Rhein im Stress: Niedrigwasser bedroht Wirtschaft und Natur

Martin Singer kennt den Geruch des Untersees. Er ist am Schweizer Ufer des Bodensees aufgewachsen, lebt hier und verbringt seine Tage auf dessen Oberfläche. Er ist Kapitän einer der Rheinfähren von Kreuzlingen bis Schaffhausen. Aktuell ist in Stein am Rhein Schluss. Bis zum Ende der Saison. Zu wenig Wasser. „Natur riecht, und zwar nicht nach einer Parfümfabrik“, sagt er. Aber so wie gerade riecht der Rhein selten. Und nicht so lang.

Sein Maschinist fährt die Fähre am Schilf vorbei, das von Wasser bedeckt ist. Seekreide wird sichtbar, Sandbänke, wo normalerweise Wasser ist. Das Schiff fährt auf die Insel Reichenau zu. „Wenn der Pegel immer so wäre, hätte man den Damm nicht bauen müssen“, sagt Singer. Die Mitarbeiter der Rheinfähren müssen öfter Lotstäbe herausholen. Der Maschinist muss genauer auf den Kurs achten, weil die Tiefe nicht überall ausreicht.

Zu oft würden Flüsse nicht als System betrachtet, sagt der Ökologe

Drei Fahrradfahrer wollen in Reichenau aussteigen. Singer verlässt das Schiff, zieht eine Verbindungsleiste über den Steg. Damit müssen die Passagiere etwa 1,50 Meter überwinden. „Adé miteinand“, ruft er ihnen zu, als sie von Bord gehen.

Martin Singer, Kapitän der Thurgau, kennt den Untersee seit seiner Kindheit.
Martin Singer, Kapitän der Thurgau, kennt den Untersee seit seiner Kindheit.Philipp von Ditfurth
Ein Mann steht nahe dem Fähranleger in hüfthohem Wasser.
Ein Mann steht nahe dem Fähranleger in hüfthohem Wasser.Philipp von Ditfurth

Für Singer und seine Crew verändert sich das Arbeitsumfeld. Wie überall auf den mehr als 1200 Kilometern des Rheins in diesem Niedrigwasser-Sommer. Für diese Reportage waren wir auf allen Streckenabschnitten unterwegs und haben mit Fachleuten gesprochen – vom Kantonalbeamten in Bern über den Kraftwerker in Mainz bis zum Damminspektor im Rijnland. „Das Niedrigwasser bringt Sand ins Getriebe in Wirtschaftszweigen, die ohnehin von der Energiepreiskrise gebeutelt sind“, sagt der Ökonom Torsten Schmidt vom Leibniz-Institut RWI. „Man darf nie allein auf die Flüsse gucken. Das wird aber oft getan“, kritisiert der Gewässerökologe Christian Damm vom Karlsruher Institut für Technologie.

Die Thurgau fährt seit Juni eine kürzere Strecke, in der Hitze sind weniger Passagiere an Bord.
Die Thurgau fährt seit Juni eine kürzere Strecke, in der Hitze sind weniger Passagiere an Bord.Philipp von Ditfurth
Am oberen Rhein und im Bodensee ist das Wasser so weit zurückgewichen, dass breite Uferstreifen zu sehen sind, die normalerweise von Wasser bedeckt bleiben.
Am oberen Rhein und im Bodensee ist das Wasser so weit zurückgewichen, dass breite Uferstreifen zu sehen sind, die normalerweise von Wasser bedeckt bleiben.Philipp von Ditfurth

Es ist Martin Singers dritte Fahrt an diesem Tag. Um 17 Uhr weist die Temperaturanzeige 36,7 Grad aus. Oben am Himmel einige wenige Wolken, früher hätte man gesagt: Gutes Wetter, Motorboote düsen über das Bodenseewasser, Segelboote gleiten sachte darüber. 20.000 Franken verliert die Schweizerische Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein AG jeden Tag durch den reduzierten Fahrbetrieb. Zusätzlich 15.000 Euro durch ausbleibenden Getränkekonsum.

