Panik oder Chance für die Landwirtschaft in der EU? Der nächste Kampf der Ukraine wird sich um Getreide drehen

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Panik oder Chance für die Landwirtschaft in der EU? Der nächste Kampf der Ukraine wird sich um Getreide drehen

Der mögliche EU-Beitritt von Moldau und vor allem der Ukraine erfordert viel Vorarbeit, um Konflikte auf den europäischen Märkten zu vermeiden

Landwirtschaftsmaschinen bei der Ernte: Ein Mähdrescher entlädt Getreide in einen Anhänger, der von einem blauen Traktor gezogen wird. Aufnahme aus der Vogelperspektive auf einem Getreidefeld.
Die Ukraine ist landwirtschaftlich ein Gigant. Das würde im Falle eines EU-Beitritts Vor- und Nachteile haben.

Es spielt keine Rolle, wann Sie diesen Artikel lesen: Irgendwo in Europa stehen Landwirte mit ihren Traktoren auf den Straßen und protestieren. Mal richten sich die Demonstrationen gegen steigende Treibstoffpreise, mal gegen den Konkurrenzdruck durch deutlich günstigere Importe aus Drittstaaten, gegen strenge EU-Vorschriften im Pflanzen- und Verbraucherschutz oder gegen Kürzungen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP).

Gerade diese GAP gehört seit Jahrzehnten zu den komplexesten Politikfeldern der Europäischen Union. Nun könnte sie vor ihrer größten Bewährungsprobe stehen: dem möglichen EU-Beitritt der Ukraine und Moldaus.

Selbst wenn man die durch den russischen Angriffskrieg verlorenen Gebiete – die Krim und Teile des Donbass – außer Acht lässt, verfügt die Ukraine noch immer über rund 32 Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Davon werden bereits 26 Millionen Hektar bewirtschaftet.

Zum Vergleich: Frankreich besitzt rund 17 Millionen Hektar Ackerland, Spanien und Polen jeweils etwa elf Millionen. Mit einem EU-Beitritt würde die Ukraine schlagartig zum größten Produzenten von Getreide und Ölsaaten innerhalb der Europäischen Union werden – insbesondere bei Raps, Sonnenblumen und Sojabohnen.

Chancen und Risiken

Moldau wirkt daneben mit seinen rund 1,87 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche beinahe unbedeutend. Dennoch teilt das kleine Land viele der Chancen und Risiken seines großen Nachbarn. Der Beitrittsprozess Moldaus verläuft weitgehend parallel zu jenem der Ukraine. Zwar profitiert Chișinău vom geopolitischen Rückenwind, den die Kandidatur Kyjiws ausgelöst hat, gleichzeitig ist das Land aber auch den Unsicherheiten ausgesetzt, die ein Beitritt der deutlich größeren Ukraine mit sich bringt.

Für Elsa Régnier, Agrarforscherin an der Sciences Po, zählt die Landwirtschaft zu den schwierigsten Bereichen jedes EU-Beitrittsverfahrens. Der Grund liegt auf der Hand: Die Gemeinsame Agrarpolitik verschlingt einen erheblichen Teil des EU-Haushalts, während landwirtschaftliche Betriebe gleichzeitig zu den verletzlichsten Wirtschaftsbereichen gehören.

Auch die Europäische Kommission macht keinen Hehl daraus, dass sowohl die Ukraine als auch Moldau einen langen Anpassungsprozess vor sich haben. Beide Länder müssten ihre Landwirtschaft schrittweise an europäische Standards heranführen. Gleichzeitig müsse die Europäische Union sicherstellen, dass ihre eigenen Instrumente – insbesondere die GAP – überhaupt für eine Union mit deutlich mehr Mitgliedern geeignet seien.

Für den ukrainischen Landwirt Wolodymyr Rever aus der Region Lwiw sind solche Herausforderungen allerdings kein Grund zur Sorge. "Schwieriger als der Krieg? Schwieriger als der Holodomor? Das glaube ich nicht. Wir werden uns anpassen", sagt er mit einem Lächeln. Holodomor war in der Sowjetunion in den 1930er Jahren eine vom stalinistischen Regime künstlich herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine, die mehrere Millionen Todesopfer zur Folge hatte.

