Nach Spott über Elterntipps: Ratgeber des Bundeskanzleramts ist plötzlich offline

Tipps für Alleinerziehende

Nach Spott über Elterntipps: Ratgeber des Bundeskanzleramts ist plötzlich offline

Deutsche Influencerinnen wundern sich über fragwürdige Tipps in einem österreichischen Ratgeber für Alleinerziehende. Nun ist die Broschüre nicht mehr abrufbar. Was ist da passiert?

Nadja Kupsa

Eine junge Frau sitzt nachdenklich vor einem Laptop und hält ein Kleinkind auf dem Schoß. Das Kind trägt Latzhosen und hat Essensreste im Gesicht. Auf dem Tisch stehen ein Glas Milch und ein Glas mit einem Löffel.
Alleinerziehende stemmen Kinderbetreuung, Erwerbsarbeit und Haushalt oft gleichzeitig. Einige Tipps in einer Broschüre für Alleinerziehende wirken deswegen wie ein Hohn.

"Erste Hilfe bei Selbstmitleid" – so lautet eine Überschrift in einem Ratgeber für Alleinerziehende, der bis vor wenigen Tagen auf der Website des österreichischen Bundeskanzleramts zum Download angeboten wurde. Darunter findet sich unter anderem folgender Ratschlag: "Denken Sie nicht, alle Probleme wären gelöst, wenn Sie mehr Geld hätten. So stehen Sie sich selbst im Weg. Erinnern Sie sich lieber daran, was Ihnen Freude macht und Sie ablenkt."

Screenshot der Broschüre
Am 2. Oktober war die ElternTipps-Broschüre für Alleinerziehende auf der Seite des Bundeskanzleramts noch aufrufbar.

In der vergangenen Woche sorgte die Broschüre zunächst in Deutschland für Verwunderung. Zwei reichweitenstarke Accounts griffen die österreichischen "ElternTipps Alleinerziehend" in sozialen Medien auf.

Unter anderem äußert sich Jonas Rühl, der auf Instagram unter "papa.mit.tics" über seinen Familienalltag spricht und dort rund 84.000 Menschen erreicht, zu der Broschüre. "Zu sagen, Geld löst nicht alle Probleme, ist so 'peak' privilegiert, Claudia", kritisiert er im Reel. Er richtet sich damit direkt an Bundesministerin Claudia Bauer, unter deren Namen die Broschüre veröffentlicht wurde. Dann sagt er weiter: "Warum gibt man nicht einen Ratgeber raus, der Vätern erklärt, dass sie ihre Verantwortung genauso zu tragen haben wie Mütter."

Dabei handelt es sich keineswegs um ein altes Dokument, das vergessen in irgendeinem Winkel des Internets liegt. Die Broschüre wurde zum Zeitpunkt der Beiträge ganz regulär auf der Website des österreichischen Bundeskanzleramts angeboten. Auf dem Titel: "ElternTipps Alleinerziehend". Im Impressum: Stand Jänner 2026.

Beim STANDARD meldet sich auch die Wiener Psychotherapeutin und Mediatorin Julia Röder. Eine Klientin habe sie auf die Broschüre aufmerksam gemacht. Zunächst habe sie sich darüber gefreut, dass das Familienministerium unterschiedliche Formen von Elternschaft aufgreife. Beim Lesen sei die Verwunderung aber gewachsen. "Die Broschüre wirkt veraltet und ist voll von Zuschreibungen an Frauen, die nicht hilfreich sind", sagt Röder. Besonders irritiere sie, dass Alleinerziehende darin etwa als "selbstmitleidig" dargestellt würden.

Die STANDARD-Redaktion hat sich den 36-seitigen Ratgeber vollständig angesehen. Tatsächlich enthält er neben vielen durchaus hilfreichen Informationen eine Reihe von Passagen, die im Jahr 2026 zumindest bemerkenswert erscheinen.

Selbstmitleid bei Geldsorgen

Besonders irritierend ist tatsächlich der Abschnitt mit der Überschrift "Erste Hilfe bei Selbstmitleid".

Screenshot aus dem PDF: ElternTIPPs Alleinerziehend – Ratgeber für Ein-Eltern-Familien, der bis 2. Oktober 2026 noch auf der Seite des Bundeskanzleramts online war.
Screenshot aus dem PDF: ElternTIPPs Alleinerziehend – Ratgeber für Ein-Eltern-Familien, der bis 2. Oktober 2026 noch auf der Seite des Bundeskanzleramts online war.

Für die Psychotherapeutin Julia Röder ist allein die Wortwahl problematisch. "Selbstmitleid" suggeriere, dass die Belastung nicht ernst genommen werde. Aus therapeutischer Sicht wäre es hilfreicher, von Selbstmitgefühl zu sprechen und zunächst anzuerkennen, dass sich Menschen in schwierigen Lebenssituationen ausgeliefert oder nicht handlungsfähig fühlen können, sagt sie gegenüber dem STANDARD.

Der Rat trifft eine Bevölkerungsgruppe, bei der Geldprobleme keineswegs nur eine Frage der Wahrnehmung sind. Das zeigt auch eine aktuelle Umfrage der Arbeiterkammer Niederösterreich unter 2.732 Allein- und Getrennterziehenden: Fast 82 Prozent der Befragten leiden häufig oder sehr häufig unter finanziellen Sorgen. Und das trotz hoher Erwerbsbeteiligung: Mehr als acht von zehn Befragten sind unselbstständig beschäftigt, die Mehrheit davon in hoher Teilzeit oder Vollzeit. Rund ein Viertel würde gerne mehr arbeiten, scheitert laut Erhebung aber an den Rahmenbedingungen – etwa an Arbeitszeiten und Kinderbetreuung.

