„Nicht für mein Kind“: Problem im deutschen Schulsystem breitet sich aus
Stand: 22.08.2026, 08:14 Uhr
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Viele Eltern machen sich intensiv Gedanken um die Schule ihrer Kinder. Ein Experte erklärt die Gründe dafür.
Hamburg – Eine gute Schulbildung legt den Grundstein für ein erfolgreiches Leben – so denken viele Eltern. In dieser Zeit lernen Kinder schließlich grundlegende Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen, müssen ihren Platz in einer Gruppe finden und spüren womöglich zum ersten Mal Leistungsdruck. Es ist also wenig verwunderlich, dass viele Eltern sich bereits mit der Wahl der richtigen Grundschule beschäftigen. Eine Mutter hat im Onlineforum Reddit erzählt, dass sie ihren Sohn bei der Adresse der Großeltern scheinangemeldet, und ihn somit bewusst auf eine andere Grundschule geschickt habe. Wir berichteten.

Als Grund gab die Mutter im Beitrag nicht die Ausstattung oder den Ruf der Schule an, „sondern die Zusammensetzung der Schülerschaft“. Ihr sei es wichtig, dass ihr Sohn „auf eine Schule geht, auf der Deutsch die gemeinsame Alltagssprache sei“. Viele Nutzerinnen und Nutzer bewerten das Verhalten der Mutter als egoistisch, einige schreiben jedoch auch, dass sie „genau so“ handeln würden. Wie verbreitet es ist, dass Eltern die Grundschule für ihre Kinder strategisch wählen, weiß der Bildungsforscher Thomas Koinzer.
Professor: Über 40 Prozent der Eltern wählen Grundschule bewusst
„Im städtischen Raum wählen über 40 Prozent der Eltern bewusst die Grundschule“, sagt der Professor am Arbeitsbereich Erziehungswissenschaftliche Methodenlehre an der HU Berlin der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Gleichzeitig sei es schwer zu definieren, was „wählen“ genau bedeute: Eine Grundschule zu wählen heiße nicht zwingend, eine andere als die zugewiesene Einzugsgebietsschule zu besuchen. In einer Studie mit Berliner Familien konnte Koinzer zeigen, dass sich Eltern im Schnitt über vier Grundschulen informieren – und danach möglicherweise doch die Schule im Einzugsgebiet wählen.
Vor allem Eltern in sozial und kulturell gemischten Stadtvierteln seien es, die besonders intensiv wählen – und dabei manchmal zu Mitteln griffen, die „rechtlich in einer Grauzone liegen“, wie Scheinadressen, Ummelden oder das Einklagen eines Schulplatzes. „Eltern lieben ihre Kinder und wollen das Beste für sie – und dass sie sich Gedanken machen, ist verständlich.“ Gleichzeitig kann Koinzer beruhigen: „Kinder aus bildungsaffinen Haushalten kommen in jeder Schule zurecht.“
Im ländlichen Bereich sei das Wahlverhalten weniger ausgeprägt, „aber auch dort kann man von gut einem Drittel der Eltern ausgehen“, sagt der Experte. Dabei komme es auch darauf an, wie ländlich es ist: In einer Stadt mit 50.000 Einwohnern gebe es schlicht mehr Schulen zur Auswahl als in einer Ortschaft mit weniger als 10.000. Wie viele Eltern letztlich eine andere als die nächstgelegene Grundschule wählen, sei schwer zu sagen – viele machen sich jedoch Gedanken darüber. Und dies ist kein neuer Trend.
Entfernung der Schule bleibt zentrales Kriterium
„Das Phänomen, dass Eltern die Grundschule für ihr Kind strategisch auswählen, wird in der Bildungsforschung seit 15 bis 20 Jahren beobachtet.“ Das Prinzip „kurze Beine, kurze Wege“ würde nicht mehr gelten, also, dass das Kind möglichst wohnortnah eingeschult werde. In fast allen Bundesländern gebe es inzwischen rechtliche Regelungen, dass auch eine weiter entfernte Grundschule oder eine Privatschule gewählt werden kann, sollten dort Plätze zur Verfügung stehen.
Die Motive der Eltern seien dabei sehr unterschiedlich. Die Entfernung zur Schule sei ein zentrales Kriterium – viele wollten ihre Kinder nicht quer durch die Stadt fahren müssen. Auch bestehende soziale Bindungen spielten eine Rolle. „Kinder kommen aus der Kita, haben dort einen Freundeskreis – den möchte man erhalten“, erklärt Koinzer. Gleichzeitig spielten schulqualitätsbezogene Motive eine starke Rolle; in einigen Bundesländern könnten dafür auch die Kurzberichte der Schulinspektion eingesehen werden. „Das könnte dazu führen, dass Eltern sagen: Das ist nicht die Schule für mein Kind.“
Bei der Entscheidung für eine Schule, gehe es manchen Eltern darum, sich in gewisser Hinsicht sozial abzugrenzen. Das kann dann auch eine Entscheidung gegen eine öffentliche Schule und für eine private Schule sein. Eltern wollen einen aus ihrer Sicht geschützten Lernkosmos für ihre Kinder schaffen, mit weniger Kindern aus unteren sozialen Schichten oder mit Migrationshintergrund, weiß Rita Nikolai. Sie ist Professorin für Pädagogik an der Universität Augsburg mit dem Schwerpunkt vergleichende Bildungsforschung und beobachtet eine gesteigerte Nachfrage nach Privatschulen, insbesondere aus der Mittelschicht.
Das hält die Professorin für bedenklich: „Schule sollte eigentlich dazu da sein, dass alle Kinder zusammenkommen. Kinder können lernen, mit Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten klarzukommen und gemeinsam zu lernen“, sagt sie. Das müssten sie im Arbeitsleben auch können. „Wenn sie diese Erfahrungen nicht machen, wie soll dann ein gesellschaftlicher Zusammenhalt im Erwachsenenalter funktionieren?“ (Quellen: Reddit, eigene Recherche)