Nach 35 Jahren: Pfarrer Werner Ewald verlässt Niederaula mit einem letzten Wunsch

Stand: 03.10.2026, 07:00 Uhr

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War 35 Jahre lang Pfarrer in der Marktgemeinde Niederaula: Werner Ewald wechselt in den verdienten Ruhestand.

War 35 Jahre lang Pfarrer in der Marktgemeinde Niederaula: Werner Ewald wechselt in den verdienten Ruhestand. © Daniel Göbel

Pfarrer Werner Ewald geht nach 35 Jahren aus Niederaula – und denkt schon an seine nächste Aufgabe. In der Dorfkirche seines neuen Heimatorts hängt statt einer Glocke eine Eisenbahnschiene.

Niederaula – Werner Ewald spricht vom Abschied, aber eigentlich spricht er über Menschen. Über Konfirmanden, Kirchenmusiker, Vereine, Nachbarn und all die anderen, denen er in 35 Jahren als Pfarrer begegnet ist. „Ganz große Dankbarkeit“ empfinde er, wenn er zurückblicke – vorrangig für „unendlich viele Menschen“, bei denen er gespürt habe: Kirche und Glaube gehören zu ihrem Leben.

Werner Ewald bei seinem Einführungsgottesdienst im Februar 1994, nachdem seine Probezeit beendet war.

Werner Ewald bei seinem Einführungsgottesdienst im Februar 1994, nachdem seine Probezeit beendet war. © Werner Ewald/nh

Dass Ewald einmal Pfarrer werden würde, war allerdings keineswegs ausgemacht. Seine Eltern waren kirchlich engagiert, doch der junge Werner wollte zunächst ausdrücklich nicht Pfarrer werden. Er trat den Wehrdienst an, verweigerte später aus Gewissensgründen den Kriegsdienst und begann ein Fotografie-Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel.

Doch die Fragen blieben. Er wollte „hinter die Dinge blicken“, verstehen, was die Welt und das Leben im Innersten zusammenhält. Über die religionspädagogische Ausbildung in Kassel fand er zur Theologie. Ein Pfarrer, dessen Predigten er als junger Mensch erlebte, gab schließlich den entscheidenden Anstoß: „Da ist Leben und da ist Herausforderung, da ist auch Ermutigung drin“, erinnert sich Ewald.

Nach dem Theologiestudium und dem Vikariat kam er 1991 nach Niederaula. Zwei langjährige Pfarrer waren gerade gleichzeitig gegangen. Eine ältere Dame habe damals erleichtert gesagt: „Gott sei Dank, haben wir wieder einen Pfarrer. Wir waren ja wie eine Herde ohne Hirten.“ Aus dem jungen Pfarrer wurde einer, der blieb. 35 Jahre lang.

Ewalds Verständnis von Gemeindearbeit ging weit über den Sonntagsgottesdienst hinaus. Kindergarten, Altenheim, Schule, Vereine und Kirchenmusik gehörten für ihn selbstverständlich zusammen. Besonders wichtig war ihm die Arbeit mit Jugendlichen. Die großen Fragen hätten sich über die Jahrzehnte kaum verändert: Woher kommen wir? Was ist Gott? Was bedeutet Glauben?

Dabei hat sich sein Blick auf die Konfirmandenarbeit verändert. Auf den Wunsch „Viel Spaß“ würde er heute nicht mehr mit einem Gegensatz zu Glauben und Lernen reagieren. „Freude ist ja auch ein Teil des Evangeliums“, sagt Ewald. Gemeinschaft und gemeinsames Erleben gehörten zum Glauben dazu.

Eine Begegnung steht für vieles, was Ewald unter Kirche versteht. Bei der Konfirmation eines schwerbehinderten Jungen im Rollstuhl war ihm wichtig, dass dieser mitten in der Gemeinde und nicht abseits konfirmiert wurde. Andere Kinder schoben ihn in die Kirche. Ewald fuhr an diesem Tag mit dem Fahrrad zum Gottesdienst und machte daraus den Ausgangspunkt seiner Predigt: Ob zu Fuß oder auf Rädern – alle seien bei Gott willkommen und gemeinsam mit ihm unterwegs. „Ohne Leistung“ seien Menschen als Geschöpfe Gottes angenommen.

Auch die Erinnerung an die jüdische Gemeinde Niederaulas gehört für Ewald zur Verantwortung der Kirche. Seit Jahren engagiert er sich im Arbeitskreis Stolpersteine. In der evangelischen Kirche erinnert ein Friedenslicht an die Vernichtung der jüdischen Gemeinde.

Kirche soll für Ewald offen sein. Die Niederaulaer Kirche wird täglich geöffnet, auch für Pilger und Radfahrer. Vielleicht reiche es manchmal schon, wenn jemand auf dem Weg zum Arzt kurz hineingehe und dort allein sitze. Auch das könne ein Stück Kirche sein.

Zum Abschied gibt Ewald seiner Gemeinde keine Gebrauchsanweisung mit. Er wünsche sich ausdrücklich nicht, dass alles so weitergeht wie bisher. „Nicht irgendwie: Das war aber immer so, so war es gut und so müssen wir es weitermachen“, sagt er. Entscheidend sei, dass vieles weitergehe – vielleicht in anderer Form und mit anderen Menschen. Nun ziehen Werner und seine Frau ins Havelland, nach Paretz, in das Elternhaus seiner Frau. Haus und Garten warten, ebenso mehr Zeit für Fahrradfahren, Inlineskaten, Bergwandern und Musizieren.

Ganz ohne Kirche wird es vermutlich auch dort nicht gehen. In der kleinen Dorfkirche in Paretz hängt derzeit statt einer Glocke eine Eisenbahnschiene. Ewald würde gern dazu beitragen, dass eines Tages wieder eine richtige Glocke im Turm läutet. Einen ersten Grundstock gibt es bereits: Die Hälfte einer Kollekte aus Niederaula soll dafür verwendet werden. Es ist ein passendes Bild für seinen Abschied: Ewald geht – und denkt schon darüber nach, wo als Nächstes etwas zum Klingen gebracht werden könnte.

Nach 35 Jahren endet seine dienstliche Verbindung mit Niederaula. Seine Überzeugung aber bleibt: Kirche lebt nicht von einer einzelnen Pfarrperson, sondern von Menschen, die sich einbringen.