Nerven behalten, bella figura machen: So facht Wüst die Kanzlertausch-Debatte an

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Drei Tage vor der erwarteten Sachsen-Anhalt-Depression steht Hendrik Wüst im äußersten Westen der Republik in einem zugigen Zelt und klingt wie ein Motivationsredner, der gleich barfuß über Glasscherben läuft. „Das Rennen um die Spitzenstandorte auf dieser Welt ist offen. Oft bejammern wir uns selber, dass wir alles verpennt haben. Wir haben noch nichts verpennt!“ Er atmet durch. „Noch nix verpennt! USA, China, Asien – alle sind dran. Wir auch. Wir sind dran!“

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Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident ist ins Forschungszentrum Jülich gekommen, um einen Quantencomputer einzuweihen, der mit gigantischer Rechenleistung die Verfahrenstechnik, Medizin und Materialforschung revolutionieren könnte. Die vielen Spitzenforscher, die gekommen sind, lachen über Wüsts kokette Unkenntnis über Ionen im Schwebezustand. Hinterher murmeln sie zufrieden darüber, dass der prominente Gast sie „Hightech-Festgemeinschaft“ genannt hat.

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Ein weiterer Termin, der auf Wüsts Good-Vibes-Konto einzahlt. Der NRW-Ministerpräsident hat in nur fünf Amtsjahren eine Meisterschaft darin entwickelt, einen guten Eindruck zu hinterlassen und Publikumserwartungen so exakt zu berechnen wie ein KI-Assistent. Positiv, ruhiger Puls, bloß keine Polarisierung – so tänzelt der 51-Jährige telegen durch seinen Terminkalender. Damit gilt er als glattes Gegenmodell zum historisch unbeliebten Kanzler Friedrich Merz, der sich nach einem Sommer des Missvergnügens gerade erst wieder mit einer Kinderärztin im Fernsehen anblaffte.

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt dürfte am Sonntagabend ab 18.01 Uhr die Merz-Dämmerung voranschreiten und eine Kanzlertausch-Debatte neu entflammen. Die Umfragewerte der Union trudeln Richtung 20 Prozent. Der Meinungsforscher Manfred Güllner attestierte in dieser Woche Merz sogar, er bringe mit seiner Unbeliebtheit im Volk „das bisherige Gefüge des politischen Systems ins Wanken“. Könnte und sollte also doch Wüst in Berlin übernehmen?

„Geschlossenheit ist das Gebot der Stunde“

Im Mai hatte der NRW-Regierungschef solche Spekulationen tagelang treiben lassen und erst kurz vor einer persönlichen Begegnung mit Merz bei einer Klausurtagung als „Quatsch“ abgetan. Vergangene Woche nun wies Wüst erneut jedes Interesse an solchen Personaldebatten von sich: „Geschlossenheit ist das Gebot der Stunde.“ Die Panik in den eigenen Reihen bleibt ihm jedoch nicht verborgen. „Ich weiß doch auch nicht, wie es weitergehen soll. Aber so geht es jedenfalls nicht weiter“, klagt eine CDU-Bundestagsabgeordnete aus NRW.

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Lange schien Wüst nur mit der K-Frage zu spielen, um sich mit Bedeutung aufzuladen. Bis 2021 war er noch ein weitgehend unbekannter und parteiintern ziemlich unbeliebter Landesverkehrsminister in Düsseldorf. Als Armin Laschet als CDU-Chef und Kanzlerkandidat scheiterte, konnte Wüst nur durch glückliche Umstände nachrücken: Er war der Einzige, der über das richtige Alter, die nötige Regierungserfahrung und das in NRW verfassungsrechtlich vorgeschriebene Landtagsmandat verfügte. Damals lernte man den politischen Dominospieler Wüst kennen: Über Monate hielt er sich und seine Ambitionen so lange bedeckt, bis die Steine in seinem Sinne fielen. Der Weg zur Macht ist für einen wie ihn eine Versuchsanordnung.

Die Blicke sind in der CDU-Krise auf Wüst gerichtet

Wiederholt sich das nun auf Bundesebene? Wüst ist seit seinem 15. Lebensjahr in der Politik und kennt die CDU so gut wie kaum jemand. Er dürfte um die Unmöglichkeit von Kanzlertausch-Fantasien in diesen Zeiten wissen. Die Solidaritätserwartungen in der einstigen Machtmaschine Union gegenüber dem eigenen Regierungschef. Die verfassungsrechtliche Stellung des Kanzlers. Die wackelige Koalition mit der wund geriebenen SPD. Der angeschlagene CSU-Chef Markus Söder, der sich von Wüsts konservativem Buddy in Junge-Union-Zeiten zum Gegenspieler entwickelt zu haben scheint. Dringend notwendige Reformen. Die Weltlage. Das Super-Wahljahr 2027. Alles richtig.

