„Gipfel des Unfugs“: Bundesgesetz erklärt Münsterland-Kreis zur Küstenregion – 15 Windprojekte in Gefahr

NRW-Kreis kämpft gegen absurde Windkraft-Einstufung des Reiche-Ministeriums

Stand: 24.09.2026, 13:51 Uhr

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Borken liegt 150 km von der Nordsee entfernt – trotzdem gilt der Kreis als „Küstenregion“. Das kostet viele Windkraft-Fördermillionen.

Borken – Weitläufige Sanddünen, Robben oder die vom Meersalz erfüllte Luft? All das sucht man im Kreis Borken (NRW) vergebens. Der Kreis Borken im Münsterland ist bekannt für Pferde, Burgen und Schlösser. Nicht aber für das Meer, das mehr als 150 Kilometer entfernt liegt. Trotzdem listet eine Gesetzesnovelle des Bundes die Heimat von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) als „Küstenregion“ auf.

Windräder in NRW Borken Windkraft

Windkraft-Förderungen in Gefahr: Im Kreis Borken (NRW) sorgt eine geplante Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) für Entsetzen. © Caroline Seidel/Federico Gambarini/dpa

Hinter der kuriosen Einordnung steckt die geplante Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), die der Bundestag am Donnerstag (24. September) in erster Lesung berät. Der Entwurf des Bundeswirtschaftsministeriums von Katherina Reiche (CDU) teilt Deutschland für die Windkraftförderung in neue Zonen ein.

NRW will kuriosen Gesetzentwurf ändern lassen – es geht um Fördergelder für die Windkraft

Unter den Zonen gibt es „Küstenregionen“, für die geringere Fördersätze gelten sollen als für windärmere Binnenlagen. In der entsprechenden Anlage des Gesetzentwurfs steht der Kreis Borken zwischen ostfriesischen und schleswig-holsteinischen Küstenkreisen. Als einziger Kreis in ganz Nordrhein-Westfalen.

Das Ministerium begründet die Zuordnung nicht mit der Nähe zum Meer, sondern mit der sogenannten Windhöffigkeit – also dem Windpotenzial eines Standorts, berechnet anhand von Daten des Umweltbundesamts. Außerdem habe man die Erträge bereits vorhandener Anlagen analysiert. Borken zählt im flachen Westmünsterland tatsächlich zu den windreichsten Kreisen NRWs. Warum ausgerechnet Borken als Küstenregion gilt, nicht aber der nördliche Nachbarkreis Steinfurt, bleibt jedoch unklar. Wirbel gibt es derzeit auch um Reiches Mini-AKW-Pläne.

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Anne König hat sich nach eigenen Angaben zum wiederholten Mal an die Bundesregierung gewandt und Staatssekretär Frank Wetzel mit höchster Priorität direkt angeschrieben. Es sei unverständlich, dass sämtliche Nachbarkreise der Region „Mitte Nord“ zugeordnet würden – und nur Borken der «Küstenregion», so König. Gerade in den gegenwärtigen Zeiten dürfe man sich „solche Fehlentscheidungen nicht erlauben.“

Auch Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) schaltete sich ein. Sie kritisierte, dass der Bund bei der EEG-Novelle „seit Wochen das Feedback aus Ländern und Branchen praktisch ignoriert. So passieren vermeidbare Fehler.“ Die Causa Borken nannte Neubaur den „Gipfel des Unfugs“. „Wer den Kreis absurderweise zur ‚Wind-Küstenregion‘ erklärt, verfehlt das Ziel eines wirtschaftlichen und kontinuierlichen Ausbaus der Erneuerbaren“, sagte Neubaur der Deutschen Presse-Agentur.

„Habe wirklich an einen Aprilscherz gedacht“ – Fassungslosigkeit über Einstufung

Für die Betreiber geplanter Windparks ist die Einstufung mehr als ein bürokratisches Kuriosum. Weil Küstenregionen künftig weniger Vergütung erhalten sollen, befürchten Projektinitiatoren Einbußen in Höhe von mehreren Millionen Euro. Laut Kreisangaben könnten mindestens 15 Windparkprojekte betroffen sein. „Ich habe wirklich an einen Aprilscherz gedacht. Wir fahren zwei Stunden mit dem Auto, dann sind wir in der Küstenregion“, reagierte Thomas Wesbuer, Landwirt und Geschäftsführer der geplanten Bürgerwind GbR gegenüber dem WDR.

Mehr als 20 Personen haben sich laut dem Bericht an dem geplanten Bürgerwindpark beteiligt und Mittel für die Planung bereitgestellt. Durch die Einstufung Borkens als „Küstenregion“ würden die Betroffenen auch bei Fertigstellung des Projekts jedes Jahr große finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. Borkens Landrat Kai Zwicker (CDU) bezeichnete die Küsten-Einordnung in den Westfälischen Nachrichten als „völlig absurd“.

Inzwischen reichte die NRW-Landesregierung sogar einen Entschließungsantrag für den Bundesrat ein, mit dem die Einteilung in „Küstenregion“ und drei weitere Zonen komplett aus dem Gesetzentwurf gestrichen werden sollen. Begründung: Das könnte „zu bürokratisch und fehleranfällig“ werden. In Oberbayern kämpfen Anwohner indes gegen ein geplantes Windkraftprojekt. (Quellen: dpa, WDR) (jm)