Hitzewellen nehmen zu: Meteo-Schweiz-Chef Uhlenbrook warnt

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft

  • Schweiz erlebt 2026 bereits dritte Hitzewelle, Juni-Hitze war historisch.
  • Meteo Schweiz warnt mit 86 % Treffergenauigkeit vor Unwettern.
  • Schweiz besitzt 159 Warnregionen, Bundesrat plant Einführung von Cell Broadcasting.
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Joschka SchaffnerRedaktor Politik

Herr Uhlenbrook, es ist so heiss und trocken wie noch nie. Ist Ihr Einstieg auch gleich ein Stresstest?
Stefan Uhlenbrook: Ich hatte fünf Monate Zeit zum Warmlaufen. Mein Vorgänger Christof Appenzeller hat mir ein Bundesamt hinterlassen, das sehr gut aufgestellt ist – technisch, wissenschaftlich, infrastrukturell wohl unter den besten der Welt. Nun stecken wir bereits in der dritten Hitzewelle des Jahres. Die in der zweiten Juni-Hälfte war historisch. Und wir beobachten generell, dass solche Hitzewellen zunehmen. Es sind extreme Verhältnisse, ja.

Erschweren solche Extremereignisse die Arbeit von Meteo Schweiz? Oder ist das «Business as usual»?
Das Beobachten und Modellieren von Wettergeschehen ist unser tägliches Brot. Das Herausgeben von Warnungen gar unser Wichtigstes. Wenn wir Extremwetterlagen wie zurzeit haben, steigt das Stresslevel allerdings.

Gab es bereits eine grosse Belastungsprobe?
Am 19. Juni hatten wir das Gewitter in Zürich mit sehr starkem Niederschlag und hohen Windgeschwindigkeiten. Da braucht es korrekte Vorhersagen. Die Warnzeiten sind sehr kurz, weil es sehr dynamisch ist. Das belastet zusätzlich.

Der neue Mann fürs Schweizer Wetter

Der Hydrologe Stefan Uhlenbrook (57) ist seit dem 1. Februar Direktor des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie. Er studierte und promovierte an der Universität Freiburg (D), war Professor in Delft (Niederlande) und arbeitete in verschiedenen Positionen für die Vereinten Nationen. Vor seinem Wechsel zum Bund leitete er rund drei Jahre lang die Abteilung für Wasser und Kryosphäre der Weltmeteorologiebehörde (WMO) in Genf.

Ein «Kulturschock» sei der Wechsel in die Bundesverwaltung nicht, sagt Uhlenbrook zu Blick. «Es ist eine neue Perspektive.» Anders als bei der WMO, wo es vor allem um die globalen Verhältnisse gehe, sei die Arbeit viel konkreter. «Die Verantwortung ist sehr klar: Wir sind für die Schweiz zuständig.»

Der Hydrologe Stefan Uhlenbrook (57) ist seit dem 1. Februar Direktor des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie. Er studierte und promovierte an der Universität Freiburg (D), war Professor in Delft (Niederlande) und arbeitete in verschiedenen Positionen für die Vereinten Nationen. Vor seinem Wechsel zum Bund leitete er rund drei Jahre lang die Abteilung für Wasser und Kryosphäre der Weltmeteorologiebehörde (WMO) in Genf.

Ein «Kulturschock» sei der Wechsel in die Bundesverwaltung nicht, sagt Uhlenbrook zu Blick. «Es ist eine neue Perspektive.» Anders als bei der WMO, wo es vor allem um die globalen Verhältnisse gehe, sei die Arbeit viel konkreter. «Die Verantwortung ist sehr klar: Wir sind für die Schweiz zuständig.»

Einige Tage nach dem Zürcher Gewitter übte Meteorologe Jörg Kachelmann auch Kritik am Schweizer Wetterservice: Die Warnregionen seien zu gross. Das führe dazu, dass viel zu grossflächig gewarnt würde.
Wir haben 159 Warnregionen in der Schweiz. Das ist für die geografische Grösse sehr detailliert. Klar, wenn es nur um Gewitter gehen würde, dann wären kleinere Räume vielleicht praktischer. Aber wir müssen das ganze Spektrum abdecken. Es gibt auch Extremwind, Schnee und andere Risiken, die am Wetter hängen. Zudem müssen der Bund, die Kantone und Gemeinden mit den Warnungen auch umgehen können.

