WWF-Bericht: Hälfte der Tierbestände hat sich stabilisiert

„Aktiv werden für die Natur“, lautet das Motto der UN-Weltnaturschutzkonferenz (COP 17), zu der Delegationen aus knapp 200 Staaten diesen Monat in der armenischen Hauptstadt Eriwan zusammenkommen. Auf dem Prüfstand steht, wie aktiv die Staatengemeinschaft tatsächlich für die Natur geworden ist. Vor vier Jahren hatten sich auf der Weltnaturkonferenz in Montreal nahezu alle Staaten der Erde darauf verständigt, den Verlust von Naturräumen, Tier- und Pflanzenvielfalt und genetischer Vielfalt bis 2030 zu stoppen und umzukehren. Im Weltnaturschutzabkommen wurden 23 ehrgeizige Ziele vereinbart: Unter anderem sollen 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme wiederhergestellt sowie 30 Prozent der globalen Land- und Meeresfläche dauerhaft unter wirksamen Schutz gestellt werden.

Gebietsschutz ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass gefährdete Tier- und Pflanzenarten eine Chance auf Erholung haben. Das liegt auch im Interesse der Menschheit. Denn ohne biologische Vielfalt gerät unter anderem der Anbau von Kulturpflanzen, die auf Bestäuber angewiesen sind, sowie die Produktion von Medikamenten in Gefahr. Das Weltnaturschutzabkommen hat bislang jedoch nicht verhindern können, dass viele Populationen wild lebender Tiere weiter zurückgehen. Nach dem neuen „Living Planet Report“ der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF setzt sich der globale Trend schrumpfender Bestände an Wirbeltieren fort. Die untersuchten Populationen sind zwischen 1970 und 2022 um durchschnittlich 73 Prozent zurückgegangen. Betroffen sind Säugetiere, Vögel, Fische, Reptilien, zum Beispiel Krokodile, und Amphibien, zum Beispiel Frösche.

Erfasst wurden rund 35.800 Tierpopulationen

Aber es gibt auch Lichtblicke. Die Hälfte der erfassten Tierbestände habe sich stabilisiert oder sei sogar gewachsen, heißt es in dem WWF-Bericht zu den Zählungen von 2022. Untersucht wurde, wie sich rund 35.800 Populationen auf allen Kontinenten entwickelt haben. Gezählt werden zum Beispiel die Tiere in einer Antilopenherde im südlichen Afrika. Diese Zahl wird dann mit der aus dem Jahr 1970 verglichen. Wie sich Populationen von Wirbeltieren entwickeln, ist ein wichtiger Gradmesser für die Stabilität von Ökosystemen, zum Beispiel des Amazonas-Regenwaldes, der wiederum von zentraler Bedeutung für das Weltklima ist.

Auch für den vorherigen Berichtszeitraum von 1970 bis 2020 verzeichnete der WWF einen Rückgang der Wirbeltierbestände um 73 Prozent. Aber aus dem unveränderten Wert lasse sich nicht schließen, dass der globale Abwärtstrend gestoppt worden sei, sagte der Biologe Stefan Ziegler vom WWF Deutschland in der Vorstellung des neuen Berichts. Mit der Aktualisierung seien neue Daten hinzugekommen, und der Berichtszeitraum habe sich verlängert. Deswegen seien die Werte der Berichtszeiträume nicht vergleichbar. Rund die Hälfte der erfassten Tierbestände schrumpfe weiter.

Rodung von Wäldern und Umweltverschmutzung

Den größten Rückgang verzeichnet der WWF mit durchschnittlich 85 Prozent in Flüssen und Seen. An Land haben die erfassten Tierpopulationen seit 1970 um 69 Prozent und im Meer um 59 Prozent abgenommen. Als Hauptursachen werden unter anderem schwindende Lebensräume für Wildtiere, etwa durch Abholzung von Wäldern und nicht nachhaltige Landwirtschaft, Umweltverschmutzung und die Folgen des Klimawandels genannt. Treiber dafür seien die Lebensmittelproduktion, der Einsatz fossiler Energien und Fehlanreize im Finanzsystem, heißt es in dem Bericht.

Ein gravierendes Problem sind nach Angaben der Umweltschützer Milliardensubventionen für wirtschaftliche Tätigkeiten, die mit Verlusten oder Risiken für die Natur verbunden sind. Dazu gehört auch der Großteil der EU-Agrarsubventionen. Im Weltnaturschutzabkommen haben die Vertragsstaaten vereinbart, naturschädliche Subventionen bis zum Jahr 2030 um mindestens 500 Milliarden Dollar im Jahr zu verringern. Nach einem Zwischenbericht der UN hat die Staatengemeinschaft dafür aber bislang so wenig getan, dass dieses Ziel kaum noch zu erreichen sei.

Der WWF-Bericht zeige andererseits, dass sich Tierbestände erholen könnten, wenn der politische Wille zum Umsteuern vorhanden sei und Regierungen, Naturschutzorganisationen und die Bevölkerung vor Ort zusammenarbeiteten, sagte der Biologe Ziegler. Zu den Erfolgsgeschichten des Artenschutzes gehört das Kapitel über die grüne Meeresschildkröte; die Tiere wurden früher massenhaft für Schildkrötensuppe gejagt. Doch vergangenes Jahr wurde die grüne Meeresschildkröte auf der globalen Roten Liste von „stark gefährdet“ auf „nicht gefährdet“ herabgestuft. Hier habe sich jahrzehntelange koordinierte Schutzarbeit in etwa 80 Ländern ausgezahlt, heißt es in dem WWF-Bericht.

Die Erfolgsgeschichte der einstigen „Suppenschildkröte“

Zu den Erfolgen an Land gehört die wachsende Zahl wild lebender Tiger: von rund 3200 im Jahr 2010 auf nunmehr rund 5700 Tiere. Das entspricht einem Zuwachs um mehr als 70 Prozent. Dazu beigetragen hätten verstärkte Schutzmaßnahmen, eine bessere Ausstattung für Ranger und der grenzüberschreitende Kampf gegen illegalen Handel, heißt es in dem WWF-Bericht. Aber die zunehmende Zahl von Tigern schaffe auch neue Herausforderungen, erläuterte Biologe Ziegler. In manchen Regionen steige das Risiko von Konflikten, wenn Menschen in der Nähe lebten.