Schon beim Saisonauftakt an Karfreitag stand das Wasser niedrig, von Juni an wurde der naturbelassene Teil zwischen Schaffhausen und Stein nicht mehr angefahren. „Wir sind an einer Strategie für die Zukunft mit Klimawandel“, sagt Singers Vorgesetzter Remo Rey. Trotz geringerer Einnahmen würde er gern in flachere Fähren investieren. „Es kommt auf die Ankeraktionäre an, ob sie bereit sind, zusätzlich zu investieren.“ Als Singers Schiff in Ermatingen anlegt, kommt es an einem Kiosk vorbei, der sich in Anspielung auf „Take away“ „Lake away“ nennt. Dass einmal der See gemeint sein könnte, der weg ist, hätte niemand geahnt.

Fahrgäste der Thurgau nehmen die aufgrund des Niedrigwassers sehr steile Gangway.
Fahrgäste der Thurgau nehmen die aufgrund des Niedrigwassers sehr steile Gangway.Philipp von Ditfurth

Das Wasser ist nicht weg, es verteilt sich anders

Die Misere dieses Jahres – die Burg Pfalzgrafenstein in Kaub wurde von einer Insel zu einer Sandbank – beginnt weiter oben. In Graubünden, auf den ersten Kilometern des Rheins, schneite es im Winter kaum. Der Schnee kam erst später, und als er schmolz, verdampfte ein Teil des Wassers. Nun fehlen die Winterniederschläge und der Frühlingsregen. „Netto gewinnt das Einzugsgebiet an der Rhone und am Genfer See, wo es viel Wasser gibt. Am Bodensee dagegen gibt es wenig Gletschereinfluss“, sagt Bettina Schaefli, Professorin für Hydrologie der Universität Bern.

Die Schweizer Hauptstadt selbst liegt nicht am Rhein, aber an seinem wichtigsten Zufluss Aare. Dessen Wasser zu regulieren, ist die Aufgabe von Luzius Thomi, dem Leiter Gewässerregulierung des Kantons Bern. Der Fluss ist mit fünf Seen verbunden. Er soll dafür sorgen, dass die Wassermassen durch die Schweiz geleitet werden, ohne dass Schäden entstehen. Bislang hieß das: Hochwasser verhindern. Auf einmal geht es um Niedrigwasser: „Diese Aufgabe stellt sich erst neu, die Bewusstseinsbildung findet jetzt erst richtig statt“, sagt Thomi.

Die Aare (hier Anfang Juli) ist ein beliebter Freizeitort in der Schweizer Hauptstadt.
Die Aare (hier Anfang Juli) ist ein beliebter Freizeitort in der Schweizer Hauptstadt.dpa

In der Schweiz, und letztlich überall in Mitteleuropa, gebe es die Grundwahrnehmung, es mangele nicht an Wasser. „Im Jahresdurchschnitt stimmt das auch“, sagt Thomi. Durch den Klimawandel gebe es aber auch Perioden, in denen es zu wenig sei. Drei Winter mit wenig Schnee torpedierten eine gesellschaftliche Grundüberzeugung. Senkten sich die Seen, wisse man nicht genau, was zu tun sei, gesteht Thomi zu. Wird Wasser in Stauseen zurückgehalten, entstünden Interessenkonflikte. Wasserkraft hat einen Anteil von 55 Prozent am Schweizer Strommix. Fließt das Wasser nicht, kann es keinen Strom erzeugen.

Im Baseler Hafen hat sich die Zahl der Schiffsbewegungen fast halbiert

Am Hafenbecken von Basel zeigt Roland Blessinger auf eines der wenigen Binnenschiffe, die hier noch vorbeifahren. Es ist ein Exemplar der Baureihe Camaro auf dem Weg nach Rotterdam. „Ich weiß nicht, wie der durchkommen will“, sagt Blessinger. Es hat zwar so wenig geladen, dass weite Teile des Rumpfs aus dem Wasser ragen. Doch selbst damit ist spätestens nach Mainz Schluss. Die Besatzung baut offenbar auf den Regen, der Anfang dieser Woche kommen soll und für ein paar Tage wieder bessere Bedingungen schafft.

