„Sehr kritisch“: Problematischer Wandel im Alltag junger Menschen breitet sich aus
Stand: 18.09.2026, 20:22 Uhr
Junge Menschen haben heute weniger Freunde als früher. Viele leiden unter Einsamkeit. Ein Experte erklärt, die Hintergründe.
Frankfurt – Haben Sie schon einmal von „loneliness influencern“ gehört oder von der „no friends aesthetic“? Beide Begriffe sind vor allem unter jungen Menschen und in den sozialen Medien verbreitet. Sie beschreiben Internet-Trends, die das Alleinsein, Einsamkeit und den bewussten Verzicht auf soziale Bindungen als melancholische, aber oft auch coole oder schützende Ästhetik darstellen. Das Internet ist voll mit entsprechenden Beiträgen. Dahinter steckt nicht nur die Romantisierung und Vermarktung von Vereinsamung, sondern eine reale Krise: Immer mehr junge Menschen haben immer weniger soziale Kontakte.

Erste Zahlen dazu liefert ein jüngst veröffentlichter Report aus Großbritannien. Das Institute for Public Policy Research (IPPR) stellte fest, dass sich die Zahl der Jugendlichen, die laut eigenen Angaben gar keine Freunde haben, seit 2014 verfünffacht hat. Einer von zwanzig britischen Jugendlichen ist demnach alleine. Auch die Qualität der Freundschaften hat laut der Befragung abgenommen: Viele junge Menschen geben zwar an, einen Freundeskreis zu haben, jedoch kaum eng empfundene Freundschaften.
Fast jeder vierte junge Mensch in Deutschland leidet unter Einsamkeit
Lange galt Einsamkeit als Phänomen des hohen Alters – bedingt durch Verluste in Partnerschaft, Familie und Freundeskreis sowie gesundheitliche Probleme, die einen zu Hause isolieren. Alles Dinge, die für junge Menschen eigentlich weit entfernt sind. Doch das Einsamkeitsbarometer 2026 des Bundesfamilienministeriums zeigt: Junge Erwachsene (18 bis 40 Jahre) und Menschen ab 75 Jahren fühlen sich ähnlich häufig einsam, in beiden Gruppen aktuell fast jeder Vierte. Frauen sind häufiger betroffen als Männer; man spricht vom „Gender Loneliness Gap“.
Warum ist das Einsamkeitsgefühl bei der jungen Generation so hoch wie noch nie zuvor? Laut IPPR wachsen junge Menschen heute isolierter auf – zwischen digitaler Kindheit, Pandemie und immer weniger Orten, an denen echte Begegnungen entstehen.
Die Frankfurter Rundschau von Ippen.Media hat bei André Hajek nachgefragt. Er ist Professor für Interdisziplinäre Versorgungsepidemiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und gilt als einer der weltweit führenden Experten zum Thema Einsamkeit. Dass das Gefühl bei jungen Menschen gerade so stark ausgeprägt ist, führt der Experte auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen seien Jugendliche und junge Erwachsene besonders häufig mit Übergängen konfrontiert – Schulabschluss, Auszug aus dem Elternhaus, neue Stadt, erster Job. Solche Wechsel hätten schon immer ein Einsamkeitsgefühl wecken können.
Zum anderen spielten multiple Krisen eine Rolle: „Pandemie, Kriegsangst, Klimaangst – wir leben in besonderen Zeiten.“ Dass dies zu Gefühlen der Einsamkeit führen könne, sei bereits teilweise wissenschaftlich belegt. Eine zentrale Rolle spielt für den Wissenschaftler jedoch der Faktor „soziale Medien“. Kinder bekämen heute viel früher ein eigenes Smartphone und damit Zugang zu Plattformen, deren idealisierte Darstellungen zum Verhängnis werden können. Wer ständig Influencer oder Stars sehe, die scheinbar mehr unternehmen und mehr Freunde haben, ziehe negative Vergleiche, die wiederum in Einsamkeit münden könnten. „Dies kann zweifelsohne sehr kritisch für zahlreiche Outcomes wie Einsamkeit, depressive Symptome oder ein ungesundes Körperbild sein“, sagt Hajek zur übermäßigen Bildschirmzeit.
Differenzierter sieht es Matthias Reinhard, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum München: Entscheidend sei das Nutzungsverhalten. Im Gespräch bei der Frankfurter Rundschau erklärte er, Soziale Medien könnten Einsamkeit verstärken, wenn die „geschönt dargestellte Welt anderer Menschen“ zum Vergleichsmaßstab werde. Manchen Patienten rate er aber gerade dazu, dort niedrigschwellig neue Kontakte zu knüpfen. Einen noch niedrigschwelligeren Kontakt finden Jugendliche heute in Chatbots wie ChatGPT. Die Nutzung unter jungen Menschen wächst rasant.
Die Kommunikation mit künstlicher Intelligenz ist laut Hajek eine einseitige Beziehung: Man holt sich Informationen, ohne etwas zurückzugeben. Freundschaft beruhe jedoch auf Gegenseitigkeit. „Es kann vermutet werden – bleibt jedoch abzuwarten –, dass unsere Fähigkeit zum Aufbau von Beziehungen und somit letzten Endes unsere Beziehungen darunter leiden werden“, sagt der Professor. Welche langfristigen Auswirkungen die intensive Nutzung von Chatbots auf die soziale Interaktion hat, ist jedoch noch nicht wissenschaftlich belegt.
Darüber, warum sich gerade die Gen Z mit dem Knüpfen und Halten enger Freundschaften aktuell schwertut, lässt sich nur mutmaßen. Hajek vermutet aber: Je mehr die persönlichen Begegnungen von Angesicht zu Angesicht zurückgehen, desto mehr verlernen junge Menschen jene Fähigkeiten, die für echte Freundschaften nötig sind. „Es mehren sich die Hinweise, dass wir insbesondere diese persönlichen Kontakte brauchen.“
Und die Folgen anhaltender Einsamkeit sind erheblich. „Aus Studien wissen wir um gesundheitliche Auswirkungen“, sagt die Frankfurter Sozialforscherin Yvonne Wilke, Leiterin des Kompetenznetzes Einsamkeit, der FR. Angstzustände und Depressionen könnten sich entwickeln oder verstärken, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden Diabetes begünstigt. „Selbst durch kurze Einsamkeitsphasen kann sich der Gesundheitszustand verschlechtern.“ Hinzu komme eine gesellschaftliche Dimension: Einsame Menschen erlebten einen Vertrauensverlust in andere Menschen, aber auch in demokratische Werte und das politische System. Einsamkeit, sagt Wilke, werde damit zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem – und nicht nur eines der Jungen und Alten. (Quelle: IPPR, BMBFSFJ, eigene Recherche)