Bauer, Opfer und Zeitzeuge

Wie viele seiner Kollegen ist auch er nicht nur Landwirt, sondern zugleich Opfer und Zeitzeuge des russischen Angriffskrieges. Viele Bauern mussten ihre Felder verlassen, manche kämpfen heute an der Front, andere versuchen unter schwierigsten Bedingungen weiterhin Lebensmittel zu produzieren.

Dass die Ukraine als Kornkammer Europas gilt, liegt vor allem an ihrer außergewöhnlichen Bodenqualität. Große Teile des Landes bestehen aus sogenanntem Tschernosem, der berühmten Schwarzerde. Ihre dunkle Farbe verdankt sie einem außergewöhnlich hohen Humusgehalt – jenem organischen Material, das Pflanzen mit lebenswichtigen Nährstoffen versorgt.

Eine weite, offene Landschaft unter klarem, strahlend blauem Himmel. Links sind grüne Felder, rechts brachliegende, braune Äcker. Ein schmaler Feldweg verläuft diagonal durch das Bild.
Die berühmte ukrainische Schwarzerde.

Der Wissenschaftler Mychajlo Mulenko vom Nationalreservat Chortyzja erklärt, dass die Humusschicht in einigen Regionen der Zentralukraine bis zu einem Meter tief reicht – ein weltweit außergewöhnlicher Wert.

Diese mächtige Humusschicht macht die Böden besonders widerstandsfähig gegenüber intensiver Bewirtschaftung und trägt dazu bei, ihre Fruchtbarkeit langfristig zu erhalten.

Seit Beginn der russischen Invasion hat sich die Lage in der Ukraine grundlegend verändert. In den ersten Kriegsmonaten schien der Vormarsch der russischen Armee unaufhaltsam. Russische Kriegsschiffe blockierten den Hafen von Odessa, über den zuvor mehr als 80 Prozent der ukrainischen Agrarexporte abgewickelt worden waren.

Tausende Minen

Raketen zerstörten Saatgut- und Lebensmittelbetriebe in Charkiw, Bomben trafen gezielt landwirtschaftliche Maschinen und Felder in den Regionen Tschernihiw und Sumy. Hinzu kamen tausende Minen, die weite landwirtschaftliche Flächen unbrauchbar machten.

Dennoch gelang es der Ukraine, ihre Agrarwirtschaft weitgehend aufrechtzuerhalten. Die russische Offensive wurde gestoppt, der Hafen von Odessa blieb unter ukrainischer Kontrolle, neue Exportkorridore über das Schwarze Meer sowie auf dem Schienen- und Straßenweg – unter anderem über Rumänien und Polen – wurden eingerichtet. Gleichzeitig konnten Saatgutbestände gesichert und Lieferketten für Treibstoff und Logistik neu organisiert werden.

"Für uns ist das eine zweite Front", sagt Roman Leschtschenko, ehemaliger ukrainischer Agrarminister. "Brot ist für die Ukrainer etwas Heiliges, und die Aussaat ist ein Symbol des Lebens. Wer zwei Weltkriege und den Holodomor überlebt hat, weiß, welche Bedeutung Landwirtschaft für das Überleben eines Landes hat."

Nach Ansicht von Yves Le Morvan, Leiter des Bereichs Lieferketten und Märkte beim französischen Thinktank Agrillées, beschränkt sich die Stärke der ukrainischen Landwirtschaft längst nicht nur auf ihre außergewöhnlich fruchtbaren Böden.

Ebenso entscheidend seien das hohe fachliche Know-how der Beschäftigten sowie die bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Logistik-, Handels- und Verarbeitungsstrukturen. Trotz des Krieges habe die Branche bewiesen, dass sie sich schnell an neue Rahmenbedingungen anpassen könne.

Proteste in der EU

Diese Anpassungsfähigkeit hatte allerdings auch Nebenwirkungen. Als ukrainische Agrarprodukte verstärkt über die Nachbarländer in die Europäische Union gelangten, kam es insbesondere in Polen, Ungarn und der Slowakei zu heftigen Protesten. Die Regierungen dieser Länder verhängten zeitweise Einfuhrverbote für bestimmte ukrainische Produkte.

