„Nach zehn Minuten keinen Bock mehr“: Millennial-Vater rechnet mit Boomer-Großeltern ab

Stand: 01.09.2026, 07:03 Uhr

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Millennial-Eltern sind überrascht vom Verhalten der Boomer-Großeltern. Eine Pädagogin nennt mögliche Gründe.

Hamburg – „Unsere gleichgültigen Boomer-Eltern haben keinen Bock auf unsere Kinder“, schreibt ein Vater im Onlineforum Reddit. Er habe zwei Töchter, drei und sieben Jahre alt. Seine eigene Mutter stehe kurz vor der Rente, seine Schwiegereltern seien bereits in Rente. Die Großeltern seien zwar „absolut nicht verpflichtet“, sich um ihre Enkeltöchter zu kümmern – doch wenn sie die Familie alle zwei bis drei Monate besuchen, „haben sie schon nach zehn Minuten keinen Bock mehr auf irgendwas, was nicht mit Handy oder TV zu tun hat“.

Großeltern halten Baby

Viele Großeltern sind heute erwerbstätig oder auf Reisen – einige haben dadurch weniger Zeit für die Enkel. (Symbolbild) © IMAGO / HalfPoint Images

Der Vater schildert im Beitrag mehrere Situationen, in denen sich die Großeltern nach kurzer Zeit zurückgezogen hätten, etwa bei der Einschlafbegleitung. „Zweimal hat sie es abgebrochen, weil die unerzogenen Blagen einfach nicht schon nach zehn Minuten geschlafen haben“, erzählt der Vater ironisch. Auch bei der Einschulung habe sich der Großvater nach kurzer Zeit entschuldigt, während die Großmütter sich miteinander unterhalten hätten, ohne auf die Enkelkinder zu achten, „also musste ich nebenbei die beiden Kinder betüddeln“. Der Vater und die Mutter der Kinder seien „wirklich niedergeschlagen“ und neidisch auf Großeltern, die sich aktiv um ihre Enkel kümmerten.

Heutige Eltern sind überrascht von „total desinteressierten Großeltern“

In den Kommentaren zum Beitrag meint jemand: „Großeltern, die keine Lust haben, sind oft ehemalige Eltern, die es damals schon nicht sein wollten.“ Eine andere Person berichtet jedoch, dass ihre Eltern liebevoll und engagiert waren, „aber total desinteressierte Großeltern“. Ihre Freiheit sei ihnen mit Anfang 50 wichtiger. Genau andersherum habe es ein weiterer Nutzer erlebt: Dessen Eltern seien desinteressiert gewesen und nun die „liebevollsten Großeltern“.

Offenbar handelt es sich um individuelle Fälle: Während sich weder alle Eltern noch alle Großeltern einer Generation gleich verhalten, haben sich die äußeren Umstände verändert. So sind im Vergleich zu früher deutlich mehr Frauen erwerbstätig. 1991 sind 57 Prozent der Frauen zwischen 15 und 64 Jahren einer Lohnarbeit nachgegangen, im Jahr 2024 waren es 74 Prozent der Frauen in dieser Altersgruppe. Das entspricht einer Steigerung von 30 Prozentpunkten seit der Wiedervereinigung. Dies zeigen Daten des Statistischen Bundesamts.

Besonders deutlich ist der Wandel bei älteren Frauen. Zahlen des Demografieportal zeigen: 1970 etwa waren 30 Prozent der Frauen zwischen 55 und 64 erwerbstätig, 2023 waren es in dieser Altersgruppe 71 Prozent – also mehr als doppelt so viele. In der Gruppe der 60- bis 64-Jährigen gibt es einen besonderen Anstieg allein in den vergangenen zehn Jahren. 2015 waren 53 Prozent der Frauen in diesem Alter erwerbstätig – 2025 bereits 68 Prozent.

Das hat Folgen für beide Seiten: Viele Mütter sind berufstätig und stärker auf Betreuung angewiesen – Eltern spüren das Fehlen von Großeltern, die wenig involviert sind, also umso deutlicher. Gleichzeitig haben mehr Großmütter als früher schlicht weniger Kapazitäten, um einzuspringen.

Großeltern leben heute anders als vorherige Generationen

Doch was, wenn selbst dort, wo Zeit vorhanden ist, die Unterstützung oft ausbleibt? „Großeltern leben heute Großelternschaft anders, als es vorherige Generationen getan haben“, sagt die systemische Familienberaterin und Pädagogin Katharina Hübner der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Deshalb stecke hinter desinteressiertem Verhalten nicht unbedingt „Egoismus“, sagt die Expertin, sondern „generationenübergreifende Erwartungen, alte Rollenbilder und eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung“.

Für Millennials sei es normal gewesen, von den Großeltern – meist Teil der sogenannten Stillen Generation (1928–1945) – nachmittags betreut und bekocht zu werden. „Das ist heutzutage bei ihren eigenen Kindern kaum der Fall.“ Die Generation der Babyboomer habe andere Ansprüche ans Alter: „Jetzt, im Ruhestand, möchten sie das nachholen, was sie vorher verpasst haben: Reisen, Selbstverwirklichung, Partnerschaft leben“, sagt Hübner.

Babyboomer hätten das Kinderkriegen oftmals nicht derart hinterfragt wie heute – es sei ein Teil des Lebens gewesen, den es abzuhaken galt. „Wenn sie nie gelernt haben, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten oder sie gar auszudrücken – dann kann das spätere Großelternsein dazu führen, dass sie überfordert sind oder sich distanzieren.“ Millennial- und Gen-Z-Eltern würden dies nun als „Desinteresse oder Ablehnung“ interpretieren. (Quellen: Reddit, Statistisches Bundesamt, Demografie Portal, eigene Recherche)