"Öffentliche Mittel nur rechtzufertigen, wenn wir uns nützlich machen", sagt neuer Chef der "Wiener Zeitung"

Republiksbesitz

"Öffentliche Mittel nur rechtzufertigen, wenn wir uns nützlich machen", sagt neuer Chef der "Wiener Zeitung"

Was hat Simon Kravagna mit dem republikseigenen Medienhaus vor? Kritikpunkte des Rechnungshofs bereinigen, KI-Kompetenzcamps für Jugendliche, Kooperation mit Medien und mehr Transparenzdaten

Harald Fidler

Simon Kravagna, zuletzt Geschäftsführer der Journalismus- und Medienfortbildung Fjum, hat am 10. August die Geschäftsführung der aus dem Bundesbudget finanzierten Wiener Zeitung GmbH übernommen mit dem Onlineportal WZ.at, Journalismusausbildung, Medienkompetenz-Angeboten und der Veröffentlichungsplattform des Bundes. Und mit einem – kolportiert überaus kritischen – Bericht des Rechnungshofs über die vergangenen Jahre des republikseigenen Medienhauses. Im STANDARD-Interview erklärt Kravagna, was er mit der Wiener Zeitung und der Kritik des Rechnungshofs macht. Die staatlichen Ressourcen stünden bisher nach seinem Eindruck "nicht in einem optimalen Verhältnis" zum Output.

"Werden Rechnungshofbericht nicht schönreden"

Eine lächelnde Person mit grauem Haar, die ein blaues Hemd trägt, steht entspannt an eine Steinmauer gelehnt. Die Ärmel des Hemdes sind hochgekrempelt, und die Person trägt eine Armbanduhr und einen Gürtel.
Simon Kravagna, neuer Geschäftsführer der republikseigenen Wiener Zeitung.

STANDARD: Der Rechnungshof hat die Wiener Zeitung GmbH unter ihrem bisherigen Management überprüft und soll massive Kritik äußern. Sie müssten den Rohbericht doch schon kennen – was steht denn drin?

Kravagna: Ich bin seit 10. August hier Geschäftsführer und habe ihn in der ersten Woche sehr genau studiert.

STANDARD: Was sind die Kritikpunkte?

Kravagna: Ich kann dem Rechnungshof nicht vorgreifen, der Rohbericht ist vertraulich, der Bericht wird wohl bald veröffentlicht. Was ich schon sagen kann: Wir werden den Bericht nicht schönreden und alle Empfehlungen, die der Rechnungshof da aufgelistet hat, tatsächlich umsetzen. 80 Prozent der Empfehlungen sind bereits umgesetzt.

STANDARD: Bekannt ist, dass die Wiener Zeitung Gehälter und Löhne über Jahre falsch berechnet und ausbezahlt hat. Ebenfalls über Jahre wurde das intern und extern nachgerechnet und aufgearbeitet. Ist das inzwischen abgeschlossen?

Kravagna: Die Wiener Zeitung GmbH hat über viele Jahre Löhne und Gehälter falsch ausgezahlt. Es gab mittlerweile eine Rückzahlung in der Höhe von rund 1,1 Millionen Euro. Es gibt noch offene Forderungen, die noch geprüft werden, auch vor Gericht. Das ist kein Ruhmesblatt und mir ein Rätsel, warum das passiert ist. Aber ich werde mit den Folgen umgehen, und wir werden das lösen.

STANDARD: Ein guter Kaufmann muss Rückstellungen bilden für Risiken, die daraus entstehen können. Wie groß ist das?

Kravagna: Wir haben vorgesorgt.

"Nicht optimales Verhältnis zum Output"

STANDARD: Sie haben sich vermutlich nicht für die Geschäftsführer der Wiener Zeitung beworben, um Altlasten aufzuarbeiten. Was haben Sie vor?

Kravagna: Mein Eindruck ist: Die Ressourcen, die der Wiener Zeitung GmbH zur Verfügung gestellt werden, ab 2027 wieder in voller Höhe von 16,5 Millionen, stehen nicht gerade in einem optimalen Verhältnis zum Output des Unternehmens. Das wird sich ändern, auch weil wir Top-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter im Unternehmen haben.

STANDARD: Wie ändern Sie das – und in welchem Bereich?

Kravagna: Wir fahren hier zwei Geschwindigkeiten. Bis zum Jahresende steht eine neue Strategie in Abstimmung mit dem neuen Aufsichtsrat. Bis dahin setze ich aber jede Woche laufend wirksame Maßnahmen.

