Nach Pisa-Schock: Sechs Stunden Nachsitzen für Bayerns Grundschüler

Mehr Zeit in der Schule? Für viele Grundschüler in Bayern ist das längst Alltag. Zahlreiche Grundschulen in Bayern bieten inzwischen im Ganztag Unterricht bis 16 Uhr an. Und zwar häufig aus Überzeugung: Die Schüler profitierten davon, heißt es. Sie hätten mehr Zeit zu lernen und entwickelten Sozialkompetenzen. Wenn der Ministerpräsident nun also die Stundenzahlen an Grundschulen allgemein erhöhen will, erhält er dafür von vielen Seiten Zustimmung. „Herzlichen Dank an Ministerpräsident Markus Söder“, jubiliert etwa der Bayerische Musikrat, der sich über mehr Musikstunden freut. Man mache gerne mehr Unterricht, hört man auch von Grundschulrektoren. Nur: Gibt es dafür auch die nötigen Lehrer und die Finanzierung?

Verfassungsviertelstunde, Digitaloffensive vor und zurück, mehr Unterricht in den Kernfächern – die Klausurtagung der CSU-Fraktion in Kloster Banz ist eine Bühne, auf der der Ministerpräsident gerne neue Linien in der Schulpolitik aufzeigt. „Wir sind da immer schon in Habachtstellung“, sagt die Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann.

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Vergangene Woche nun hatte sich Söder nach dem „Pisa-Schock“ die Grundschulen vorgenommen und die Kinder dort quasi zum Nachsitzen verdonnert – mit mehr Unterricht in den Kernfächern Deutsch und Mathematik, aber auch mit einer dritten Sportstunde und zusätzlichem Musikunterricht.

„Vorgesehen ist, an der Grundschule in den nächsten Jahren insgesamt sechs Stunden zusätzlich einzuführen. Gestärkt werden sollen die Fächer Mathematik, Deutsch, Sport und Musik“, teilte das Kultusministerium am Freitag auf Anfrage der dpa mit. Zuerst hatte die Augsburger Allgemeine, unter Verweis auf Angaben des Vorsitzenden des Bildungsausschusses im Landtag, Peter Tomaschko (CSU), berichtet.

Demnach sollen in den Jahrgangsstufen eins und zwei jeweils eine Stunde, in den Jahrgangsstufen drei und vier jeweils zwei Stunden zusätzlich pro Woche kommen. Dazu machte das Ministerium zunächst keine Angaben. Die genaue Ausgestaltung werde derzeit gemeinsam mit der Schulfamilie besprochen und erarbeitet, erläuterte hingegen das Ministerium.

Basiskompetenzen fehlen

Die aktuelle Pisa-Studie enthielt zwar keine Auswertung nach Bundesländern, verdarb aber wegen des erneut schlechteren Abscheidens der deutschen Schülerinnen und Schüler auch in Bayern den Bildungspolitikern die Laune. Die getesteten 15-Jährigen hatten die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Pisa-Erhebungen erzielt. Einem Viertel fehlten Basiskompetenzen in den Naturwissenschaften – in Lesen und Mathematik galt dies sogar für ein Drittel. Und nun?

Um gegenzusteuern, fordern Bildungsexperten seit Längerem einen stärkeren Fokus auf frühkindliche Bildung. „Es liegt an den Basiskompetenzen“, sagte auch Fleischmann. „Es geht um Deutsch und Mathe und es geht um die Bildungsangebote in der Grundschule.“ Söder habe den Ton also völlig richtig gesetzt, so Fleischmann. Die Frage sei nun – wie nach jeder Ankündigung des Ministerpräsidenten – wie seine Pläne umgesetzt würden: „Was macht die Kultusministerin damit?“

Denn mehr Stunden zu fordern ist das eine, sie angesichts der anhaltenden Lehrernot durchzuführen, eine andere. Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) verteidigte die Pläne auf Rückfrage trotzdem:  „Kinder brauchen vor allem Zeit. Und Schule braucht Zeit. Zeit, um die Basiskompetenzen zu vertiefen und um ganzheitliche Bildung zu fördern.“ Sie verwies darauf, dass Bayern mit seiner Pisa-Offensive diese Erkenntnisse schon teilweise beherzigt habe. Bayern hatte 2024 beschlossen, dass an den Grundschulen mehr Deutsch und Mathematik unterrichtet werden sollte. Die Schulen sollten die Zeit dafür bei den kreativen Fächern bündeln oder kürzen. Diesen Weg gehe man nun mit zusätzlichen Stunden an der Grundschule weiter, so Stolz. Das sei zudem ein deutlicher Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit.