Ein Containerschiff mit wenig Ladung verlässt den Basler Hafen in Richtung Deutschland und Niederlande.
Ein Containerschiff mit wenig Ladung verlässt den Basler Hafen in Richtung Deutschland und Niederlande.Philipp von Ditfurth
Roland Blessinger, Leiter Nautisches Qualitäts- und Sicherheitsmanagement, im Gespräch mit Hafenmeister Mirko Vecko in der Revierzentrale
Roland Blessinger, Leiter Nautisches Qualitäts- und Sicherheitsmanagement, im Gespräch mit Hafenmeister Mirko Vecko in der RevierzentralePhilipp von Ditfurth
Roland Blessinger, Leiter Nautisches Qualitäts- und Sicherheitsmanagement, verlangt ein ganzheitliches Konzept für den Rhein.
Roland Blessinger, Leiter Nautisches Qualitäts- und Sicherheitsmanagement, verlangt ein ganzheitliches Konzept für den Rhein.Philipp von Ditfurth

In der Revierzentrale des Basler Hafens wartet Mirko Vecko auf seine Ablösung. Auf zehn Bildschirmen verfolgt er das Geschehen auf dem Rhein vor ihm. Zwischen Mitte Juli und Mitte August dieses Jahres haben seine Instrumente 794 Schiffsbewegungen aufgezeichnet. Im Vorjahreszeitraum waren es 1354. Als sein Nachfolger kommt, erzählt er: Bei Bewegungen und Gefahrgut habe er jeweils null eingetragen. „Okay, leer rein, leer raus“, sagt sein Nachfolger.

Seit dem Hitzejahr 2003 habe sich nach und nach in der Zentralkommission für die Rheinschifffahrt die Sicht durchgesetzt, dass der Klimawandel Folgen für die Rheinschifffahrt haben werde, sagt Blessinger. Seit einer Studie aus dem Jahr 2018 werde auch über niedrigwassertaugliche Schiffe gesprochen. Eine punktuelle Verbesserung der Fahrrinne am Mittelrhein könne einen um 20 Zentimeter höheren Pegel bewirken. Er aber plädiert für einen umfassenden Ansatz für eine höhere Resilienz des Rheinsystems. „Wir können das Niedrigwasser nicht wegbauen, der Klimawandel ist Tatsache“, sagt er.

Ein tief gelegtes Motorboot am Rhein bei Basel
Ein tief gelegtes Motorboot am Rhein bei BaselPhilipp von Ditfurth

Seitengewässer können sich schlechter über Grundwasser versorgen

Von Basel nach Straßburg ist es eine Autostunde mit vergleichsweise guten Bedingungen am Rhein entlang. Am Hafen von Basel zeigt Blessinger auf ein vollbeladenes Schiff, das Waren aus dem Elsass bringt. Für die kurzen Strecken taugt der Fluss als Transportweg. Noch eine Stunde weiter hat Christian Damm kürzlich einige Beobachtungen am Rhein gemacht. Der Gewässerökologe forscht am Karlsruher Institut für Technologie über Auen und Feuchtgebiete.

Silberweiden, die am resilientesten bei Überflutungen sind und deshalb direkt am Ufer wachsen, hatten ihre Füße im feuchten Schlamm, aber vertrockneten in der Krone. Das sei ein neuer Effekt. „Eine Feuchtgebietspflanze bekommt es nicht mehr hin, diesen Hitzestress auszugleichen durch Durchkühlung, durch interne Kühlung, Hochpumpen von Wasser, worin die Pflanzen eigentlich Meister sind“, sagt der Biologe Damm.

Blühende Silberweiden und noch blattlose Pappeln in der Rheinschleife bei Groß-Gerau Naturschutzgebiet Kühkopf
Blühende Silberweiden und noch blattlose Pappeln in der Rheinschleife bei Groß-Gerau Naturschutzgebiet Kühkopf

Diskussionen über niedrige Flusspegel seien viel zu begrenzt. „Je besser die Landschaft insgesamt mit Wasser versorgt ist, desto höher ist dieser Basisabfluss“, sagt er. Wenn Wasser aus dem Einzugsgebiet fehle, müssten sich die Seitengewässer über das Grundwasser versorgen können. Das sei aber nicht der Fall, weil dieses unter anderem durch eine Hochleistungslandwirtschaft immer weiter abgesenkt werde. Weitere Gründe seien die „Meliorationen“, also „Verbesserungen“ der Flüsse seit den Fünfzigerjahren, durch die es keine Feuchtgebietslandschaften mehr gebe. Behörden müssten stärker interdisziplinär zusammenarbeiten. „Landwirte müssen zu Wasserwirten werden“, fordert er.