Bis zu 10.000 Euro pro Monat an Meta und Co gestoppt

STANDARD: Zum Beispiel?

Kravagna: In der ersten Woche habe ich die Bewerbung journalistischer Inhalte auf den Tech-Plattformen gestoppt. Das Unternehmen hat 2025 rund 10.000 Euro pro Monat an sie überwiesen, in die USA zu Meta oder nach China zu TikTok. Dieses Jahr waren es rund 5.000 Euro. Das wird es einfach nicht mehr geben.

STANDARD: Mit dem Geld hat die WZ vermutlich eigene Inhalte und Angebote beworben, um deren Reichweite zu steigern.

Kravagna: Journalistisch gesehen müssen wir auf diesen Plattformen sein. Dort soll möglichst viel guter Journalismus sein. Aber wir schenke den Plattformen ohnehin schon unsere Inhalte, unseren Journalismus. Warum noch dafür zahlen, dass er gesehen wird? Das muss guter Inhalt schon selber schaffen. Und zwar ohne Bezahlung.

"Wir können das nicht einfach im Haus vergeben"

STANDARD: Wir sind schon in Woche zwei, also müsste es schon weitere Beispiele für "wirksame Maßnahmen" geben.

Kravagna: Die Wiener Zeitung vergibt Förderungen an journalistische Gründerinnen und Gründer, aber bisher nicht nach üblichen Standards. Bisher gab es keine externe Jury für die Vergabe, wir setzen ab der nächsten eine ein. Wir haben etwa den Media Forward Fund eingeladen, Juroren zu nominieren. Wir werden das professionalisieren. Wir können das nicht einfach im Haus vergeben.

STANDARD: In welche Richtung gehen die größeren strategischen Überlegungen? Gehen wir die Betätigungsfelder der WZ doch Schritt für Schritt durch.

Kravagna: Es gibt ganz klare Richtungen. Erstens, wir werden wesentlich mehr für Journalismus und Medien in Österreich machen als bisher. Wir stellen Medien von APA bis Kleine Zeitung, von Handelsblatt bis zur Rechercheredaktion Paper Trail Media 24 Trainees zur Verfügung. Wir fördern journalistische Gründerinnen und Gründer. Aber das wird den Journalismus nicht retten. Es wird durch Plattformen und Algorithmen immer schwieriger, Journalismus zu finanzieren, und ihn sichtbar zum Publikum zu bringen.

"Um Kooperationen mit Medienhäusern bemühen"

STANDARD: Und was soll die Wiener Zeitung GmbH dagegen tun?

Kravagna: Mit den Herausforderungen für Journalismus kann vielleicht nicht jedes Medienhaus alleine fertig werden. Also wir werden uns um starke Kooperationen mit Medienhäusern bemühen.

STANDARD: Wie kann man sich das vorstellen?

Kravagna: Zum Beispiel im journalistischen Bereich. Unsere Journalistinnen und Journalisten werden die Möglichkeit bekommen, vermehrt mit anderen Redaktionen Beiträge, Recherchen, Reportagen machen. Gemeinsam mit den Trainees können wir für den österreichischen Medienmarkt potenziell bis zu 40 Leute zur Verfügung stellen. Das ist eigentlich schon eine ziemlich Man- und Womanpower.

STANDARD: Also Recherchekooperationen mit einzelnen Medien?

"Wir bilden für schrumpfenden Markt aus"

Kravagna: Wir führen jetzt erste Gespräche mit verschiedenen Medienhäusern. Die Idee: Wir entwickeln gemeinsam Formate mit verschiedenen Medien und bespielen sie gemeinsam, etwa eine Journalistin von uns, ein Journalist von einem anderen Medium. Alles auf freiwilliger Basis. So kann etwas Neues entstehen.

STANDARD: Österreichs Medien können aufgrund der wirtschaftlichen Herausforderungen – Digitalkonzerne räumen die Werbung ab, die Bezahlbereitschaft steigt nur langsam – immer weniger Journalistinnen und Journalisten beschäftigen. Sie haben ein Traineeprogramm für den Beruf mit 24 Ausbildungsstellen pro Durchgang.

