Jensen Huang: Was Europa im KI-Rennen fehlt

Zum Frühstück hat Jensen Huang die Lederjacke als eines seiner Markenzeichen im Hotel gelassen. In der Nacht zum Donnerstag habe er wohl etwas zu lange mit den neuen Videospielen rumgedaddelt, sagte der Vorstandschef und Gründer des Chipherstellers Nvidia. Tolle Bilder und großartige Technik, die einen im wahrsten Sinne des Wortes fessele, sagt er. Vielleicht etwas zu sehr. Es sei dann spät geworden. Am Morgen dann war es schließlich ziemlich hektisch. Die Jacke liege noch im Hotel.

So kam er an Tag zwei der GTC-KI-Konferenz seines Unternehmens in Berlin zum Journalisten-Frühstück in schwarzen Schuhen, schwarzer Hose, schwarzem T-Shirt und blauer Windjacke. Für einen Becher Kaffee und eine Brezel. Dann zog er ein anderthalbstündiges Resümee seiner Tour durch Europa. Er war die vergangenen zwei Wochen in London, Paris, Schweden und Berlin, hat Staats- und Regierungschefs getroffen, neue Märkte ausgelotet, Partner getroffen, junge Firmen angesehen.

Zehn Milliarden Dollar und die klassische Industrie im Blick

Nvidia ist nicht nur einer der weltgrößten Chipkonzerne, es ist auch einer der großen Investoren in Europa. Das Unternehmen hat sich nach den Worten Huangs allein im vergangenen Jahr mit zehn Milliarden Dollar an hiesigen Unternehmen und Entwicklungseinrichtungen beteiligt. Sein Hauptaugenmerk aber liege bei den klassischen Industrien. Ein riesiger Markt. Wird Europas Kapitalstock doch von Brüssel auf rund 12.000 Milliarden Euro veranschlagt.

Europas Betriebe, Fabriken und Unternehmen werden am großflächigen Einsatz von KI-Systemen nicht herumkommen. So steht dem Kontinent ein riesiges Modernisierungsprogramm ins Haus. Arbeitet KI doch sehr schnell und effizient. Die Wirtschaft verspricht sich von ihr daher hohe Produktivitätsgewinne. Hier hatte Europa schon in den vergangenen Jahren deutlich an Boden verloren. Der aus Amerika kommende KI-Boom dürfte den Abstand weiter vergrößern.

Eine Prise Optimismus und mehr Risikokapital

Im großen Spiel rund um die KI ist Europa bislang recht blank. Es hat keine eigenen großen Anbieter von Hard- oder Software. Es gibt es zwar vielversprechende Projekte und junge Firmen. Es gibt aber keinen Anbieter, der wirklich in der ersten Branchenliga spielt. Das Rennen machen derzeit China und Amerika. Europa ist auf die Anbieter aus Übersee angewiesen, von den Chips bis zu den Datenzentren.

Europa hat nach den Worten von Huang das Wissen und die eigenen Talente. Was es aber brauche, sagt er, „ist eine Prise Optimismus und eine lebendige Szene an Risikokapital“. Venture Capital (VC) stand hinter dem Aufstieg Amerikas zum Hegemon auch in den virtuellen Welten; VC stand hinter Unternehmen wie Apple, Microsoft und Nvidia. VC sammelte in den USA im vergangenen Jahr zehnmal mehr Geld ein als in Europa. VC treibt die KI-Entwicklung voran.

Bis zum Jahr 2030 werde sich durch den Einsatz der Systeme der Künstlichen Intelligenz geradezu alles ändern: Kapital und Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft, kleine Firmen, große Konzerne und faktisch die gesamte Industrie. In fünf Jahren werde jedes Unternehmen in Europa und auf der Welt das sein, was man heute ein KI-Unternehmen nenne. Die Technologien seien entwickelt, die Modelle vorhanden, die Instrumente auf dem Tisch.

So werde Nvidia Ende dieses Jahres neben einer neuen Generation von KI-Laptops auch erste Minirechenzentren von der Größe eines Schiffscontainers auf den Markt bringen. Dauerte es bislang zwei bis drei Jahre, um ein neues Datenzentrum zu errichten, mit Computern zu bestücken und einsatzbereit zu machen, verkürze sich das mit den neuartigen Containerrechnern auf sechs Monate und später auf zwei Wochen; von der Bestellung bis zur Betriebsbereitschaft.

Nvidia setzt seine Hardware seit 25 Jahren auf eine eigene Softwareplattform, die die Arbeit mit KI erst möglich macht. Die CUDA genannte Plattform umfasst 350 umfangreiche Bibliotheken an Programmbausteinen. Die sind so vorgefertigt und auf einzelne Branchen optimiert, dass sie unverzüglich eingesetzt werden können, von Programmierern oder digitalen Agenten. Computing wie im Videospiel.