Offen war gestern: Warum das Cabrio langsam von den Straßen verschwindet
Die frühen Automobilisten mussten einiges aushalten: In den ersten motorisierten Fahrzeugen saßen Chauffeur und Passagiere in sperriger Spezialkleidung und weitgehend ungeschützt vor Wind und Wetter. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts rollten erste Limousinen auf die Straßen.
Zu den Pionieren dieser Fahrzeuggattung gehörte 1900 etwa der Renault Type B mit einer Karosserie des damals renommierten Herstellers Labourdette. Der kuriose Kleinstwagen war mit 1,80 Metern fast genauso hoch wie mit 1,90 Metern lang und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 45 bis 50 Kilometern pro Stunde.
Zwischen Freiheitsgefühl und Sicherheitsproblem
In den Folgejahren beherrschten dann die Limousinen das automobile Angebot und brachten eine Zweiklassengesellschaft auf die Straße. Während die Herrschaften damals vor der Witterung geschützt im Fond saßen, musste der Chauffeur häufig weitgehend ungeschützt das Fahrzeug steuern. Wie viele andere Begriffe leitet sich übrigens auch der Begriff Limousine von einer französischen Kutschenform ab, die vor allem im Limousin, am Rande des Zentralmassivs, weit verbreitet war.
Auch das Cabriolet hat seinen Ursprung im Französischen. Als Cabriolet galt eine Kutsche, die sich vor allem durch ihr rustikales Fahrverhalten auszeichnete. „Cabrioler“ bedeutet so viel wie „Luftsprünge machen“ – was die Eigenschaften der Fahrwerke durchaus treffend beschreibt.
Doch auch wenn die Limousine die Ausfahrten wetterfest machte: Vor allem bei den Schönen und Reichen blieb das Cabriolet als Zweitwagen für die sonnigen Tage beliebt. In den 1920er- und 1930er-Jahren brachten die Hersteller offene Modelle in allen Preisklassen auf den Markt – vom kleinen Hanomag „Kommissbrot“ bis zu den großen Varianten der Luxusanbieter wie Rolls-Royce und Mercedes.
Praktisch waren diese Cabriolets damals nicht unbedingt, und die Bedienung der sperrigen Verdecke ohne elektrische oder hydraulische Unterstützung war echte Knochenarbeit. Doch offensichtlich genossen ihre Besitzer diesen schwer definierbaren Hauch von Freiheit und belächelten die in ihren Blechkarosserien gefangenen Zeitgenossen.
Wie im Film „Hot Water“ saßen Chauffeur und Passagiere in den ersten motorisierten Fahrzeugen weitgehend ungeschützt vor Wind und Wetter.
© Imago
In Großbritannien – nicht gerade für seine vielen Sonnentage bekannt – übertrafen sich die Hersteller mit offenen Zweisitzern. Die britischen Roadster von MG, Triumph und Co. eroberten die Weltmärkte und verschwanden schließlich mit dem Untergang der britischen Automobilindustrie. In den 1970er-Jahren stand die Gattung Cabriolet dann scheinbar vor dem endgültigen Aus. In den USA brachte Cadillac eine „Final Edition“ des Eldorado auf den Markt. Cabriolets galten als unsicher – schließlich gab es bei einem Überschlag keinen Schutz.
Volkswagen brachte damals deshalb das Golf-Cabriolet mit einem gewöhnungsbedürftigen Überrollbügel auf den Markt, mit dem das Käfer-Cabriolet abgelöst wurde. Insgesamt 330.000 offene Käfer liefen bis zur Produktionseinstellung bei Karmann in Osnabrück von den Bändern. Das erste Golf-Cabrio, von der Kundschaft liebevoll als „Erdbeerkörbchen“ getauft, wurde trotz anfänglich heftiger Kritik ein Verkaufserfolg, und diesem Vorbild folgten viele andere Hersteller. Mit diesem Kunstgriff retteten die Wolfsburger den offenen Fahrspaß.
Kein Platz für Modelle mit emotionalem Charakter
Das Cabriolet hatte also die vermeintlichen Todesglocken verstummen lassen, und Zeitgenossen, für die das Automobil mehr als nur ein banales Fortbewegungsmittel war, griffen zu. Den Höhepunkt erreichten die Cabriolets in Deutschland dann mit rund 103.000 Zulassungen 2009, als der VfL Wolfsburg deutscher Fußballmeister wurde und die Mannschaft in offenen Modellen durch die Stadt fuhr. Volkswagen-Chef Martin Winterkorn soll über die Vielfalt an offenen Fahrzeugen seines Unternehmens verblüfft gewesen sein, hieß es.
Fast zwei Jahrzehnte später sieht es anders aus: Im ersten Halbjahr 2026 kamen nur noch 26.129 neue Cabrios auf die Straße – wobei die größten Liebhaber des offenen Fahrens übrigens im bayerischen Landkreis Starnberg leben. 56 Cabriolets kommen hier auf 1000 Einwohner.