Drittes Rad am Wagen?

Doch nicht nur für finanzielle Sorgen hält der Ratgeber eine recht einfache Lösung bereit. Auch wer sich nach einer Trennung im bisherigen Freundeskreis nicht mehr wohlfühlt, bekommt einen Tipp. Unter der Überschrift "Drittes Rad am Wagen?" heißt es: "Wenn Sie sich in Ihrer jetzigen Lebensphase unter Pärchen nicht wohlfühlen, wählen Sie eben eine andere Freizeitgestaltung." Andere Alleinerziehende würden sich wahrscheinlich über neue Bekanntschaften freuen, "kinderlose Singles" könne man fragen, ob sie bei einem Ausflug mitkommen.

Und auch für den Fall, dass das Zusammensein mit Paaren doch nicht zu vermeiden ist, gibt es einen Gedanken zur Aufmunterung: "In einer gemütlichen Runde Händchen haltender Pärchen dürfen Sie ruhig denken: Es ist nicht alles Gold, was glänzt." Schließlich könnten Beziehungen "ganz schön anstrengend" sein.

Und spätestens, wenn man sich die Medientipps für Alleinerziehende durchliest, fragt man sich, ob das alles Satire ist: Zur Ablenkung empfiehlt die Broschüre Alleinerziehenden ausgerechnet Serien wie "Full House", "Two and a Half Men", "King of Queens" oder "Gilmore Girls". Als "Serien rund um alleinerziehende Väter" wird dabei sogar "King of Queens" angeführt – obwohl im Mittelpunkt der Serie das kinderlose Ehepaar Doug und Carrie Heffernan steht.

Ministerium nimmt Broschüre offline

Ein Blick in die Entstehungsgeschichte der Broschüre erklärt zumindest teilweise, warum manche Formulierungen heute etwas veraltet wirken: Neu geschrieben wurde der Ratgeber nämlich nicht im Jahr 2026. Die Broschüre "ElternTipps Alleinerziehend" erschien bereits 2016. Das bestätigt nun das Bundeskanzleramt auf STANDARD-Anfrage. Die Broschüre sei 2016 von einer Elternbildnerin, die selbst alleinerziehend sei, unter Beiziehung weiterer Fachleute konzipiert worden. "Bei den Neuauflagen wurden nur Links und einzelne Daten aktualisiert", heißt es aus dem Büro von Familienministerin Bauer.

Der STANDARD hat Familienministerin Claudia Bauer bereits vergangenen Freitag mit mehreren Passagen aus dem Ratgeber konfrontiert. Unter anderem wollte die Redaktion wissen, ob sie die Formulierungen heute noch für angemessen und zeitgemäß hält, was bei der Neuauflage 2026 inhaltlich überarbeitet wurde und ob die Texte vor der Veröffentlichung fachlich und redaktionell auf ihre Aktualität geprüft wurden.

Noch bevor die STANDARD-Redaktion eine Antwort erhält, passiert das: Die Broschüre ist am Sonntag plötzlich nicht mehr abrufbar. Weder auf der Seite des Bundeskanzleramts noch auf der Seite von Elterntipps.at.

Das war kein Zufall. Aus dem Büro von Bauer heißt es am Montag: "Auch uns sind die Beiträge [auf Instagram, Anm. d. Red.] aufgefallen." Man habe die Broschüre offline genommen. Noch deutlicher wird das Ministerium in einer Nachricht, die an jene Creatorinnen und Creator geschickt wurde, die den Ratgeber öffentlich kritisiert hatten: "Wir können Ihnen zustimmen, dass die Formulierungen in der Broschüre so nicht in Ordnung sind."

Auch die "Inhalte und Tonalität" seien "so nicht mehr zeitgemäß". Die zuständige Fachabteilung sei deshalb mit einer Überarbeitung beauftragt worden.

Dabei will das Ministerium nun ausgerechnet jene Menschen einbeziehen, durch deren Beiträge die veralteten Ratschläge größere Aufmerksamkeit bekommen haben. Die Creatorinnen und Creator seien zu einem Gespräch eingeladen worden und sollen an der Überarbeitung mitwirken, teilt das Bundeskanzleramt dem STANDARD mit.

Was Alleinerziehende tatsächlich brauchen

Eine Idee, welche Hilfsangebote Alleinerziehende in Österreich wirklich brauchen, bekommen wir von der Psychotherapeutin Julia Röder. Eine Broschüre sollte folgende Fragen klären: "Wo erhalten Alleinerziehende konkrete Unterstützung bei finanziellen, rechtlichen und administrativen Problemen? Und wo finden sie niedrigschwellige emotionale Unterstützung – unter Bedingungen, die berücksichtigen, dass gerade bei Alleinerziehenden Geld und Zeit knappe Ressourcen sein können?"

Denn sich in einer schwierigen Situation überfordert zu fühlen, müsse nicht sofort mit einem Tipp zur Selbstoptimierung beantwortet werden. "Manchmal", sagt Röder, "geht es zunächst darum, anzuerkennen, dass eine Situation tatsächlich schwierig ist."

Ob Alleinerziehende diese oder andere Ratschläge künftig in einer überarbeiteten Version der staatlichen "ElternTipps" finden werden, ist derzeit offen. (Nadja Kupsa, 5.10.2026)

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