Nachruf auf „Nane“: Das letzte Bild zeigt sie strahlend am Gipfelkreuz
Stand: 14.08.2026, 19:59 Uhr
Kommentare

Nadine Günzinger verunglückte beim Abstieg von der 2106 Meter hohen Montscheinspitze tödlich. Die letzte Ruhe fand sie jetzt unter einer jungen Linde.
Bad Tölz – „Was für ein Geschenk.“ Das sagt Nadine Günzinger in einem Video, das das Bergpanorama von der Montscheinspitze aus zeigt. Ihre Schwester, ihre Mama und ihr 15-jähriger Sohn werden diese Worte erst sehr viel später hören, denn auf dem Abstieg von dem 2106 Meter hohen Berg im Karwendel stürzt die 37-jährige Tölzerin in den Tod. Wie das Unglück genau geschehen ist, wird sich nicht mehr klären lassen. Es gibt keine Zeugen. „Wir wissen aber, dass sie sofort tot war, weil die Verletzungen so schwerwiegend waren“, sagt ihre Schwester Stefanie Günzinger. Das Handy wird unbeschädigt gefunden. Auf ihm befinden sich das Video und das Gipfelfoto, das später in der Todesanzeige veröffentlicht wird.
„Nane war laut, aber auch leise“
Wenn Stefanie Günzinger und die gemeinsame Freundin Isi Frank über „Nane“ sprechen, gibt es eine Fülle von Geschichten. Viel zu viele, um sie alle zu erzählen. Sie sei einfach „eine wuide Henna“ gewesen, sagt Frank. „Eine Chaos-Queen“, ergänzt Schwester Stefanie lächelnd. Sie war Vegetarierin mit einem Sinn fürs Spirituelle, sie liebte die Farben Orange und Grün und Federn. Auf den Berggipfeln fühlte sie sich lebendig. Sie war eine, die alles ausprobieren und Neues kennenlernen wollte, sich für alles interessierte, eine, die zuhören, aber auch gut reden konnte, eine, die klare Standpunkte hatte, aber immer auch offen war für andere Meinungen. Sie war eine, die dankbar war für das, was sie hatte, und sich wünschte, dass jeder glücklich ist. „Und sie war eine totale Frauenrechtlerin“, sagt Isi Frank. „Sie wollte die Welt verbessern – vor allem Bad Tölz“, fügt Schwester Stefanie lächelnd hinzu. Ihre Bachelorarbeit, die sie nicht mehr zu Ende bringen konnte, befasst sich unter anderem mit der besseren Vereinbarkeit von Rad- und Fußgängerverkehr an der Isarpromenade.
„Man hat sie überall tanzend, lächelnd und singend gesehen“, sagt Stefanie Günzinger. Musik sei generell ein wichtiger Teil ihres Lebens gewesen. „Nane war laut, aber auch leise. Man konnte mit ihr wirklich tiefsinnige Gespräche führen“, ergänzt Isi Frank.
Mit 21 bekam sie ihren Sohn Korbinian
Beruflich probierte Nadine Günzinger einiges aus. Sie machte in München eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, arbeitete dann in diesem Job in Bad Tölz. Mit 21 bekam sie Sohn Korbinian. „Auch diese Herausforderung hat sie total angenommen und eine wahnsinnige Wandlung gemacht“, sagt Stefanie Günzinger. Ihre Schwester holte ihren Schulabschluss nach, arbeitete als Schulbegleiterin, begründete mit ihrer Schwester und Gabriella Hüsken die Bar N19 an der Nockhergasse, absolvierte ein Fernstudium, um Erzieherin werden zu können, und arbeitete dann im ReAL-Verbund. Mit Hündin Emma schloss sie zudem noch ihre Ausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Therapie ab. Zuletzt studierte sie Soziale Arbeit in Benediktbeuern.
Sie war der Dreh- und Angelpunkt der Familie und des Freundeskreises
Immer Zeit blieb aber für die Familie. „Sie war durch ihre Art der Dreh- und Angelpunkt“, sagt Isi Frank. „Meiner Mama werden nicht nur die gemeinsamen Spaziergänge fehlen. Auf dem Hinweg hat sich Nane immer die Sorgen angehört, und auf dem Rückweg hatte sie immer die richtigen Worte“, sagt Stefanie Günzinger. Dreh- und Angelpunkt war sie auch für den überaus großen Freundeskreis – „aus allen Berufs- und Altersschichten. Das ist irre“, sagt Stefanie Günzinger. Ihre Schwester habe immer ein offenes Haus gehabt, jeder durfte kommen. „Ein bisschen wie bei Pippi Langstrumpf“, sagt sie und schmunzelt. „Sie hat einfach Menschen zusammengebracht.“
Letzte Ruhe unter einer jungen Linde, die immer Sonne hat
Viele wollten sich von „Nane“ verabschieden. Auch deshalb hatte sich die Familie bewusst für eine Aufbahrung entschieden. Dorthin brachten viele Federn mit, „damit sie sich ihr Flügelkleid basteln kann“, sagt Stefanie Günzinger. Am Mittwoch wurde ihre Schwester in der „Waldruh“ in Dietramszell zu Grabe getragen. Bestattet wurde die Urne unter einer jungen Linde, die immer in der Sonne steht. „Das war genau ihr Wetter“, sagt Stefanie Günzinger. Die Beerdigungsbesucher waren im Vorfeld darum gebeten worden, bunte Kleidung zu tragen. Was bleibt, sind die vielen Geschichten und Erinnerungen – auch in den Gipfelbüchern. Dort hat sie immer den gleichen Spruch hinterlassen: „Ich bitte, ich glaube, ich empfange. In tiefer Dankbarkeit. Nane.“