Ozempic-Wirkstoff gegen Asthma und COPD: Neue Studie verblüfft Forschende

Stand: 18.09.2026, 19:15 Uhr

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Ozempic gilt als Wundermittel gegen Übergewicht – nun deutet eine neue Studie auf einen überraschenden Zusatznutzen hin. Was Forscher herausgefunden haben.

Frankfurt – Ozempic gilt als das Wundermittel unserer Zeit gegen Übergewicht – Millionen Menschen weltweit spritzen sich den Wirkstoff Semaglutid bereits, um Kilos zu verlieren oder ihren Diabetes in den Griff zu bekommen. Nun könnte das Mittel noch einen weiteren, bislang unterschätzten Vorteil haben: Menschen mit Asthma oder COPD scheinen unter der Therapie seltener unter schwerer Atemnot zu leiden. Das legt eine neue Auswertung nahe, die Anfang September auf dem Kongress der European Respiratory Society (ERS) in Barcelona vorgestellt wurde.

Mann hält eine Abnehmspritze der Marke Ozempic in der Hand

Der Wirkstoff Semaglutid, bekannt aus Ozempic und Wegovy, könnte laut einer neuen Studie auch die Atemwege schützen. © Roberto Pfeil/dpa/dpa-tmn

Der Wirkstoff Semaglutid gehört zur Wirkstoffgruppe der GLP-1-Rezeptoragonisten. Diese ahmen ein körpereigenes Hormon nach, das die Insulinausschüttung fördert, die Magenentleerung verzögert und das Hungergefühl dämpft – daher der Erfolg als Diabetes- und Abnehmmedikament unter Namen wie Ozempic oder Wegovy. Dass dieselben Wirkstoffe offenbar auch die Lunge beeinflussen könnten, ist ein Nebenbefund, der Fachleute aufhorchen lässt.

Studie: Ozempic-Wirkstoff Semaglutid senkt Asthmaanfälle um bis zu 40 Prozent

Ein Team um Professorin Chloe Bloom vom National Heart & Lung Institute des Imperial College London wertete elektronische Gesundheitsakten aus Großbritannien aus. In vier parallelen Analysen mit jeweils rund 20.000 bis 22.000 Erwachsenen mit Asthma oder COPD verglichen die Forschenden Personen, die eine Behandlung mit einem GLP-1-Rezeptoragonisten begonnen hatten, mit Personen, die stattdessen Sulfonylharnstoffe erhielten – ein länger etabliertes Diabetesmedikament.

Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Über die gesamte Wirkstoffklasse hinweg sank die Zahl akuter Verschlechterungen um rund 14 Prozent gegenüber der Vergleichsgruppe. Deutliche Unterschiede zeigten sich allerdings zwischen den einzelnen Präparaten. Semaglutid schnitt am besten ab: Asthmaanfälle gingen um bis zu 40 Prozent zurück, COPD-Schübe um etwa 20 Prozent. Exenatid erreichte eine Reduktion von 23 Prozent, Dulaglutid von 12 Prozent.

„Der Effekt war bei Semaglutid am stärksten ausgeprägt, insbesondere bei Asthma, wo die Anwendung mit einer fast 40-prozentigen Reduktion der Asthmaanfälle verbunden zu sein scheint“, sagte Bloom laut einer Mitteilung der Fachgesellschaft. Semaglutid habe zudem zu 20 Prozent weniger COPD-Schüben geführt.

Wirkt Semaglutid direkt auf die Lunge? Was die Asthma-Studie wirklich beweist

Ein Detail der Studie sticht besonders heraus: Der Zusammenhang zwischen Semaglutid und selteneren Atemwegsproblemen blieb bestehen, selbst wenn Ausgangsgewicht, Blutzuckerwert, Insulinresistenz oder das Ausmaß der Gewichtsabnahme während der Behandlung mitberücksichtigt wurden. Für die Forschenden ein Indiz, dass der Effekt nicht allein über Gewichtsverlust und bessere Stoffwechsellage zu erklären ist – sondern womöglich auf entzündungshemmende Eigenschaften des Wirkstoffs selbst zurückgeht, wie sie in Vorstudien bereits diskutiert wurden.

So verheißungsvoll die Zahlen klingen: Bloom warnt ausdrücklich vor Fehlschlüssen. Es handelt sich um eine reine Beobachtungsstudie auf Basis von Routinedaten, nicht um eine randomisierte kontrollierte Studie. Solche Auswertungen zeigen Zusammenhänge – aber keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Unterschiede zwischen den verglichenen Gruppen, etwa bei Begleiterkrankungen oder Lebensstil, lassen sich nie ganz ausschließen.

„Die Ergebnisse dieser Studie sind ermutigend, sollten aber allein keine Behandlungsentscheidungen verändern“, betonte Bloom. Menschen mit Asthma oder COPD sollten GLP-1-Rezeptoragonisten keinesfalls eigenmächtig oder speziell wegen ihrer Lungenerkrankung außerhalb bestehender Verordnungsempfehlungen einsetzen. Wer aufgrund von Adipositas oder Typ-2-Diabetes ohnehin für die Therapie infrage kommt, dürfe die Studienlage aber als Hinweis auf einen möglichen Zusatznutzen werten.

Semaglutid gegen Asthma: Warum weitere Studien nötig sind

Auch Alexander Mathioudakis von der University of Manchester, der die Arbeitsgruppe für Atemwegspharmakologie der ERS leitet, mahnt zur Zurückhaltung: Es brauche klinische Studien, die gezielt Atemwegs-Endpunkte wie Asthmaanfälle, COPD-Schübe, Lungenfunktion und Lebensqualität untersuchen, bevor Stoffwechselmedikamente Teil einer personalisierten Behandlung von Atemwegserkrankungen werden könnten.

Eine dänische Kohortenstudie mit 27.523 Asthma-Patientinnen und -Patienten fand unter GLP-1-Rezeptoragonisten ebenfalls seltenere Exazerbationen. Differenzierter fällt hingegen eine im Fachjournal Journal of Asthma and Allergy veröffentlichte, peer-reviewte US-Studie aus: Sie verglich jeweils 8.176 Personen mit Asthma und Typ-2-Diabetes unter Tirzepatid beziehungsweise Semaglutid und fand keinen signifikanten Unterschied im Exazerbationsrisiko zwischen beiden Wirkstoffen. Die Autoren fordern ausdrücklich randomisierte Studien, um die Rolle von GLP-1-Präparaten bei Asthma zu klären.

Die Datenlage verdichtet sich, bleibt aber vorläufig. Ob Semaglutid tatsächlich direkt auf die Lunge wirkt oder der beobachtete Effekt anders zu erklären ist, muss sich erst in prospektiven, randomisierten Studien zeigen. Bis dahin bleibt der Einsatz der Medikamente an die bestehenden Zulassungen für Typ-2-Diabetes und Adipositas gebunden. Quellen: ersnet.org, dovepress.com (bk)