Oschersleben: Neue Orgel in St. Nicolai erklingt nach 50 Jahren

St.-Nicolai-Kirche

Stand: 16.09.2026 22:16 Uhr

Nach 50 Jahren erklingt in der Oschersleber Nicolaikirche wieder die Orgel. Viele Menschen haben mitgeholfen, dass das Instrument wieder zu hören ist. Zur Widmung am Wochenende war die Kirche voll.

von Annette Schneider-Solís, MDR SACHSEN-ANHALT

Auf diesen Tag hat sich Leonie Neuhäuser gefreut. Die alte Dame hat sich extra fein gemacht und in einer der vorderen Reihen Platz genommen. Sie habe immer gewusst, dass die Orgel eines Tages gespielt wird: "Vor 80 Jahren habe ich dort oben auf der Empore gestanden und im Kinderchor gesungen", sagt sie. "Mein Vater ist im Krieg nicht zurückgekehrt, es waren schwere Zeiten." Man spürt, wie sehr Leonie Neuhäuser berührt ist.

Die Orgel in der Nicolaikirche.

Manche Besucher kennen die Kirche und die alte Orgel noch aus Kindertagen.

Neubeginn nach 50 Jahren

Fast auf den Tag genau vor 50 Jahren war die Kirche im Zentrum Oscherslebens aufgegeben worden. "Der Sanierungsstau war zu groß nach den Beschädigungen im zweiten Weltkrieg", weiß Pfarrer Georg Werther. Im Keller fand er noch einen alten Kasten für Aushänge. Darin war der letzte Gottesdienst für den 5. September 1976 angekündigt worden. "Die Kirchgemeinde musste aufgeben, weil es kein Geld für die vielen Reparaturen gab. Die Fenster mussten gemacht werden, das Dach. Umso schöner, dass wir nun fast auf den Tag genau nach 50 Jahren eine Wiederauferstehung der Orgel feiern können", freut sich Georg Werther.

Die Kirchgemeinde musste aufgeben, weil es kein Geld für die vielen Reparaturen gab. Die Fenster mussten gemacht werden, das Dach. Umso schöner, dass wir nun fast auf den Tag genau nach 50 Jahren eine Wiederauferstehung der Orgel feiern können. Pfarrer Georg Werther

Viele halfen mit

Als die Kirche geschlossen wurde, diente die alte Orgel als Ersatzteilspender. Pläne für eine Reparatur wurden zunächst aufgeschoben. Bis sie vor zehn Jahren konkret wurden. Ein Großteil der Kosten sollte über Fördermittel kommen, doch einen nicht unbeträchtlichen Teil der über 500.000 Euro musste die Kirchgemeinde selbst stemmen. Viele halfen mit, Geld zu sammeln. Auf Kuchenbasaren wurden Euros gesammelt, eine alte Orgelpfeife diente als Spendenbehälter.

Orgelbauer aus Thüringen

Orgel Postkarte.

Die Werkstatt Rühlmann erneuerte die alte Orgel Anfang des 20. Jahrhunderts zum letzten Mal.

1978 war die alte Orgel abgebaut worden. Es blieb nur die Hülle des einst so stolzen Instruments der Firma Knauf. Anfang des 20. Jahrhunderts war es von der Orgelbauwerkstatt Rühlmann in Zörbig zum letzten Mal erneuert worden. Nun baute die Thüringer Orgelwerkstatt Schönfeld ein völlig neues Instrument, in dem Teile einer aufgegebenen und sichergestellten Orgel aus der Werkstatt Kühn Platz fanden. Vier Werkstätten also, aus vier Zeitepochen - vereinigt in einer Orgel. Mit 1.600 Pfeifen ist sie kleiner als ihre Vorgängerin, aber dafür eben auch ein absolutes Unikat.

Die Orgel in der Nicolaikirche.

Kantor Julius Jung freut sich darüber, als erster auf der Orgel spielen zu dürfen.

Kantor Julius Jung kommt die Ehre zu, das Instrument als erster nach der Widmung zu spielen. Vor wenigen Tagen hatte der Kirchenmusiker seinen 30. Geburtstag gefeiert. Für ihn also ein sehr besonderes Geschenk: "In meinen Kreisen ist es ungewöhnlich, ein Geschenk für über 500.000 Euro zu erhalten", lacht er. Und verrät, dass er ein bisschen aufgeregt ist vor dem Festgottesdienst. "Es ist spannend, in einer Umgebung zu spielen, in der so lange keine Musik aus so einem großen Instrument zu hören war."

In den Tagen vor dem Festgottesdienst kommen viele Helfer in die Kirche. Sie wischen Staub, säubern die Fußböden. Als Vorsitzender des Gemeindekirchenrats ist Rainer Brückner immer dabei. "Ich weiß gar nicht, was ich ab morgen machen soll", lacht er, wird aber gleich wieder ernst. "Es war traurig, den leeren Platz dort oben auf der Empore zu sehen. Dass wir die Orgel wieder so hinbekommen haben, ist einfach großartig."

MDR (Anette Schneider-Solis)

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