Sommertour von Ministerpräsident Wüst

Hendrik Wüst im Forschungszentrum Jülich.© Henning Kaiser/dpa | Henning Kaiser

Dennoch sind in der CDU-Krise die Blicke auf Wüst gerichtet, den Regierungschef des bevölkerungsreichsten Bundeslandes und Vorsitzenden des größten Landesverbandes. Auch wenn er im kommenden April erst noch eine Landtagswahl zu bestehen hat, gilt er als Kanzler der Reserve, als unbestrittener Kronprinz, der früher oder später in den Bund wechseln müsse. Wenn man fragt, warum ausgerechnet dieser Hendrik Josef Wüst aus Rhede im Münsterland die Republik vor der AfD, vor Trump, Putin, Chinas Autos und dem wirtschaftlichen Abstieg bewahren können soll, hört man aus der Union: „Das Wichtigste in der Politik ist heute emotionale Regulation. Hendrik Wüst beherrscht sie.“ Also: Nerven behalten, zuhören, zusammenführen, nicht zu viel versprechen, bella figura machen. „Ugly words make ugly people“, schärfte Wüst seinem Generalsekretär Paul Ziemiak vor einigen Jahren zum Dienstantritt in Düsseldorf ein: „Hässliche Worte machen hässliche Menschen.“

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Wüst verfüge über „unbedingtes Rollenbewusstsein“ und sei ein exzellenter Beobachter seiner selbst, sagt ein langjähriger Gefährte. Wüsts Credo: In unfreundlichen Zeiten der Polarisierung, in denen schlechte Nachrichten dominieren und Menschen rund um die Uhr sozialmedial übereinander herfallen, müsse gerade die Politik konsequent freundlichen Pragmatismus vorleben. Auf Enttäuschungen bloß nicht mit neuen Versprechen reagieren, die man dann wieder nicht halten kann. Für jemanden, der vor 20 Jahren als konservativer Haudrauf in der NRW-CDU aufgestiegen und zwischenzeitlich abgestürzt ist, bleibt es eine bemerkenswerte Lernkurve.

Meister der emotionalen Regulation

„Im Grunde sind Politiker wie Gebrauchtwarenhändler in eigener Sache“, hat Wüst vor einigen Monaten im Podcast mit dem Fußballprofi Robin Gosens gesagt. „Wir verkaufen unser Produkt und unser Produkt ist leider nicht immer neu und frisch poliert, sondern wir haben eine Erfahrungswelt.“ Seine Erfahrung ist, dass man heute anschlussfähig sein muss wie ein Mehrfachstecker. Wüst regiert harmonisch mit den Grünen, davor mit der FDP, liegt in Beliebtheitsumfragen stabil im vorderen Drittel. Sein überparteiliches Konzept lautet: Einer für alle, mehr Mensch als Macher, niemals Macker.

Sommertour von Ministerpräsident Wüst

Einschulungstag mit Überraschungsgast: Wüst am Donnerstag in Köln-Mülheim.© Henning Kaiser/dpa | Henning Kaiser

Gerade erst hat Wüst der SPD-Legende Franz Müntefering den Landesverdienstorden verliehen, obwohl die NRW-SPD dem CDU-Ministerpräsidenten seit Jahren garstig unterstellt, Performance wichtiger zu nehmen als politische Programmatik. Industriekrise, Verkehrschaos, Sicherheitslage – die objektiven Zahlen in NRW sind in der Tat deutlich schlechter als Wüsts Laune. Manchen nervt auch seine westfälische Spitzbübigkeit, mit der er Leute generös als „tüchtig“ oder „kundige Thebaner“ lobt. Seine immer wiederkehrenden Redebausteine klingen nach seelenloser Baumarkt-Werbung: „Machen, worauf es ankommt.“ Oder: „Politik kann einen Unterschied machen.“ Da kann jeder zustimmen.

Hendrik Wüst hat in mehr als 20 Jahren Berufspolitik eben gelernt, dass es nur eine Währung gibt: Zustimmung.