17 Uhr bei Rheinkilometer 499, in Mainz: Die Laufschaufeln des Gas- und Dampfkraftwerks lassen dem Fluss gar keine Wahl und schöpfen ihm sein Wasser ab. 1,1 Kilometer Rohrlänge, es dauert weniger als zehn Minuten, dann spucken die Leitungen das nun ein paar Grad wärmere Wasser wieder in den Fluss. Mehr als 30.000 Kubikmeter in der Stunde werden so allein durch das „K3“ der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (KMW) gedrückt.

Christian Damm forscht als Gewässerökologe am Karlsruher Institut für Technologie.
Christian Damm forscht als Gewässerökologe am Karlsruher Institut für Technologie.privat

Unterhalb von 28 Grad Flusstemperatur ist die Kühlung möglich

Statt die heißen Abgase abzuführen, wird im Kraftwerk der Dampf für eine weitere Turbine erzeugt. So entsteht hier nach der Gasverbrennung abermals Strom. Der Rhein muss dabei im Kondensator dem Dampf die Wärme entziehen, bevor er wieder in sein Flussbett darf. Und so endet das Leihgeschäft zwischen „Kraftwerkern“ und Rhein.

„Solange er die 28-Grad-Marke nicht überschreitet, können wir den Fluss zum Kühlen nutzen – das ist für uns der harte Cut“, sagt Harald Kasper. Er ist einer der Kraftwerker. Seit 20 Jahren arbeitet er für die KMW, fünf davon als Betriebsleiter. Während er vom Pumpenhaus über das Gelände geht, zeigt er auf den Boden. Unter der Erde verlaufen mannshohe Rohre. Sie leiten das Flusswasser zur Kühlung ab. „Zur Linken, da steht das Müllkraftwerk. Das braucht das Wasser auch.“ Beide Anlagen machen sich den Fluss zunutze. Der Rhein sichert Arbeit, Dampf und Kühlung. Das Energie-Cluster an der Ingelheimer Aue. „Ohne den Fluss gäbe es uns nicht“, sagt er.

Der Betrieb des Kraftwerks 3 der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG hängt an der Flusstemperatur.
Der Betrieb des Kraftwerks 3 der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG hängt an der Flusstemperatur.Lucas Bäuml
Harald Kasper, Betriebsleiter der Kraftwerke 2, 3 und 5 der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG
Harald Kasper, Betriebsleiter der Kraftwerke 2, 3 und 5 der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AGLucas Bäuml

Das Wasser war immer für Industrie und Städte da. Diese Flusslogik scheint nun zu schwächeln. Laut Informationsplattform Undine wurde an der Messstation im Fluss bei Mainz und Wiesbaden am 15. August eine Temperatur von 26,5 Grad gemessen. Ein paar Tage zuvor waren es dort 27,9 Grad. Das rheinland-pfälzische Umweltministerium hat deshalb die Warnstufe 2 ausgerufen. Erreicht die Temperatur im Rhein den „harten Cut“, können die Behörden das Kraftwerk abschalten.

Tiefer zu baggern, sei ein Kurieren an Symptomen, sagt der Ökonom

Ob Energie oder Logistik – ohne den Rhein kommen ganze Branchen schwer aus. Die Chemieindustrie, die noch vor wenigen Monaten laut über die Folgen des europäischen Emissionshandels geklagt hat, der sie zu geringeren Emissionen zwingt, trifft es besonders. Der Standort von BASF liegt nicht umsonst in Ludwigshafen am Rhein, Lanxess und Bayer produzieren im Köln-Leverkusener Raum. Wesentlich der Fluss ist auch für sie die Versorgung mit einfachen Vorprodukten und Rohstoffen.