In den Siebziger-Jahren löste das Golf-Cabriolet das Käfer-Pendant ab – mitsamt gewöhnungsbedürftigem Überrollbügel.
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Nach und nach zogen sich die meisten Hersteller aus dem Segment zurück – und aktuell gehören Cabriolets wieder zu den exotischen Modellen. Stattdessen beschäftigen sich die Hersteller mittlerweile mehr damit, sportliche Nutzfahrzeuge (SUVs) oder Elektromodelle zu entwickeln. Bei Volkswagen steht mit dem offenen T-Roc nun das letzte Cabriolet der Marke vor seinem Aus, weil, so die Begründung, in Wolfsburg „keine Entwicklungskapazitäten für Nischenmodelle“ vorhanden seien.
Elektroantrieb und offener Fahrspaß scheinen für Marketingexperten momentan unvereinbar zu sein. Lediglich MG, inzwischen Teil eines chinesischen Konzerns, setzt auf diese Kombination und entwickelte den Cyberster (ab 65.490 Euro) mit spektakulären Scherentüren, der mit seinem Fahrverhalten tatsächlich ein wenig an frühere Verbrennermodelle erinnert.
Die Automobilindustrie befindet sich aktuell in einem Transformationsprozess, wobei für Modelle mit emotionalem Charakter kein Platz mehr ist. Das liegt unter anderem daran, dass die Kundschaft vor allem bei SUV-Varianten zugreift. Neben dem Cabriolet gehört auch das Coupé zu den Opfern dieser Entwicklung. In den vergangenen Jahren verschwanden Modelle wie der VW Beetle und der Golf Cabriolet, das Audi A3 Cabrio, der Audi TT Roadster, das Smart ForTwo Cabrio oder der Opel Cascada vom Markt – ohne dass sich die Hersteller die Mühe machten, für die bei der Kundschaft beliebten Cabriolets Nachfolger zu entwickeln.
Als auch das stärkste Haarspray nichts nützte
Allerdings – und da denkt so mancher Beobachter spontan an das berühmte gallische Dorf – gibt es immer noch Hersteller, die offene Automobile im Programm haben, wobei sich das Angebot deutlich in zwei Segmente teilt. Neben einer kleinen Schar preiswerter Modelle wird die wohlhabende Kundschaft bei den Luxusanbietern fündig, bei denen sich die Preislisten im gehobenen fünf- bis sechsstelligen Bereich bewegen. Ausgerechnet der japanische Hersteller Mazda setzt dabei die Tradition bezahlbarer britischer Roadster fort. Der MX5 ähnelte bei dessen Verkaufsstart 1989 auffallend dem legendären Lotus Elan und erreichte auf Anhieb Fahrspaßwerte des britischen Vorbilds.
Und während offene Zweisitzer wie der MG B oder Fiats 124 und Barchetta sowie der Alfa Romeo Spider ersatzlos gestrichen wurden, rollt der MX5 (34.190 Euro) noch immer auf den Straßen der Welt. Eine Ausfahrt mit dem japanischen Roadster ist eine Rückkehr in eine Epoche, als Roadster in erster Linie Fahrspaß lieferten. Die Frisur wird durcheinandergewirbelt, da hilft auch kein noch so starkes Haarspray. Wem die äolischen Kräfte zu stark sind, kann ein Windschott ordern, nimmt dem offenen Fahren aber ein entscheidendes Element.
Während andere Hersteller ihre Roadster streichen, rollt der Mazda MX5 noch immer auf den Straßen der Welt.
© Mazda
Das offene Fahrvergnügen beginnt in Deutschland aktuell mit dem Fiat 500 Cabrio, das streng genommen allerdings kein klassisches Cabriolet ist, da die Karosserie-Seitenteile des kleinen Nostalgiemodells stehen bleiben. Als Ausgleich beginnt die Preisliste bei überschaubaren 22.990 Euro, und für Freunde der elektrischen Fortbewegung beginnt der teilgeöffnete Fiat bei 27.990 Euro. Der offene Italiener bringt die schwer beschreibbare Italianità auf die Straße.
Eine „Preisetage“ höher steht der Mini Cooper (32.450 Euro), und ist so das preiswerteste klassische Cabriolet auf dem deutschen Markt. Das in Oxford produzierte Cabriolet des britischen BMW-Ablegers wird vermutlich noch einige Jahre produziert werden. Im vergangenen Jahr kam die vierte Generation des offenen Viersitzers auf den Markt, und angesichts der üblichen Bauzeiten wird das Modell wahrscheinlich noch mindestens bis Ende des Jahrzehnts angeboten werden.
Für die Freunde des preiswerten Offenfahrens wird es übrigens in zwei Jahren ein neues Angebot geben: Citroën bereitet die Neuauflage des 2CV als Elektromodell vor, das rund 15.000 Euro kosten soll. Im Oktober wird die Marke das Modell noch als „Konzept“ getarnt bei der Mondial de l’Automobile zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentieren. Wie der Vorgänger wird die moderne „Ente“ wieder ein Faltdach besitzen.
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