Auch in Rumänien gingen Bauern auf die Straße. Einer der bekanntesten Protestführer war Dănuț Andruș, dessen Traktorblockaden auf den Zufahrtsstraßen nach Bukarest landesweit Aufmerksamkeit erregten.

Damals warf er der Ukraine unlauteren Wettbewerb vor. Heute beurteilt er die Lage differenzierter. "Ich glaube zwar, dass ein Beitritt den Markt zunächst destabilisieren könnte. Aber jedes Volk hat das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen. Wenn die Ukraine die europäischen Regeln einhält, habe ich grundsätzlich nichts dagegen."

Gerade diese mögliche Marktveränderung könnte jedoch den Anstoß für eine grundlegende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik geben – ein Vorhaben, über das in Brüssel bereits seit Jahren diskutiert wird.

Seit ihrer Gründung wurde die Europäische Union sieben Mal erweitert. Die jüngsten Erweiterungen fanden 2007 mit Rumänien und Bulgarien sowie 2013 mit Kroatien statt.

Wie 1986, 2004 und 2007

Nach Einschätzung von Yves Le Morvan lassen sich lediglich zwei Erweiterungsrunden mit der heutigen Situation vergleichen: der Beitritt Spaniens und Portugals im Jahr 1986 sowie die Osterweiterungen 2004 und 2007. Beide veränderten die europäische Landwirtschaft grundlegend – sowohl wirtschaftlich als auch politisch.

Mit der Aufnahme der Ukraine, Moldau und der Westbalkanstaaten würde die landwirtschaftliche Nutzfläche der Europäischen Union um weitere 28 Prozent wachsen. Zum Vergleich: Die Erweiterung um Spanien und Portugal vergrößerte die Agrarfläche um rund 30 Prozent, die Osterweiterung sogar um 44 Prozent.

Doch diesmal reichen kleinere Anpassungen nicht mehr aus. Während 1986 lediglich Preisregelungen angepasst werden mussten und vor der Osterweiterung eine umfassende Reform der GAP eingeführt wurde, stellt die Ukraine die EU vor eine völlig neue Herausforderung.

Ihre Landwirtschaft ist noch immer stark von den Strukturen der ehemaligen Sowjetunion geprägt. Große Agrarbetriebe, weitläufige Flächen und Unternehmensformen, die sich deutlich von den in der Europäischen Union üblichen Familienbetrieben unterscheiden, prägen das Bild. Eine einfache Übertragung der bestehenden Fördermechanismen wäre deshalb kaum möglich.

Le Morvan sieht deshalb nur zwei realistische Optionen: Entweder erhält die Ukraine zunächst eine Form der Mitgliedschaft mit eingeschränkter Beteiligung an der Agrarpolitik, oder die Europäische Union unterzieht die Gemeinsame Agrarpolitik einer tiefgreifenden Reform und schafft langfristige Schutzmechanismen für alle Beteiligten.

Tiefgreifender Wandel

Nach Ansicht der Agrarwissenschaftlerin Elsa Régnier steht die GAP ohnehin vor einem tiefgreifenden Wandel. Derzeit verhandeln die EU-Mitgliedstaaten über den Finanzrahmen für die Förderperiode 2028 bis 2034 – und ein möglicher Beitritt der Ukraine wird diese Diskussion maßgeblich beeinflussen.

Grundsätzlich zeichnen sich drei Szenarien ab. Die Europäische Union könnte den Agrarhaushalt deutlich aufstocken, um auch die ukrainischen Landwirte vollständig in das bestehende Fördersystem einzubeziehen. Alternativ könnten die bisherigen Mitgliedsstaaten geringere Direktzahlungen erhalten, damit die vorhandenen Mittel auf mehr Empfänger verteilt werden können. Eine dritte Möglichkeit wäre ein Sondermodell für die Ukraine, das zwar den Zugang zum Binnenmarkt ermöglicht, bei den Agrarsubventionen jedoch eigene Regeln vorsieht.