Das heisst?
Massnahmen umsetzen. Wenn die Regionen zu klein sind, ist die Zuständigkeit nicht mehr klar. Wenn man sie zu gross macht, wird die Bevölkerung zu oft gewarnt, ohne dass es sie persönlich trifft. Es ist immer ein Kompromiss.

Kann die Bevölkerung Ihre Warnungen richtig interpretieren?
Zuerst muss ich anmerken, dass unsere Warnungen sehr treffsicher sind: Bei Unwettern ist die Quote bei über 86 Prozent. Ob der Einzelne sich dann immer richtig verhält, ist schwierig zu sagen. Es liegt dann nicht mehr in unserer Kontrolle. Wir warnen nach bestem Wissen und Gewissen, sehr schnell und sehr verlässlich.

Erreicht Meteo Schweiz überhaupt noch die Leute?
Wir kämpfen generell mit der Aufmerksamkeit der Bevölkerung, auch mit der Aufmerksamkeitsspanne der nächsten Generation. Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung. Wenn es um Schnee- oder Sturmwarnungen geht, funktioniert die Zusammenarbeit zwischen uns und den Medien sehr gut. Social Media ist ebenfalls zunehmend wichtig. Wir versuchen unser Bestes, da präsent zu sein und zu warnen. Zudem will der Bundesrat das «Cell Broadcasting» einführen, bei dem direkt via SMS gewarnt wird.

Apropos Warnen: Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) hat das Ziel, dass bis Ende 2027 weltweit Frühwarnsysteme für alle bestehen. Wie schlägt sich da die Schweiz?
Die Schweiz gilt durchaus als Goldstandard. Wir sind sehr weit und unterstützen auch international. Vor ihrer Zielsetzung haben die Vereinten Nationen verschiedene Massnahmen verglichen und kamen zum Schluss, dass Frühwarnsysteme mit Abstand das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Klimaanpassung haben.

Die Schweizer Infrastruktur wurde aber nicht so gebaut, dass sie mit dem aktuellen Extremwetter klarkommt. Was bringen da frühe Warnungen?
Mit einem Frühwarnsystem kann man früh genug reagieren. Aber klar: Unsere Infrastruktur ist generell nicht ausgerichtet auf solche extremen Ereignisse. Wenn es häufiger sehr stark regnet, laufen uns häufiger die Keller voll. Daran kann man nicht so schnell etwas ändern. Das Gleiche gilt für die Temperatur. In Deutschland verflüssigte sich aufgrund der Hitze etwa das Bitumen um die Schienen der Strassenbahn. Das wurde vor sechs Jahrzehnten nach bestem Wissen und deutscher Ingenieurkunst gemacht – aber war nie für das heutige Klima gedacht. Die Frühwarnsysteme helfen uns vor einem spezifischen Ereignis, das Design unserer Infrastruktur ist dagegen ein langfristiges Vorhaben.

Katastrophen wie etwa Bergrutsche werden aufgrund des Klimawandels zum Risiko. Braucht es da zukünftig eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Departementen und Bundesämtern?
In der Schweiz gibt es den sogenannten Lainat, den Lenkungsausschuss Intervention Naturgefahren. Da arbeiten wir sehr dicht mit anderen Bundesämtern und bundesnahen Institutionen zusammen. Bei Naturgefahren gibt es immer kombinierte Risiken. Aktuell sprechen alle nur von der Hitze. Doch sie hängt mit vielem anderen zusammen: Trockenheit, starke Gewitter, die zu lokalen Überschwemmungen führen, zerstörerische Windböen. Die höheren Temperaturen führen auch zum schnelleren Abtauen der Gletscher und zum Auftauen des Permafrosts in den Alpen. Alle diese Prozesse sind miteinander verbunden. Ein systematischer Ansatz ist daher ganz wichtig.

Das klingt alles sehr dramatisch.
Durch die rapide Klimaänderung ist unsere Infrastruktur, unser Leben, unser ganzes Habitat mehr und mehr Naturkatastrophen ausgesetzt. Stärkere Niederschläge, längere, wärmere Hitzeperioden und so weiter. Es ist nicht so, dass ich Panik machen will. Aber wir müssen uns dessen bewusst sein.

