Nur sechs Prozent der Australier unter 16 befolgen Social-Media-Verbot
Lehren für Europa
Nur sechs Prozent der Australier unter 16 befolgen Social-Media-Verbot
Australien hat eine der strengsten Altersgrenzen für Tiktok und Ko. Eine Studie zeigt: Gruppendruck und die Angst, etwas zu verpassen, sind stärker als das Gesetz
Klaus Taschwer
Australien wollte zum Vorreiter werden. Seit Dezember 2025 dürfen Jugendliche unter 16 Jahren keine eigenen Konten mehr auf großen Social-Media-Plattformen wie Tiktok, Instagram oder Snapchat besitzen. Das Gesetz gilt als eines der weltweit strengsten seiner Art und wird auch in Europa aufmerksam verfolgt. Doch eine der ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirkung fällt ernüchternd aus: Das Verbot wird von den meisten Jugendlichen ignoriert – und seine Akzeptanz sinkt sogar. Das Ergebnis hat auch Relevanz für Österreich, wo ein Gesetz für Social-Media-Verbot demnächst beschlossen werden und 2027 in Kraft treten soll.
Wie ein internationales Forschungsteam um den Verhaltensökonomen Christopher Roth vom Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in einem aktuellen Working Paper zeigt, halten sich sechs Monate nach Inkrafttreten nur noch sechs Prozent der 14- bis 15-Jährigen an das Verbot. Im April waren es noch 27 Prozent, und eine im Juni veröffentlichte Studie kam noch auf 15 Prozent.
Die Forschenden befragten zunächst im März und April rund 970 australische Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren, im Juni folgte eine zweite Erhebung mit 792 Jugendlichen, darunter viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Runde. Das Ergebnis ist eindeutig: Statt zurückzugehen, nahm die Nutzung verbotener Plattformen weiter zu. Unter den 14- bis 15-Jährigen stieg der Anteil jener, die in der vergangenen Woche mindestens eine verbotene Plattform genutzt hatten, von 64 Prozent im April auf 92 Prozent im Juni.
"Sechs Monate nach Inkrafttreten zeigt sich, dass das Gesetz noch nicht ausreichend Wirkung erzielt", sagt Roth in einer Presseaussendung der Max-Planck-Gesellschaft. "Die Nutzung ist sogar gestiegen."
Schlupflöcher statt Abschreckung
Der Grund liegt auch in der einfachen Umgehung der Altersgrenze. Ein falsches Geburtsdatum, ein VPN oder die Nutzung eines Kontos von Geschwistern oder Eltern reichen vielfach aus, um das Gesetz auszuhebeln.
Drei Viertel der Jugendlichen bezeichnen das als einfach oder sehr einfach. Bei 60 Prozent der 14- bis 15-Jährigen wurde bislang überhaupt kein Konto gelöscht. Rund jeder fünfte Jugendliche, der weiterhin soziale Medien nutzt, berichtet sogar, dass Eltern, ältere Geschwister oder andere Erwachsene nach einer Sperre beim Einrichten eines neuen Kontos geholfen haben. Die technische Durchsetzung allein reicht nach Ansicht der Forschenden daher nicht aus. Solange Plattformen Umgehungen zulassen, bleibt das Gesetz leicht auszuhebeln.
Die Coolen bleiben online
Noch wichtiger als technische Hürden sind jedoch soziale Faktoren. Entscheidend ist nicht, was das Gesetz verlangt, sondern was Freundinnen und Freunde tun. "Die Coolen bleiben", fasst Roth die Ergebnisse zusammen. Dahinter steckt das bekannte Phänomen der Fear of Missing Out (Fomo): die Angst, den Anschluss zu verlieren. Wer Instagram oder Tiktok verlässt, während der Freundeskreis aktiv bleibt, verzichtet nicht nur auf Unterhaltung, sondern auch auf soziale Teilhabe.
Die Forschenden wollten deshalb wissen, wann Jugendliche selbst zu einem Ausstieg bereit wären. Im Durchschnitt antworteten sie: Erst wenn etwa zwei Drittel ihrer Altersgruppe ebenfalls aufhören würden. Von diesem Punkt ist Australien weit entfernt. Im Gegenteil: Viele Jugendliche kehrten sogar auf die Plattformen zurück.
Die Hälfte der Befragten berichtet, zunächst ausgestiegen zu sein, später aber wieder ein Konto eingerichtet zu haben, als sich zeigte, dass die meisten Gleichaltrigen weiterhin online blieben. Fast zwei Drittel hatten zudem den Eindruck, dass inzwischen sogar mehr Freunde soziale Medien nutzen als noch einen Monat zuvor.
Interessant dabei: Die Jugendlichen schätzten durchaus realistisch ein, wie viele Gleichaltrige sich tatsächlich an das Verbot hielten. Es fehlte also nicht an Information, sondern an der Bereitschaft, als Einzelne auszusteigen.
Aussteiger sind unbeliebter
Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Wer sich an das Verbot hält, gewinnt dadurch kaum Ansehen. Nur vier Prozent der Jugendlichen glauben, dass Aussteiger beliebter sind. Fast die Hälfte hält sie für weniger beliebt. Auch die Reichweite in sozialen Netzwerken unterscheidet sich deutlich: Jugendliche, die die Plattformen weiter nutzen, verfügen im Durchschnitt über rund 366 Instagram-Follower, Aussteiger dagegen nur über etwa 200.
Für Roth zeigt das, dass Gesetze allein soziale Normen nicht verändern. Als Vergleich verweist er auf die Entwicklung beim Rauchen. Erst als medizinische Erkenntnisse, öffentliche Kampagnen und ein Wandel sozialer Einstellungen zusammenwirkten, wurde Nichtrauchen gesellschaftlich zur Norm. Wer weiterrauchte, verlor zunehmend Ansehen. Einen vergleichbaren Wandel sieht er bei sozialen Medien derzeit nicht.
Lehren für Europa
Die Ergebnisse sind auch deshalb relevant, weil ähnliche Altersgrenzen inzwischen in mehreren europäischen Ländern diskutiert werden und Frankreich gerade erst mit einem neuen Gesetz und einem Alterslimit von 15 Jahren nachzog. Österreich wird dieser Tage folgen.
Nach Ansicht der Forschenden braucht ein wirksamer Jugendschutz weit mehr als gesetzliche Verbote. Dazu gehören technisch sichere Alterskontrollen ohne leicht nutzbare Schlupflöcher, Altersgrenzen, die sich an Schuljahrgängen statt an Geburtsdaten orientieren, sowie Aufklärung und Vorbilder, die den Verzicht auf soziale Medien gesellschaftlich attraktiver machen. Ebenso wichtig seien attraktive Freizeitangebote außerhalb der digitalen Welt.
Bemerkenswert ist zudem, dass die Jugendlichen selbst weniger auf Verbote als auf Selbstkontrolle setzen. Fast drei Viertel der Befragten würden nach eigenen Angaben lieber Apps verwenden, die ihre Nutzungszeit begrenzen, als sich einem gesetzlichen Verbot zu unterwerfen. Für Roth ist deshalb klar: "Wer die Mediennutzung Jugendlicher verändern will, muss die Jugendlichen selbst überzeugen – und die Tonangebenden in ihren Freundesgruppen." (tasch, 22.7.2026)
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