Die Staatsregierung verhindere mit einem Stellenmoratorium neue Lehrer, kritisierten die Grünen

Warum man, statt zu kürzen, nicht gleich die Stundenzahl erhöht hatte, erklärte sie indes nicht. Die Opposition im Landtag stellt die Frage dafür umso lauter. „Ministerpräsident Söder fordert jetzt mehr Musikunterricht, obwohl seine Regierung zuvor Musikunterricht gekürzt hat“, kritisierte die Grünen-Abgeordnete Gabriele Triebel. Eine Anfrage der Grünen an das Kultusministerium habe ergeben, dass durch die vergangene Reform rein rechnerisch mehr als 40 Prozent des Musikunterrichts an den Grundschulen gestrichen worden sei.

Die Grünen hätten schon damals eine zusätzliche Unterrichtsstunde pro Woche angeregt. Die Staatsregierung hingegen verhindere mit einem Stellenmoratorium, dass überhaupt genug Lehrkräfte für zusätzlichen Unterricht da seien, kritisieren die Grünen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bayern sieht das ähnlich: „Jede zusätzliche Wochenstunde muss jemand unterrichten“, sagte GEW-Vize Markus Weinberger. Wegen der Sparvorgaben aber lasse die Staatsregierung derzeit keine neuen Stellen für Lehrkräfte zu, obwohl etwa 20 000 Schülerinnen und Schüler mehr unterrichtet würden als im Vorjahr. „Wer mehr Unterricht verspricht und zugleich keine neuen Stellen zulässt, reicht die Rechnung an die Kollegien weiter“, so Weinberger.

Das Kultusministerium wies die Aussage, es würden auch in Zukunft keine neuen Planstellen geschaffen, zurück. Das Stellenmoratorium betreffe nur das Schuljahr 2026/2027. Im Doppelhaushalt 2026/2027 seien für das Schuljahr 2027/2028 bereits 1500 zusätzliche Planstellen für Lehrkräfte eingepreist. Weitere Planstellen würden folgen, wie auch Söder in Banz erklärt habe. Auch der Koalitionsvertrag sehe für die laufende Legislatur insgesamt 6000 neue Lehrerstellen vor.

Weil Lehrer fehlen, wird vielerorts bereits der Förderunterricht reduziert

Doch selbst wenn die Staatsregierung Geld für neue Lehrer in die Hand nimmt, bleibt das faktische Problem, dass es derzeit nicht genug Lehrkräfte gibt. Das mag auch der Grund gewesen sein, warum man bei der vergangenen Reform die Stundenzahl nicht ausgeweitet hat. Die Grundschulen würden die Stundentafel gerne erhöhen und zusätzlich noch Theater-AGs und Fußball anbieten, sagt Verbandspräsidentin Fleischmann. Sie hätten gerne Zeit für demokratiebildende Maßnahmen und man müsse den Kindern auch Fahrradfahren und Schwimmen beibringen. Nur: „Wir sind schon jetzt in der absoluten Mangelverwaltung“, so Fleischmann. Vielerorts würden wichtige Bildungsangebote wie Förderunterricht reduziert, für AGs gäbe es kaum noch Lehrerstunden. „Wir überlegen, wie wir genug Lehrer in die Grundschulen reinbekommen, wie wir Löcher stopfen können.“

In dieser Situation schafft Söder nun mit seinem Vorschlag neue Baustellen. Manch einem Fachpolitiker dürfte er damit einige Kopfschmerzen bereiten. Die Richtung sei trotzdem richtig, so Fleischmann.

Ihre Hoffnung:  „Es studieren jetzt wieder ganz viele junge Menschen Grundschullehramt.“ Bald könnte sich die Not gar in einen Überschuss verwandeln. Diese Lehrer gelte es dann an den Schulen zu halten. Mit einer Stundentafel, bei der kein Kind vor vier nach Hause geht. „Das wäre der große Wurf dahinter“, so Fleischmann.