Nach Mord an Elfjähriger: Frankreich geht härter gegen Sexualstraftäter vor
Ein Sexualmord an einem elfjährigen Mädchen erschüttert Frankreich und hat erste Änderungen bei der Strafverfolgung ausgelöst. Justizminister Gérald Darmanin ließ binnen fünf Wochen knapp 70.000 anhängige Strafanzeigen wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige überprüfen. Das Ergebnis erzielt seither Schockwirkung in Frankreich: 675 mutmaßliche Sexualstraftäter, die auf freiem Fuß waren, wurden daraufhin eilends in Untersuchungshaft genommen.
Insgesamt sind 85.047 Strafanzeigen wegen Sexualstraftaten an Minderjährigen noch unbearbeitet. 970 Fälle werden nach den Worten Darmanins fortan als vorrangig eingestuft. Die Ermittler stehen damit unter erheblichem Druck, um weitere Taten zu verhindern. Das bestätigt den Verdacht, dass die Justiz die Strafverfolgung bislang verschleppte. Darmanin bekundete, mit dieser Kultur des Wegsehens müsse nun Schluss sein.
Tatverdächtiger war der Justiz bereits bekannt
Die öffentliche Debatte wurde durch den Mord an der elfjährigen Lyhanna aus dem südwestfranzösischen Département Gers ausgelöst. Das Mädchen soll vom Vater ihrer Schulfreundin entführt, vergewaltigt und getötet worden sein. Ihre Leiche wurde in einem Getreidesilo auf dem Gelände eines verlassenen Landwirtschaftsbetriebs gefunden. Der Vater war einschlägig bekannt. Gegen ihn lagen mehrere Strafanzeigen wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs an jungen Mädchen vor, ohne dass die Justiz eingeschritten war.
Der 41 Jahre alte Jérôme B. verweigert seither die Aussage und sitzt in Untersuchungshaft. Im Intimbereich des getöteten Mädchens wurden DNA-Spuren von ihm gefunden. Gegen ihn wurde ein Strafverfahren wegen Vergewaltigung und vorsätzlicher Tötung eingeleitet.
Der Fall Lyhanna hat kurz nach der Erschütterung über den Fall Gisèle Pelicot neue Abgründe offengelegt. Nach Schätzungen einer unabhängigen Kommission werden in Frankreich jedes Jahr 160.000 Kinder Opfer von sexualisierter Gewalt. Die Kommission zu Inzest und sexueller Gewalt hatte im Jahr 2023 einen ersten Bericht vorgelegt.
Doch erst der konkrete Mordfall Lyhanna hat den Druck auf die Behörden so erhöht, dass sie nun handeln. Die Überprüfung der anhängigen Verfahren führte nach Angaben des Justizministeriums zudem seit Anfang Juni zur Einleitung von 1300 Vorermittlungen – viermal so viele wie im Vorjahreszeitraum.