Auf der Ingelheimer Aue wird Kühlwasser zurück in den Rhein befördert.
Auf der Ingelheimer Aue wird Kühlwasser zurück in den Rhein befördert.Lucas Bäuml

„Aus wirtschaftlicher Sicht ist der Rhein eine gute Ergänzung zu Schiene und Straße, weil sich gut Massenprodukte und Schüttgut mit geringem Wertschöpfungsanteil transportieren lassen“, sagt Torsten Schmidt, Ökonom des RWI, der von allen Gesprächspartnern am weitesten weg vom Fluss sitzt, nämlich in Essen. In der Hitzewelle 2018 hat er sich erstmals mit den wirtschaftlichen Folgen von Niedrigwasser beschäftigt. Nun sagt er angesichts des Krisentreffens bei Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU), man müsse Vorkehrungen treffen und Alternativen vorbereiten. „Tiefer zu baggern, ist ein Kurieren an Symptomen. Man muss sich darauf einstellen, dass es unbeschiffbare Monate gibt“, sagt Schmidt.

Und auch für Kraftwerke entlang des Rheins werden Ausfälle wahrscheinlicher: Das gilt für die Atomkraftwerke in Beznau an der Aare, in Leibstadt (beide in der Schweiz) und Fessenheim (Frankreich) am Rhein. Genauso wie für das Gas- und Dampfkraftwerk in Mainz. Was ein Ausfall hier bedeutete, wird in einem Besprechungszimmer von Oliver Malerius deutlich. Seit 2021 steht er an der Spitze der KMW. Der Mittfünfziger trägt ein tailliertes weißes Hemd. Malerius blickt durch die Fenster auf den von der Trockenheit gezeichneten Rhein. Ein Abschalten des „K3“, das mehr als 50 Prozent der Energie der KMW produziert, bereite ihm zwar keine allzu großen Sorgen.

Oliver Malerius, Vorstandsvorsitzender der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (KMW), steht an den Pumpen für das Kühlwasser von Kraftwerk 3.
Oliver Malerius, Vorstandsvorsitzender der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden AG (KMW), steht an den Pumpen für das Kühlwasser von Kraftwerk 3.Lucas Bäuml

Das Kraftwerk muss Verpflichtungen im Verbund erfüllen

Wenn aber mehrere Energieerzeuger am Fluss die Energieproduktion drosseln oder stoppen müssten, „sagen wir einmal ein halbes Dutzend, die am Fluss liegen“. Dann führe eine Kettenreaktion zu höheren Strompreisen. Und im schlimmsten Fall zum Netzengpass. „In Frankreich werden auch gerade die Atommeiler heruntergefahren. Dabei sind jetzt schon die Preisspitzen am europäischen Strommarkt enorm.“

Kraftwerk 5 stünde noch bereit. Die Gasmotoren der 1977 gebauten Anlage benötigen den Rhein nicht zur Kühlung. Wegen seiner hohen Emissionen befindet es sich aber nur noch in der Kaltreserve. Vom Netz nehmen dürfen sie die Kraftwerke der KMW jedoch nicht. Sie sind für die Stabilität des deutschen Stromnetzes systemrelevant. Unterm Strich werden so jedes Jahr rund 750 Millionen Tonnen CO₂ emittiert. Im Gegenzug kann sich eine Stadt in der Größenordnung von Wiesbaden mit Energie versorgen. Das „K3“ muss laufen, um in den Abendstunden den Abfall der Erneuerbaren zu kompensieren.

Leitungen für Kühlwasser aus dem Rhein und ein Kondensator im Kraftwerk
Leitungen für Kühlwasser aus dem Rhein und ein Kondensator im KraftwerkLucas Bäuml

Daher planten sie bei KMW derzeit auch, das Gas- und Dampfkraftwerk noch „bis Mitte der Dreißigerjahre zu betreiben“. Doch in Zukunft bliebe wegen der CO₂-Werte nur eine Option: abschalten. Die Stadt Mainz hat vor, bis 2035 klimaneutral zu werden. Und die KMW wollen nachziehen. Das avisierte Ausstiegsdatum: 2045.

