtagsfraktionschef Schult ist Spitzenkandidat auf der Landesliste, während der 56-jährige Holm im Fall eines Wahlsiegs Regierungschef werden soll. Holm bewirbt sich dabei ausschließlich um ein Direktmandat – ausgerechnet in jenem Schweriner Wahlkreis, den SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig verteidigen will.

„Remigration“ und „Renationalisierung“: In zweiter Reihe ist die MV-AfD äußerst radikal

Doch das eigentliche Gewicht liegt laut taz-Recherchen im Hintergrund der Partei. Bereits auf Platz zwei der Landesliste steht Thore Stein, parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion und Schwiegersohn des Netzwerkers Gernot Mörig, dem Initiator des sogenannten Remigrationstreffens von Potsdam.

Stein soll sich schon länger in der rechtsextremen Szene bewegen: Ein der taz vorliegendes Foto zeige ihn 2009 auf einem Treffen des völkischen Jugendbunds Sturmvogel in Mecklenburg-Vorpommern. Später suchte er demnach die Nähe zu den Identitären und sprach 2022 im Podcast des Identitären-Projekts „Ein Prozent“ über „Renationalisierung“ der Landwirtschaft.

Als ebenfalls brisant gilt die Rolle von Daniel Fiß, der als Referent von Fraktionschef Schult arbeitet und im Vorstand der AfD-Parteijugend in Mecklenburg-Vorpommern sitzt. Fiß war dem Bericht nach früher führender Identitärer und in der NPD-Jugend aktiv – obwohl die Identitären explizit auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD stehen. In einem der taz vorliegenden internen Chat-Auszug aus diesem Frühjahr bezeichnete Fiß das Gedenken an den 8. Mai 1945 als „antideutsche Unterwerfungsveranstaltung“. Auf Nachfrage der taz erklärte er, es sei ihm nicht um das generelle Gedenken gegangen, sondern um eine Beteiligung an einem sowjetischen Ehrenmal.

Auch der frühere Fraktionschef Nikolaus Kramer, der sich heute als „Remigrationsbeauftragter“ der AfD bezeichnet, machte bereits 2017 Schlagzeilen, weil er in einem AfD-Chat ein Foto der SS-Leibstandarte Adolf Hitler geteilt hatte. Zuletzt lud er laut taz den Identitären-Vordenker Martin Sellner und „Ein Prozent“-Chef Philipp Stein in seinen Podcast ein. Direktkandidat Tommy Thormann aus Rügen habe zudem auf einer Kundgebung linken Gegendemonstranten gedroht, man werde sie „in Grund und Boden verbieten“, wenn die AfD an die Macht komme.

Verbindungen zum Nordkreuz-Netzwerk, dessen Mitglieder sich den taz-Recherchen zufolge auf einen Tag X vorbereiteten und Feindeslisten anlegten, weisen gleich mehrere AfD-Vertreter auf.

AfD in Mecklenburg-Vorpommern: „Austauschbarer“ Holm machtlos gegen die eigene Partei

Im Mai 2026 wurde Dario Seifert mit 92 Prozent der Stimmen zum Generalsekretär des AfD-Landesverbands gewählt – Holm war dagegen, aber machtlos. Laut taz hatte Holm Seifert, der früher bei der NPD-Jugend aktiv war, einst aus der Partei schmeißen wollen. Der Rechtsextremismusexperte und Linkenpolitiker Daniel Trepsdorf bezeichnet die AfD in Mecklenburg-Vorpommern gegenüber der taz als „besonders dichtes Sammelbecken gewaltaffiner Rechtsextremisten und dubioser Charaktere“, das von der Parteispitze um Holm „wohlwollend begleitet“ werde. Die Zeitung nennt Holm ein „austauschbares Aushängeschild“.

Falls die AfD in Mecklenburg-Vorpommern regieren kann, wollen Holm und Schult unter anderem ein Landesabschiebezentrum einrichten. Auch soll eine Eingangsprüfung zum Gymnasium eingeführt, schulische Demokratiebildung zugunsten von Mathematik und Naturwissenschaften zurückgefahren, bei öffentlichen Bauten ein landestypischer Heimatstil befördert und das Gendern in der Verwaltung verboten werden. Weiter will die AfD die Nord-Stream-Pipelines wieder in Betrieb nehmen, den Ausbau der Windenergie begrenzen, Atomkraft prüfen und die Ukraine-Hilfen streichen.

In den jüngsten MV-Umfragen erreichte die AfD zuletzt zwischen 36 und 38 Prozent. Die Partei liegt damit knapp vor der SPD, die derzeit die Ministerpräsidentin stellt. (Quellen: taz, AFP, dpa, Correctiv)