Die Europäische Kommission verweist darauf, dass sich die GAP seit ihrer Einführung kontinuierlich weiterentwickelt habe und sich auch künftig verändern werde. Welche Lösung letztlich gewählt wird, hängt von den politischen Verhandlungen zwischen den Mitgliedsstaaten ab.

Die Debatte über die EU-Erweiterung wird längst nicht mehr ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt. Russlands Angriff auf die Ukraine, die zunehmenden Spannungen im Nahen Osten sowie die geopolitische Rivalität mit China haben deutlich gemacht, dass Ernährungssicherheit inzwischen als strategischer Faktor gilt.

Versorgungssicherheit stärken

Mit der Ukraine könnte die Europäische Union ihre Stellung als einer der weltweit wichtigsten Agrarproduzenten erheblich ausbauen. Gleichzeitig würde sie ihre Versorgungssicherheit stärken und ihre Abhängigkeit von Importen verringern.

Ein Sprecher der Europäischen Kommission brachte dies auf den Punkt: Die Erweiterungspolitik sei heute mehr denn je eine geostrategische Investition in Frieden, Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und langfristige Sicherheit.

Während die Ukraine ihren Anpassungsprozess erst begonnen hat, ist Moldau bereits ein gutes Stück des Weges gegangen. Im Jahr 2014 unterzeichnete das Land ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union, das auch den Beitritt zur sogenannten vertieften und umfassenden Freihandelszone (Deep and Comprehensive Free Trade Area – DCFTA) vorsah. Ziel dieses Abkommens ist es, die moldauische Wirtschaft schrittweise in den europäischen Binnenmarkt zu integrieren.

Im Rahmen der Vereinbarung wurden zahlreiche Zölle abgeschafft, Grenzverfahren vereinfacht und ein verlässlicher Rechtsrahmen für den Handel geschaffen. Für moldauische Agrarbetriebe eröffnete sich dadurch der Zugang zum größten Verbrauchermarkt der Welt mit mehr als 450 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Im Jahr 2025 entwickelte sich Moldau mit einem Marktanteil von 57,5 Prozent zum wichtigsten Lieferanten von Sonnenblumen für die Europäische Union. Auch bei Obst – insbesondere Zwetschgen, Äpfeln, Tafeltrauben und Kirschen – ist die EU inzwischen der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt des Landes.

Ein Mann steht lächelnd in einem grünen Feld mit reifendem Getreide unter einem blauen Himmel mit weißen Wolken. Er trägt ein hellblaues T-Shirt und eine blaue Kappe. Im Hintergrund sind weitere Felder und Bäume zu sehen.
Der moldauische Bauer Daniel Leahu berichtet von erheblichen Mehrkosten, um EU-Standards einzuhalten.

Dieser Erfolg hatte jedoch seinen Preis. Daniel Leahu, Landwirt aus dem Norden Moldaus, berichtet, dass die Betriebe ihre Produktion vollständig an die europäischen Vorschriften anpassen mussten. Heute erfüllten sie sämtliche Anforderungen hinsichtlich Pflanzenschutz, Rückverfolgbarkeit, Düngemittel und Pflanzenschutzmittel.

Erhebliche Mehrkosten

"Unsere Produkte erfüllen alle EU-Standards. Deshalb haben die Exporteure keine Probleme, sie auf dem europäischen Markt zu verkaufen." Die Umstellung verursachte allerdings erhebliche Mehrkosten.

"Vieles, was früher erlaubt war, ist heute verboten. Dadurch wird die Produktion deutlich teurer", sagt Leahu. "Wir halten uns an dieselben Regeln wie die Bauern in der Europäischen Union, erhalten dafür aber keinerlei Ausgleich. Europäische Betriebe bekommen Fördergelder für umweltfreundliche Produktion, gesunde Lebensmittel oder Emissionsminderungen. Wir leisten dasselbe – jedoch ohne finanzielle Unterstützung."

Tatsächlich müssen moldauische Landwirte sämtliche europäischen Standards erfüllen, obwohl sie noch keinen Anspruch auf Direktzahlungen oder andere Förderinstrumente der GAP haben. Hinzu kommen deutlich höhere Finanzierungskosten: Während Bauern in der EU Kredite häufig zu Zinssätzen zwischen drei und fünf Prozent erhalten, liegen die Zinsen in Moldau bei rund 13 Prozent.