Die Biodiversität im Flusssystem leidet

Die Interessenkonflikte werden spürbar. Will man wasserreiche Flüsse haben, muss man auch höheren Temperaturen in der Zukunft vorbeugen. Doch die Energieerzeugung lässt sich nicht über Nacht umstellen. Der Karlsruher Gewässerökologe Christian Damm wünscht sich aber veränderte Prioritäten. In seiner Wissenschaft hänge alles mit allem zusammen. Die Hitze setze hohe Wälder unter Stress. „Neue Arten werden nicht mehr so produktiv sein“, sagt er. „Das können wir nur vermeiden, wenn wir das mit der Temperatur in den Griff bekommen.“

In und an den Flüssen zeigt sich schon jetzt, dass einige für selbstverständlich genommene Ökosystemleistungen von der Natur nicht mehr selbstverständlich erbracht werden. Etwa sieben Meter über dem Meeresspiegel fließt der Rhein von Deutschland in die Niederlande. Bald teilt er sich in Nebenflüsse auf, von denen einige wieder zusammenfließen. Im Mündungsbereich ziehen sich die Ausläufer des Rheins wie eine Blutbahn durchs Land. Und wie ein Körper aufs Blut angewiesen ist, braucht das Land den Rhein.

Am 11. August war der Rhein bei Kaub unter bestimmten Voraussetzungen noch schiffbar.
Am 11. August war der Rhein bei Kaub unter bestimmten Voraussetzungen noch schiffbar.Lucas Bäuml

Besonders klar wird das im Rijnland, der ältesten regionalen Wasserbehörde der Niederlande. Die Wasserbehörden sind eigenständig: Sie erheben eigene Wassersteuern, und ihre Verantwortlichen werden unabhängig gewählt. Rijnland erstreckt sich von Gouda bis südlich von Amsterdam, mehr als 1,3 Millionen Menschen wohnen hier. Die wichtigste Aufgabe der Behörde? „Die Füße trocken zu halten“, sagt Johan Kolk. Überschüssiges Wasser aus dem Land zu pumpen, damit kennen sie sich hier aus.

Der Damminspektor hat erstmals mit zu wenig Wasser zu tun

So liegt der Parkplatz, über den Kolk läuft, etwa fünf Meter unter dem Meeresspiegel. Kolk trägt Jeans, ein gestreiftes T-Shirt und eine blaue Schirmmütze, auf der „Kade-Inspecteur“ steht, Damminspektor. Gerade ist das Problem aber nicht zu viel, sondern zu wenig Wasser in den Kanälen. Das ist auch für die Dämme gefährlich. Sie lassen immer ein bisschen Wasser durch, sie „schwitzen“, wie Kolk sagt. Tun sie das nicht, trocknen die Dämme aus und bekommen Risse, sie werden instabil.

Auf einer laminierten Karte zeigt Kolk, wo das Rijnland Wasser entnimmt, um seine Kanäle zu füllen, wenn es zu trocken ist: bei Gouda, aus der Hollandsche IJssel, die aus einem Nebenfluss des Rheins entspringt. Wie eine Kapillare fließt sie später wieder mit einer anderen Verästelung des Rheins zusammen. Weil die Ausläufer des Rheins gerade so wenig Wasser führen, kriecht das salzige Meerwasser landeinwärts. Bei Gouda ist das Wasser schon zu salzig.

Johan Kolk im Rijnland muss durch das NIedrigwasser ganz anders über Wassermanagement nachdenken.
Johan Kolk im Rijnland muss durch das NIedrigwasser ganz anders über Wassermanagement nachdenken.privat

Aus dem Hochland kommt keine Entwarnung für die Ebene

850 Kilometer weiter südöstlich, im Schweizer Birmensdorf, forscht der Hydrologe Massimiliano Zappa über den Wasserhaushalt der Schweiz, den Einfluss von steigenden Temperaturen und Vorhersagen für den Rhein. Im Frühjahr hat er mit seinem Team ein Projekt abgeschlossen, das Niedrigwasserszenarien für den Fluss bis zum Jahr 2040 skizziert. Eines davon entspricht dem aktuellen nahezu deckungsgleich. „Die niedrigsten Wasserstände werden nach diesem Szenario Mitte Oktober sein“, sagt Zappa.