In den Medien und bei Experten überschlagen sich momentan die Superlative – etwa von einem «Horror-Sommer» ist die Rede. Müsste man da etwas heruntertemperieren?
Es ist aussergewöhnlich, wo wir Anfang Juli stehen. Ob der ganze Sommer so bleibt, kann man aber momentan nicht sicher abschätzen. Gewisse Alarmisten machen bereits den direkten Link zum aufkommenden El Niño, der in der zweiten Jahreshälfte global dominieren wird. Aber es ist verfrüht, zu sagen, dass dieser einen starken Einfluss auf das Wettergeschehen in der Schweiz haben wird. Da muss man vorsichtiger formulieren.

Nervt Sie die Vielzahl an Wetter-Experten, die sich nun äussern?
In Deutschland gibt es ein Sprichwort: 83 Millionen Menschen und 80 Millionen davon sind Fussball-Bundestrainer. Ich sehe es aber als Bereicherung, auch die privaten Wetterdienste. Wir stellen alle unsere Daten, Messergebnisse und Modellrechnungen kostenlos zur Verfügung. Und ich finde es cool, dass die Privaten noch weitere Analysen und Berechnungen machen und zusätzlich für bestimmte Sektoren weitere Produkte generieren, die der Bevölkerung zugutekommen.

Als Bundesbetrieb sind Sie auch der Schweizer Schuldenbremse ausgesetzt.
Die Sparmassnahmen sind stärker, als ich es vor meinem Antritt erwartet hatte. Das Entlastungspaket 27 trifft uns hart. Meteo Schweiz ist ein schlank aufgestellter Betrieb, wir haben sehr wenige Stellen ausserhalb unserer Fachleute. Da ist nicht viel Einsparungspotenzial.

Was wird dann weggespart?
Wir automatisieren, wo immer es möglich ist. Beispielsweise hatten wir am Flughafen Zürich bisher Beobachter, die von blossem Auge das Wetter einschätzten – die fallen ab nächstem Jahr weg. Wir fokussieren uns auf das, was wirklich nötig ist. Doch bei vielen Automatisierungen muss man zuerst auch wieder Geld ausgeben, bevor sie sich lohnen. Dazu kommt ein weiterer Punkt, den ich weiter voranzubringen versuche: internationale Kooperationen. Viele Software-Tools werden auch in Frankreich, Deutschland, Italien oder England entwickelt. Durch Austausch und Zusammenarbeit ergeben sich da auch noch Effizienzen.

Wird es zum Risiko für die Bevölkerung, wenn Ihr Kerngeschäft blutet?
Ich würde nicht sagen, dass wir die Sicherheit der Bevölkerung direkt aufs Spiel setzen. Aber die betrieblichen Risiken steigen. Wenn wir weniger Geld für Investitionen haben, dann benutzen wir etwa Messgeräte länger. Lifecycle-Vorhaben wie die notwendige Erneuerung der Wetterradare sind mit den Sparmassnahmen gefährdet. Und wenn diese nicht rechtzeitig ersetzt werden, führt dies zu ungenaueren Vorhersagen – und möglicherweise zu grösseren Schäden. Das wäre nicht im Interesse der Schweizer Volkswirtschaft.

Im Entlastungspaket werden auch viele Klima- und Umweltmassnahmen gekürzt, gleichzeitig fallen Klimavorlagen bei Volk und Parlament regelmässig durch. Frustriert Sie das?
Ich denke, dass die momentane Hitzeperiode auch im bürgerlichen Lager ein gewisses Umdenken hervorruft. Viele Landwirte sind jetzt der stärkeren Trockenheit ausgesetzt – das sorgt für Bewusstsein. Nichts wird nicht gemacht, es gibt wichtige Investitionen im Umwelt- und Klimabereich. Für meinen Geschmack könnten es mehr sein. Es ist aber nicht meine Aufgabe, das zu beurteilen. Wir liefern die technischen wissenschaftlichen Grundlagen. Die politische Umsetzung ist die Verantwortung von anderen. Wir können nur immer wieder die Dringlichkeit betonen. Je mehr Zeit wir verlieren, je später wir etwas machen, desto teurer wird es im Allgemeinen.

Ist dieser Sommer die Kehrtwende?
Ich hoffe, es ist ein Weckruf. Heisse, aber trockene Sommer sind klar vorhergesagt in den Klimaszenarien. Ich hoffe, dass dieser Weckruf den politischen Willen erzeugt, hier zu investieren.