Viele kleine und mittlere Betriebe sehen sich deshalb außerstande, die Kosten der EU-Anpassung aus eigener Kraft zu stemmen. Sie fordern längere Übergangsfristen sowie staatliche Programme, die ihnen den Weg in den europäischen Binnenmarkt erleichtern.

Für viele moldauische Landwirte ist der Weg in die Europäische Union längst keine theoretische Zukunftsvision mehr, sondern gelebter Alltag. Einer von ihnen ist Ion Tulei. Als er 2009 seinen Betrieb übernahm, bewirtschaftete er lediglich zehn Hektar Obstplantagen. Damals verlief der Handel mit den traditionellen Absatzmärkten im Osten weitgehend unkompliziert. Doch die politischen Entwicklungen änderten alles.

Den wichtigsten Markt verloren

Nach der Annäherung Moldaus an die Europäische Union verhängte Russland in den Jahren 2014 und 2015 ein Embargo gegen zahlreiche moldauische Agrarprodukte. Für Tulei bedeutete das den Verlust seines wichtigsten Marktes.

Anstatt aufzugeben, orientierte er sich neu. Bereits 2016 exportierte er erstmals nach Deutschland. Damit begann jedoch ein tiefgreifender Wandel seines Betriebs.

Die Früchte mussten nach Qualitätsklassen sortiert, moderne Verpackungssysteme eingeführt und professionelle Kühl- und Lagerkapazitäten aufgebaut werden. Hinzu kamen internationale Zertifizierungen wie GlobalG.A.P., GRASP, SMETA und inzwischen auch IFS, die für den Zugang zum europäischen Lebensmittelhandel praktisch unverzichtbar sind.

"Wenn man einmal Teil dieses Systems ist, erkennt man, dass es nicht mehr nur ums Verkaufen geht", sagt Tulei. "Es geht um klar definierte Prozesse, vollständige Rückverfolgbarkeit und Verantwortung entlang der gesamten Lieferkette. Wer diese Anforderungen erfüllt, kann seine Produkte nahezu überall auf der Welt vermarkten."

Heute bewirtschaftet er rund 135 Hektar und produziert Äpfel, Kirschen, Zwetschgen, Trauben und Marillen. Für Landwirte wie Tulei bedeutet die europäische Integration keine abstrakte politische Vision mehr.

"Eigentlich leben wir schon heute nach den Regeln der Europäischen Union. Viel wird sich für uns vermutlich gar nicht mehr ändern – vielleicht verschwinden lediglich einige bürokratische Hürden."

Einfacherer Marktzugang

Die eigentlichen Gewinner eines EU-Beitritts, so seine Einschätzung, wären jene Betriebe, die den Modernisierungsschritt bislang noch nicht vollzogen haben. Sie würden von einem einfacheren Marktzugang, verlässlichen rechtlichen Rahmenbedingungen und besseren Investitionsmöglichkeiten profitieren.

In vielen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union wird die geplante Erweiterung dagegen mit Skepsis betrachtet. Vor allem Bauern in Frankreich, Spanien oder Polen befürchten, dass große Mengen vergleichsweise günstiger Agrarprodukte aus der Ukraine oder Moldau die Preise unter Druck setzen könnten. Selbst wenn sämtliche europäischen Qualitäts- und Pflanzenschutzstandards eingehalten werden, liegen die Produktionskosten in beiden Ländern häufig deutlich unter denen innerhalb der EU.

Yves Le Morvan hält diese Sorge für nachvollziehbar. Die zusätzliche Produktion könne zwar die europäische Lebensmittelindustrie stärken, zugleich bestehe aber die Gefahr, dass ganze Agrarregionen innerhalb der Union wirtschaftlich unter Druck geraten – sowohl im Westen als auch im Osten Europas.

Gezielte Unterstützung

Er plädiert deshalb dafür, gezielte Unterstützungsprogramme für jene Regionen einzurichten, deren Betriebe aufgrund geringerer Produktivität besonders stark von einer Erweiterung betroffen wären.

