Naher Osten: Huthi rücken weiter vor – wie gefährdet sind Energieexporte?
Naher Osten: Huthi rücken weiter vor – wie gefährdet sind Energieexporte?
Die jemenitischen Huthi-Rebellen kontrollieren die Meerenge zum Roten Meer und bedrohen saudische Energieexporte. Die aktuelle Lage gilt als extrem fragil. Ein Experte ordnet ein.
Aufmarsch einer Huthi-Miliz in Sanaa im Jemen: Die Gruppierung kontrolliert jetzt die wichtige Wasserstraße Bab al-Mandab. Foto: AP Photo/STR
Istanbul, Frankfurt. Die Huthi-Rebellen im Jemen stellen für die Schifffahrt am Zugang zum Roten Meer und für saudische Energieexporte eine wachsende Gefahr dar. Beobachter vor Ort haben bestätigt, dass die vom Iran unterstützten Rebellen am Freitag die Insel Perim (Mayyun) eingenommen haben. Die Insel in der Meerenge Bab al-Mandab unterteilt diese in zwei Schifffahrtswege.
Mit dieser Eroberung und der Besetzung der Hafenstadt Mokka kontrollieren die Rebellen nun faktisch die gesamte Verbindung zwischen dem Roten Meer und dem Golf von Aden – damit die kürzeste Seeroute zwischen Asien und Europa.
Wie fragil die Situation rund um diesen wichtigen Transportweg von Erdöl ist, ließ sich Ende der Woche am Preis für die weltweite Referenzsorte Brent ablesen: Ein 159 Liter-Fass (Barrel) mit Lieferdatum im November kostete mehr als 110 Dollar nach der Einnahme von Mokka. Am Freitag sank der Ölpreis zwar wieder leicht. Doch die große Unsicherheit hält an.
So ist noch nicht klar, wie der mächtige Ölexporteur Saudi-Arabien und seine Verbündeten reagieren werden. Experten erkennen eine Bedrohung für die Rohöltransporte von verschiedenen Seiten.
Die Ölversorgung über die bedeutende Schifffahrtsroute ist einmal mehr gefährdet
Immer wieder ist die wichtige Transportroute durch das Rote Meer durch Konflikte und Bedrohungen beeinträchtigt worden. So wurden über diesen Seeweg bis 2023 rund dreißig Prozent des weltweiten Containerverkehrs abgewickelt. Nachdem dieser aufgrund regionaler Konflikte weitgehend zum Erliegen gekommen war, hatte er sich zuletzt wieder erholt.

Screenshot eines Videos, das Huthi-Kämpfer in Mokka zeigen soll: Die Aufnahmen konnten bisher nicht unabhängig verifiziert werden. Foto: AFP
Die aktuelle Belagerung der Huthi-Rebellen kann für die Ölversorgung weitreichende Folgen haben. Nach der Blockade der Straße von Hormus durch den Iran hat Saudi-Arabien einen Teil seines Erdöls über die Ost-West-Pipeline, die von den Förderanlagen im Osten des Landes zum Hafen Yanbu im Westen führt, auf den Weltmarkt gebracht. Zeitweise stiegen die Exporte vom Vorkriegsniveau von 1,4 Millionen auf bis zu fünf Millionen Barrel pro Tag.
Bereits im August sind die saudischen Rohölexporte durch die Meerenge im Roten Meer nach Asien wegen Schiffsattacken der Huthi-Rebellen drastisch zurückgegangen: von fast vier Millionen Barrel pro Tag im Juni auf rund 400.000 Barrel pro Tag im August, schrieb Martha Tallas, Rohöl-Analystin bei der britischen Preisberichtsagentur Argus Media. Der Spielraum für einen weiteren Rückgang der Transporte durch das Bab al-Mandab sei begrenzt, schrieb die Analystin weiter.
Hinzu kommt, dass die Exporte aus Russland aufgrund der ukrainischen Angriffe auf Raffinerien ausfallen. Die Folge: Weltweit nähern sich Diesellager Rekordtiefstständen, die Preise steigen. In den USA haben Dieselfutures erstmals die Marke von sechs Dollar je Gallone übertroffen.