Die wenigen Niederschläge zwischendurch dürften bestenfalls die Äcker nasser machen. Notschlachtungen, Wasserlieferungen per Helikopter in Bergdörfer, Konflikte zwischen Golfplatz und Gemeinde gebe es schon. „Wir haben bei Trinkwasser noch keine Knappheit, aber schon mehr als 100 Gemeinden haben Einschränkungen erlassen.“

Aus den Schweizer Alpen unter anderem bei Chur speist sich der Rhein, den man auf diesem Foto von 2009 im Tal erkennen kann.
Aus den Schweizer Alpen unter anderem bei Chur speist sich der Rhein, den man auf diesem Foto von 2009 im Tal erkennen kann.Picture-Alliance/KEYSTONE

Keine Entwarnung aus den Bergen für das Flachland: Im Mündungsbereich des Rheins steckt Kolk die laminierten Karten neben die Mittelkonsole seines elektrischen Dienstwagens und fährt zum Einlass des Überlaufbeckens, das 80 Millionen Euro gekostet hat. Die Landschaft sieht aus wie auf einer Postkarte: Kühe grasen an den Deichen, in den Kanälen steht das Wasser, im Hintergrund stehen Windmühlen.

Demnächst müssen Wassermanager salziges Wasser in Kanäle leiten

Kolk schaut auf einen Deich am Anfang des Überlaufbeckens und erklärt, dass sie alle zwei Wochen 256 Kilometer Deiche auf Risse kontrollieren. Das sind diejenigen, die aus Torf und deswegen besonders anfällig sind. Werde es noch trockener, könne es gut sein, dass sie fünfmal so viele Deiche kontrollieren müssten. Für diese Kontrollen habe er seine Mütze, erklärt er. Die Deiche stehen auf Privatgrund: „Wir haben die Mützen, damit sich die Bauern nicht wundern, was wir auf ihrem Grundstück machen.“

Unter der Erasmusbrücke, in der Nähe des Rotterdamer Hafens fließt auch Rheinwasser der Nordsee entgegen.
Unter der Erasmusbrücke, in der Nähe des Rotterdamer Hafens fließt auch Rheinwasser der Nordsee entgegen.Ilkay Karakurt

Zum Auslass des Überlaufbeckens fährt Kolk langsam, er hat den Warnblinker an. Er lässt Fahrradfahrer vorbei und grüßt einen alten Mann, der ihm auf einem Elektromobil entgegenkommt und Zigarillo raucht. Das Becken ist gesäumt von Cafés und Restaurants. Neben der Straße ist ein Pferdeweg, auf dem eine Frau an einem Campingplatz vorbeireitet. „Das Becken ist auch ein Erholungsgebiet“, sagt Kolk. Er deutet auf einen Pegelmesser. Er zeigt die Meereshöhe an, bei minus 4,25 Metern steht das Wasser gerade. Noch etwa 25 Zentimeter könne man aus dem Becken herauslassen, sagt Kolk, dann sei Schluss. Das reiche noch einige Tage, allerhöchstens aber zwei Wochen.

Was dann passiert, damit beschäftigen sich Wasserstandmanager in einem modernen Behördengebäude, nur wenige Kilometer vom Überlaufbecken entfernt. Mit sechs Bildschirmen je Schreibtisch kontrollieren die Mitarbeiter die Pegel und die Qualität des Wassers. Von hier aus können sie Wasser zwischen Flüssen und Kanälen umleiten. Auf einem Bildschirm, der an der Wand hängt, markieren grüne und rote Punkte, wie salzig das Wasser ist. An den Kanälen sind die Punkte grün, an den Rheinausläufern rot. Wenn das Überlaufbecken leer ist, werden sie salziges Flusswasser in die Kanäle einleiten müssen, sagt einer der Manager. Darauf bereiten sie sich gerade vor: In Städte könne man etwas salzigeres Wasser einleiten; dort, wo Blumen angebaut werden, nicht. Dass sie diesen Notfall vorbereiten müssen, ist neu.