Kravagna: Mit dieser Erfahrung bei mehreren Medien sind die Trainees nach unserer Erfahrung sehr nachgefragt. Tatsächlich werden wir uns aber überlegen, ob wir das Programm in der Dimension weiterführen. Wir bilden hier für einen schrumpfenden Markt aus. Deshalb überlegen wir, das Modell etwas zu überdenken oder zu ergänzen. Um Angebote für Redakteurinnen und Redakteure, die Input brauchen, eine Art Wissenstransfer. Gerade erfundenes Beispiel: Wenn ich drei Monate beim Spiegel bin und schaue, was die mit KI machen, dann kann ich das Wissen idealerweise in Österreich zumindest in meinem Medienhaus einbringen. Wir müssen nachdenken, was der Medienmarkt wirklich braucht. Ich glaube, der Fokus wird technologischer.

Jugendlichen Risiken und Chancen von KI vermitteln

STANDARD: Die Wiener Zeitung GmbH bemüht sich etwa auch um Medienkompetenz.

Kravagna: Auch dazu habe ich eine konkrete Idee: Wir werden im Sommer 2027 in Wien ein Pilotprojekt starten, wo wir mit jungen Leuten die Chancen und Risiken von KI erkunden werden.

STANDARD: Ein KI-Ferienspiel?

Kravagna: So würde ich es nicht sehen: Wir versuchen ein intelligentes Format, das junge Menschen gerne machen. Zur Beschäftigung mit KI könnte man mit Vibe Coding einsteigen. In dem Programm kann man zugleich konstruktiv vermitteln, welche Risiken und auch Chancen in der Künstlichen Intelligenz liegen. In nächster Zeit sprechen wir mit Expert:innen und Jugendlichen. Dann testen wir unser Angebot 2027 in Wien. Wenn es funktioniert, werden wir Medien in den Bundesländern anbieten, das in Österreich auszurollen.

STANDARD: Braucht es eine aus Bundesmitteln finanzierte journalistische Plattform wie WZ.at, die sich an jüngere Menschen richtet?

Kravagna: Ja, die braucht man anscheinend. Es ist ja nicht so, dass die Jüngeren überwiegend österreichischen Journalismus konsumieren. Zumindest wäre mir das nicht aufgefallen. Wir machen ein Angebot wie viele andere Medien - ORF, STANDARD, Krone – auch. Nur weil wir es nicht machen, wird kein anderer mehr Reichweite gewinnen. Ich glaube, diese Illusion hat niemand, oder? Da gibt es ein paar mächtigere Influencer und viel, viel Content auf Tiktok und Co, den ich nicht als Journalismus definieren würde.

STANDARD: Kritiker warfen WZ.at schon geringe Reichweite mit großem Aufwand vor.

Kravagna: Reichweite ist für uns nicht ganz so zentral wie für Medien, die damit am Markt Geld verdienen müssen. Aber natürlich sollen unsere Inhalte bei möglichst vielen Menschen ankommen.

"Nicht verboten, über andere Formate oder Zielgruppen nachzudenken"

STANDARD: An der Österreichischen Web-Analyse beteiligt sich WZ.at nicht, um die Nutzung zu dokumentieren.

Kravagna: Ich habe die Uni Salzburg gefragt, ob sie für die Österreich-Ausgabe des "Digital News Report" auch die Nutzung der WZ als Nachrichtenquelle erheben. Sie tun das, und haben mir die Daten zur Verfügung gestellt: Sieben Prozent der unter 35jährigen sagen dort, sie haben in der vergangenen Woche digitale Angebote der Wiener Zeitung als Nachrichtenquelle genutzt, in Wien nutzen uns immerhin sechs Prozent aller Nutzer. Darauf kann man aufbauen, das ist nicht schlecht.

STANDARD: Also weiter wie bisher, die Richtung stimmt?

Kravagna: Wir sind präsent in einer jüngeren Zielgruppe, und das werden wir ausbauen. Es ist aber bei uns intern nicht verboten, über andere Formate und auch andere Zielgruppen nachzudenken. Wir haben sehr gute Redakteurinnen und Redakteure sowie ein Produktteam mit vielen Ideen. Damit haben wir gemeinsam noch viel Luft nach oben, und wir werden mit allen Medien mit journalistischem Anspruch kooperieren, wer immer will.

STANDARD: Private Medien könnten WZ.at auch als öffentlich finanziertes Konkurrenzangebot sehen.

Kravagna: Öffentliche Mittel kann man nur verantworten und rechtfertigen, wenn wir uns wirklich nützlich machen. Deswegen auch mein Angebot, dass wir unsere Ressourcen vermehrt zur Verfügung stellen für andere Medien, und da werden wir konkrete Modelle entwickeln. Also wir sollten nicht Konkurrenz sein – und, ehrlich gesagt, ich glaube, wir werden nicht als Konkurrenz gesehen.