Zudem ist die Ölinfrastruktur im arabischen Raum verwundbar. Bereits in der Vergangenheit wurde in der Region eine Verdichterstation der Pipeline von Geschossen getroffen, wodurch die Exportkapazität tagelang reduziert war. Satellitenaufnahmen zeigten über der Pipeline in der Nähe von Medina im Westen Saudi-Arabiens dichte Rauchwolken. Ob der Brand Folgen für die Kapazitäten hatte, ist unklar. Ein Treffer ist bisher nicht bestätigt, und auf aktuellen Satellitenaufnahmen vom Freitag waren keine Rauchwolken mehr zu sehen.
In Teheran bejubelt man die Huthi-Eroberungen
Indes feiert das Regime in Teheran die militärischen Manöver der Huthi-Rebellen. „Wir freuen uns über die Siege des heldenhaften jemenitischen Volkes“, sagte Vizepräsident Mohammed Reza Aref laut staatlicher Medien am Freitag.
Die Bildung eines mächtigen wirtschaftlichen und politischen islamischen Blocks garantiere die Interessen der islamischen Nation, sagt er weiter. Mohammed Bagher Ghalibaf, Parlamentspräsident und ein zentraler Vertreter des Regimes in Teheran, erklärte auf der Plattform „X“: Mit Gottes Hilfe werde das heldenhafte jemenitische Volk siegen.
Der Schiffsverkehr durch die Meerenge sei sicher, erklärte dagegen der Huthi-Sprecher Mohammed Abdulsalam. Es bestehe kein Anlass zu internationaler Besorgnis, ergänzte er.
Experten sehen dies indes differenzierter: „Das ist so lange glaubwürdig, bis sie es sich anders überlegen“, sagte Jemen-Experte Jens Haibach vom Forschungsinstitut für internationale Politik, German Institute for Global and Area Studies (GIGA), in Hamburg. Und: „Letztendlich liegen die Zügel in ihrer Hand.“
Die Situation für den Schiffsverkehr hat sich seiner Einschätzung nach nun deutlich verschlechtert: Aufgrund ihres Vormarschs könnten die Huthi den Schiffsverkehr jetzt leichter angreifen, analysierte Haibach weiter.
Dabei müssten sie seiner Ansicht nach nun nicht mehr Drohnen oder Raketen einsetzen, sondern können Schiffe auch mit leichter Artillerie attackieren. Diese Bedrohungslage lässt sich seiner Aussage nach auch an Prämien für Versicherungspolicen ablesen, die seiner Beobachtung nach in die Höhe geschnellt sind.
Experte: „Saudi-Arabien hat keine wirklichen Optionen“
Als große Unbekannte gilt zudem die Reaktion der führenden Ölmacht und einflussreichen Regionalmacht Saudi-Arabien. Zumindest die
international anerkannte und von Saudi-Arabien unterstützte Regierung Jemens hat am Freitag eine Gegenoffensive angekündigt.
Dass sie dazu in der Lage ist, gilt allerdings als fraglich. Am Donnerstag ergaben sich Hunderte ihrer Soldaten den Huthi-Rebellen. Diese erbeuteten dadurch moderne Waffen, mit denen die Regierungstruppen von den Saudis ausgerüstet worden waren. Den Rebellen fielen auch amerikanische Militärfahrzeuge in die Hände.
Die türkische Regierung hat sich bis Freitagnachmittag nicht geäußert. Pakistan verurteilte den Angriff der Rebellen zwar scharf, fürchte aber, in den Konflikt hineingezogen zu werden, heißt es in Regierungskreisen.
Islamabad hat im Rahmen eines bilateralen Abkommens zwar mehrere hundert Soldaten nach Saudi-Arabien geschickt. Diese sollen aber nur der Verteidigung des Landes dienen.
Pakistan ist ein wichtiger Vermittler zwischen dem Iran und den USA. Die Türkei bemüht sich in dem Konflikt ebenfalls um eine diplomatische Lösung.

Besuch des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman bei US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus im November: Die Stimmung war noch gut. Foto: REUTERS
Die USA haben laut einem Bericht des Senders CNN hundert Soldaten in das Königreich verlegt. Diese sollen Riad im Kampf gegen die Huthi mit Aufklärungsinformationen unterstützen.