Interessanterweise sehen manche Landwirte in Moldau die Situation genau umgekehrt. Dinu Todos weist darauf hin, dass der europäische Markt äußerst anspruchsvoll sei. "Die Anforderungen an Qualität, Liefermengen und Zuverlässigkeit sind enorm. Viele kleine Betriebe werden es schwer haben, dauerhaft Teil dieser Lieferketten zu werden."

Ein Mann hält eine große Traube dunkelblauer Weintrauben vor sich. Im Hintergrund ist ein klarer blauer Himmel und ein Weinberg zu sehen.
Dinu Todos fürchtet um die Zukunft kleiner Betriebe in Moldau.

Noch deutlicher formuliert es Alexandru Slusari, ehemaliger Geschäftsführer des Bauernverbands Farmers' Force Association. "Ohne umfangreiche Vorbeitrittshilfen und ausreichend lange Übergangsfristen wird ein großer Teil der kleinen und mittleren Landwirtschaft verschwinden."

Strengere Umweltauflagen

Die europäischen Umwelt- und Klimavorgaben seien äußerst anspruchsvoll. Selbst Bauern innerhalb der Europäischen Union kritisierten regelmäßig die steigenden Kosten durch strengere Umweltauflagen, CO₂-Vorgaben sowie Einschränkungen beim Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln.

Würde Moldau sämtliche Vorschriften ohne Übergangsregelungen übernehmen müssen, drohten zahlreichen Betrieben existenzielle Schwierigkeiten. Während europäische Landwirte diese Veränderungen über viele Jahre hinweg schrittweise bewältigen konnten, müssten moldauische und ukrainische Betriebe sie innerhalb kürzester Zeit umsetzen.

Hinzu kommt, dass beide Länder unter chronischem Kapitalmangel leiden. In Moldau ist dies vor allem auf die geringe Wirtschaftskraft und mehrere aufeinanderfolgende Krisen zurückzuführen. In der Ukraine hat der seit Jahren andauernde Krieg enorme wirtschaftliche Schäden verursacht.

Serghei Iwanow, Vorsitzender des Agrarausschusses des moldauischen Parlaments und selbst Landwirt, bringt die Stimmung vieler Betriebe auf den Punkt: "Wir gehen mit gemischten Gefühlen in diesen Prozess. Einerseits eröffnet uns die Europäische Union Zugang zu Investitionen und Fördermitteln. Andererseits betreten wir einen hoch kompetitiven Markt, auf dem viele unserer Betriebe derzeit kaum konkurrenzfähig sind."

Besonders sensibel sei die Frage des Bodeneigentums. Moldau verfügt über einige der günstigsten landwirtschaftlichen Flächen Europas. Iwanow fordert deshalb eine zeitlich befristete Schutzregelung.

"Unsere Betriebe brauchen Zeit"

"Wir können nicht zulassen, dass Bauern aus Ländern mit deutlich höheren Bodenpreisen große Flächen in Moldau aufkaufen. Unsere Betriebe brauchen Zeit, um wirtschaftlich stark genug zu werden, damit sie unter fairen Bedingungen konkurrieren können."

Während Moldau vor allem aufgrund seiner wirtschaftlichen Schwäche und begrenzten Finanzkraft vor großen Anpassungsaufgaben steht, stellt die Ukraine die Europäische Union vor eine ganz andere Herausforderung: ihre Agrarstruktur. Sie unterscheidet sich grundlegend von jenen der meisten EU-Mitgliedstaaten.

Als Folge der sowjetischen Kollektivierung wird die ukrainische Landwirtschaft bis heute von großen und mittleren Agrarunternehmen geprägt. Ein durchschnittlicher landwirtschaftlicher Betrieb umfasst rund 649 Hektar – zum Vergleich: In Frankreich liegt die durchschnittliche Betriebsgröße bei etwa 60 bis 70 Hektar, in Polen sogar nur bei 11 bis 12 Hektar. Mittlere Agrarbetriebe bewirtschaften häufig mehr als 1.400 Hektar, während die größten Agrarholdings Flächen von mehreren Tausend Hektar kontrollieren.