STANDARD: Sie betreiben mit dem Bundesrechenzentrum auch die Verlautbarungsplattform des Bundes unter dem Kürzel EVI ...

Kravagna: ... die wir auch stark ausbauen werden. Wir haben da derzeit 500.000 Zugriffe pro Monat. Man kann dort Firmenprofile und alles mögliche Nützliche finden. Wir überlegen jetzt, weitere Register zu integrieren. Wenn wir daraus eine Art Transparenzportal machen, wo von der Insolvenzdatei und Firmenbuchdaten bis zum Vereinsregister und noch einiges mehr drin ist, bringt das jedem Österreicher und jeder Österreicherin etwas. Man kann sich dort sehr einfach schlau machen, was man wissen muss.

STANDARD: Das wird private Anbieter wie die Compass-Gruppe eher nicht freuen.

Kravagna: Ich denke da zuerst an die Österreicherinnen und Österreicher und ihren kostenlosen Zugang zu öffentlichen Informationen. Wir können da Transparenz herstellen in vielen Bereichen.

STANDARD: Was hat ihnen Medienminister Andreas Babler, der Sie ja zum Geschäftsführer der Wiener Zeitung GmbH bestellt hat, mitgegeben?

Kravagna: Ich habe den Medienminister vor vielen Jahren interviewed für die Zeitschrift Biber, die ich gegründet habe, da war er noch Bürgermeister von Traiskirchen. Seither habe ich Andreas Babler weder vor meiner Bestellung noch danach zu einem Gespräch getroffen. Ich freue mich, ihn einmal kennenzulernen.

STANDARD: Sie sind für fünf Jahre bestellt. Was haben Sie in fünf Jahren umgesetzt, wie sieht die Wiener Zeitung aus, was tut sie, damit Sie sagen: Da habe ich als Geschäftsführer etwas erreicht?

Kravagna (lacht): Wenn die Posterinnen und Poster des STANDARD nicht mehr schreiben, das sollte man einstellen.

STANDARD: Und inhaltlich, sachlich? Wann waren Sie erfolgreich?

Kravagna: Wir haben etwas erreicht, wenn wir wenn wir genügend Jugendliche dafür begeistert haben, sich mit Technologie zu beschäftigen, die das konstruktiv machen und dadurch vielleicht auch eine Berufsidee entwickelt haben. Wenn wir mit Medien gemeinsam journalistisch gearbeitet haben und vielleicht auch technologisch etwas weitergebracht haben, das allen was gebracht hat. Wenn ich von den Medien das Feedback bekomme, das hat uns geholfen, wir waren nützlich, dann kann ich sagen: Mission accomplished. Und wenn wir hier sehr effizient mit den Mitteln umgehen. Das ist Steuergeld und ich weiß, dass das derzeit knapp ist. Wir werden uns bestmöglich aufstellen und liefern.

STANDARD: Die Wiener Zeitung GmbH hat ja auch den gesetzlichen Auftrag, nach Maßgabe ihrer Mittel Printprodukte zu erstellen, bis zu zehnmal im Jahr. Zu meiner Überraschung war das in diesem Sommer ein Rätselheft, das Medienkomptenz vermitteln sollte.

Kravagna: Mich hat das zunächst auch überrascht. Aber: Das Heft hat, bei günstigen Produktionskosten, etwas thematisiert, das uns alle beschäftigt und beschäftigen sollte: Wie funktionieren Algorithmen, was machen sie mit uns? Wie erkennt man KI? Wir haben das Heft vor allem in Bädern verteilt, an eine jüngere Zielgruppe. Wir hatten danach mehr als 9.500 Zugriffe auf die Lösungen und Anleitungsangaben online. Diese Aktivierungsrate ist für ein Printprodukt erstaunlich hoch.

STANDARD: Also nur noch Rätselhefte der WZ?

Kravagna: Natürlich nicht, meine Pläne für die WZ habe ich Ihnen ja schon ausführlich skizziert. Aber wir haben mit dem Produkt tatsächlich Inhalte transportiert, die wir vielleicht sonst schwer zu jüngeren Menschen bringen würden, die sie aus unserer Sicht mitbekommen sollten. Nur weil es nicht ausschaut wie klassischer Journalismus, kann es dennoch intellligent und sinnvoll sein. Es hat, würde ich behaupten, funktioniert. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt zehn Rätselhefte pro Jahr machen. Aber zwei könnten es schon sein. (Harald Fidler, 29.8.2026)

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