Japan: Neues Ziel für Russlands Spione
Japan
Als Folge der Invasion der Ukraine haben westliche Regierungen 2022 zahlreiche russische Akteurinnen und Akteure ausgewiesen und sanktioniert. Laut einem Bericht der „New York Times“ soll eine Gruppe von Kreml-Spionen seitdem ihre Aktivitäten nach Japan verlagert haben und aus dem Tokioer Büro einer Fluggesellschaft operieren. Die japanische Regierung bestätigte am Montag Aufholbedarf bei der Spionageabwehr.
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Angaben des ukrainischen Präsidentenbüros zufolge enthält ein Großteil der in der Ukraine eingesetzten russischen Marschflugkörper, Raketen und Drohnen auch Komponenten von japanischen Herstellern. Kiew warnte die japanische Regierung laut „New York Times“ bereits mehrmals in diplomatischen Schreiben vor dem Schmuggel japanischer Bauteile nach Russland.
Laut Recherchen der US-Zeitung steckt hinter dem indirekten Export japanischer Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, ein System: Eine russische Militärgeheimdiensteinheit, die „20. Direktion“, arbeite mitten in Tokio daran, die westlichen Sanktionen zu umgehen und die für den Krieg gegen die Ukraine benötigten Teile nach Russland zu bekommen.
Demnach würden sich die Spione als Mitarbeitende der staatlichen, russischen Fluggesellschaft Aeroflot ausgeben, deren japanisches Büro mitten in einem der am schnellsten wachsenden Geschäfts- und Luxusviertel Tokios liegt. Vor allem dem Leiter der Einheit soll eine entscheidende Rolle bei der Versorgung Russlands mit japanischen Komponenten zukommen.
„Brücke zwischen Japan und Russland“
Er soll laut westlichen Geheimdiensten, auf die sich die „New York Times“ bezieht, Kontakte zu Logistikunternehmen haben, die die Umgehung der Sanktionen ermöglichen. Weil Aeroflot selbst in Japan nicht mehr aktiv ist, nehme die jeweilige Fracht einen Umweg via Partnerunternehmen. Einer dieser Partner, das Unternehmen Proco Air, wirbt laut „New York Times“ gar mit dem Slogan „Brücke zwischen Japan und Russland“.
Die Firma mietet laut der US-Zeitung Teile eines Frachtraums bei Fluggesellschaften, die jene Länder anfliegen, in denen Aeroflot noch direkt tätig ist. Dort würden die Güter in den Frachtraum von Aeroflot-Maschinen geladen, die in Richtung Russland abheben sollen.
Vietnam, Usbekistan und Sri Lanka
Der Chef von Proco Air bestritt gegenüber der US-Zeitung, beim Export verbotener Güter nach Russland geholfen zu haben. Man transportiere vor allem medizinische Geräte. Laut einem Dokument, das der „New York Times“ vorlag, fanden Geschäfte mit einem Pharmaunternehmen statt, das wegen direkter Verbindung zu Kreml-Chef Wladimir Putin sanktioniert wurde.
Weltweit ist Japan eines der größten Exportländer von Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können („Dual Use“). Laut der US-Zeitung zählt neben Usbekistan und Sri Lanka auch Vietnam zu den Hauptabnehmern dieser. Vietnam sei in den vergangenen Jahren gleichzeitig zu einem der wichtigsten Beschaffer der „Dual Use“-Güter für Russland geworden. Die in Hanoi regierende kommunistische Partei unterhält enge Beziehungen mit dem Kreml.
Kein Auslandsgeheimdienst
Ein japanischer Regierungssprecher erklärte nach Veröffentlichung der „New York Times“-Recherche am Montag, dass es einen „wachsenden Bedarf“ gebe, „ausländischen Geheimdienstaktivitäten entgegenzuwirken“. Auch wenn der Sprecher nicht direkt auf den Bericht eingehen wollte, müsste man „das Problem mit noch größerer Strenge angehen“. Erst Anfang des Jahres wurde einem Bericht der „Japan Times“ zufolge ein mutmaßlicher russischer Spion festgenommen.
Historisch bedingt gelten in Japan im internationalen Vergleich lockere Gesetze zur Abwehr von Spionage. Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg schuf das Land neue, dezentral organisierte nachrichtendienstliche Strukturen aufgrund einer pazifistischen Verfassung.
Der Fleckerlteppich machte das Land besonders attraktiv für ausländische Akteure. Zudem verfügt Japan über keinen eigenen Auslandsnachrichtendienst. Deswegen ist die Regierung in Tokio weitgehend auf Informationen von befreundeten Diensten, wie jenen in den USA, angewiesen.
Reform als Teil der Aufrüstung
Die seit vergangenem Oktober im Amt befindliche japanische Premierministerin, Sanae Takaichi, kündigte bereits strikteres Vorgehen gegen ausländische Spione an. Zudem soll ein zentraler Nachrichtendienst geschaffen werden. Laut der „New York Times“ holten sich japanische Vertreterinnen und Vertreter dazu Know-how von befreundeten Diensten in den USA und Australien.
Auch der Chef des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) sei für Beratungen nach Tokio gereist. Die japanische Regierung habe sich bei den befreundeten Diensten Expertise zu Technologien, Personal und Prioritäten geholt, berichtete die Zeitung.
Die geplante Neuorganisation des Nachrichtendienstes ist Teil einer umfassenden Aufrüstungsstrategie. Neben steigenden Verteidigungsausgaben machte Takaichis Regierung zuletzt den Weg für Rüstungsexporte frei. So will sich Japan gegen eine mögliche Bedrohung aus China wappnen. Zugleich verfolgt die Regierung in Tokio eine neue Strategie der Abschreckung, die sich ebenso gegen Russland richtet.