US-Präsident Donald Trump hat es laut einem Medienbericht jedoch abgelehnt, direkt zu intervenieren. Kronprinz Mohammed bin Salman, der faktische Herrscher von Saudi-Arabien, habe am Donnerstag zweimal mit Trump telefoniert und ihn um Unterstützung gebeten, berichtete das US-Nachrichtenportal Axios. Das habe Trump abgelehnt, hieß es.
Echte Handlungsmöglichkeiten werden dem Königreich von Experten aktuell nicht zugesprochen: Saudi-Arabien habe keine wirklichen Optionen, sagte Haibach vom GIGA-Institut.
Ab 2015 hatten die Saudis zusammen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) versucht, die Rebellen mit Luftangriffen und Marineeinsätzen zu besiegen. „Das hat nicht funktioniert“, sagte der Experte. Riad unterstütze die anerkannte Regierung. Deren Truppen seien so gut ausgerüstet wie noch nie. „Aber was will man darüber hinaus machen?“, fragt er.
In arabischen Medien wird über eine Bodenoffensive spekuliert. „Ich sehe nicht, dass sich die Saudis jetzt mit Bodentruppen beteiligen“, sagt Haibach.
Die Huthi gehören einer Minderheit der schiitischen Glaubensrichtung an. Waren sie ursprünglich nur in einer Bergregion präsent, gelang es ihnen im Zuge der jemenitischen Aufstände nach 2011, im Nordwesten des Landes große Gebiete zu erobern. 2015 nahmen sie dann die jemenitische Hauptstadt Sanaa ein.

Im Jemen: Das von den Huthi-Rebellen verbreitete Foto soll Kämpfer in der Provinz Jawf zeigen. Foto: Ansar Allah Media Office via AP
Kurz darauf griffen Saudi-Arabien und seine Verbündeten ein und bombardierten jahrelang Huthi-Stellungen – erfolglos. Der Krieg führte zu einer humanitären Katastrophe. Die Vereinten Nationen (UN) vermittelten 2022 einen Waffenstillstand.
Die Huthi verfolgen eigene Ziele
Doch die saudische Blockade ist weiterhin in Kraft. Seit Längerem versuchen die Rebellen, dem mächtigen Nachbarland bessere Bedingungen abzuringen. Experte Haibach, der längere Zeit im Jemen gelebt hat, geht davon aus, dass dies auch jetzt eines der Ziele der Milizen ist.
Lange seien sie damit gescheitert, sagte er. „Das wollen sie jetzt wieder voranbringen“, ergänzte Haibach. Und: „Dass sie durch die Eskalation auch iranische Ziele voranbringen, ist quasi ein Abfallprodukt.“
Der Iran hat seine Unterstützung für die Huthi im letzten Jahrzehnt intensiviert, insbesondere nach dem saudischen Angriff 2015. In einigen Expertenkreisen zählen die Rebellen deshalb zu den iranischen Verbündeten in der Region, die auf Befehl Teherans handeln, wie etwa die Hisbollah im Libanon oder die proiranischen Milizen im Irak.
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SchifffahrtExperte Haibach sieht das allerdings kritisch: Zwar seien die Huthi nach wie vor auf iranische Hilfe angewiesen, viele Waffen könnten sie mittlerweile aber selbst bauen.
Das Ziel der Rebellen ist seiner Ansicht nach, ihre Macht im Roten Meer insgesamt auszubreiten. „Das Rote Meer wird für sie immer wichtiger“, betonte er.
Dabei arbeiteten sie unter anderem mit der somalischen Extremistengruppe al-Shabab und anderen militanten Gruppen in Ostafrika zusammen. „Das geschieht nicht in Zusammenarbeit und nicht im Auftrag des Iran. Vielmehr verfolgt man gemeinsame Ziele“, sagte der Experte. Für die Huthi geht es seiner Einschätzung nach darum, als quasi staatlicher Akteur das Rote Meer zu kontrollieren: Langfristig kann dies eine weitaus größere Gefahr für den Schiffsverkehr werden.

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