Viele dieser Unternehmen decken die gesamte Wertschöpfungskette ab – vom Saatgut über den Anbau und die Verarbeitung bis hin zum Export. Aus europäischer Sicht handelt es sich teilweise um marktbeherrschende Strukturen, deren Vereinbarkeit mit dem Wettbewerbsrecht der EU sorgfältig geprüft werden müsste.

Anpassen auf beiden Seiten

Für Yves Le Morvan ergibt sich daraus eine grundlegende Frage: Nicht nur die Europäische Union müsse sich überlegen, wie sie die ukrainische Landwirtschaft integrieren könne. Ebenso müsse sich die Ukraine darauf einstellen, ihr eigenes Wirtschaftsmodell an die Regeln und Strukturen der Europäischen Union anzupassen.

Dass dieser Anpassungsprozess längst begonnen hat, betont der ukrainische Vizepremierminister Taras Katschka. Bei einer Veranstaltung Ende Jänner in Winnyzja – einer der wichtigsten Agrarregionen des Landes – erklärte er, dass die Regierung mit Hochdruck an den notwendigen Reformen arbeite.

Dazu gehörten unter anderem eine langfristige agrarpolitische Strategie, der Aufbau einer Zahlstelle für EU-Agrarförderungen sowie moderne digitale Verwaltungssysteme, die künftig eine Umsetzung der europäischen Agrarpolitik ermöglichen sollen.

Trotz aller Schwierigkeiten sehen viele Landwirte den europäischen Integrationsprozess als einmalige Chance. Alexandru Slusari ist überzeugt, dass es für Moldaus Landwirtschaft langfristig keine realistische Alternative zur Europäischen Union gibt. "Die Europäische Union ist im Grunde die einzige Möglichkeit, unsere Landwirtschaft umfassend zu modernisieren."

Er verweist auf die Erfahrungen vieler mittel- und osteuropäischer Staaten, die bereits vor ihrem EU-Beitritt erhebliche Investitionen aus europäischen Förderprogrammen erhalten hätten. Diese Mittel hätten entscheidend dazu beigetragen, Betriebe zu modernisieren, Infrastruktur auszubauen und die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu verbessern.

Bald wie Rumänien

Sollte Moldau die Beitrittsverhandlungen klug führen und insbesondere kleine und mittlere Betriebe gezielt unterstützen, könnte das Land innerhalb weniger Jahre ein ähnliches Entwicklungsniveau erreichen wie Rumänien oder die Slowakei.

Der mögliche EU-Beitritt der Ukraine und Moldau ist weit mehr als eine agrarpolitische Frage. Er berührt grundlegende wirtschaftliche, finanzielle und geopolitische Interessen der Europäischen Union.

Einerseits könnte Europa seine Ernährungssicherheit stärken und seine Position als weltweit führender Agrarproduzent erheblich ausbauen. Andererseits müssten die bestehenden Fördermechanismen der Gemeinsamen Agrarpolitik grundlegend überarbeitet werden, um die Integration eines der weltweit größten Agrarländer zu bewältigen.

Für die Bauern innerhalb der Europäischen Union bedeutet dies berechtigte Sorgen vor zunehmendem Wettbewerbsdruck. Für die Betriebe in der Ukraine und in Moldau hingegen geht es vor allem um die Hoffnung auf stabile Absatzmärkte, Investitionen und wirtschaftliche Entwicklung – aber ebenso um die Sorge, ohne ausreichende Übergangsfristen und finanzielle Unterstützung den hohen europäischen Anforderungen nicht gerecht werden zu können.

Fest steht: Der Beitritt der Ukraine und Moldau wäre die tiefgreifendste agrarpolitische Erweiterung in der Geschichte der Europäischen Union. Ob sie gelingt, wird nicht allein von politischen Entscheidungen abhängen, sondern auch davon, ob es gelingt, die Interessen der heutigen Mitgliedsstaaten und jener der künftigen Beitrittsländer in ein dauerhaft tragfähiges Gleichgewicht zu bringen. (Oxana Bodnar aus Chișinău | HotNews, Alicia Alamillos aus Lwiw und Lola García-Ajofrin aus Bukarest | El Confidencial, 22.7.2026)

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