Geliebte von G.P. II“: Wie ein Schulwitz im Tagebuch den Geheimdienst auf Orlandi ansetzte
Parlamentskommission rollt Fall Orlandi neu auf – wegen eines Schulwitzes im Tagebuch
Stand: 05.10.2026, 19:41 Uhr
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Eine parlamentarische Kommission untersucht das Verschwinden von Emanuela Orlandi aus 1983 neu. Ein rätselhafter Tagebucheintrag rückt in den Fokus.
Rom – Wir kehren an den Beginn des Juni 1983 zurück, als im Convitto Nazionale Vittorio Emanuele I., dem strengen Institut im römischen Stadtteil Prati, das dem ersten König Italiens gewidmet ist, die Schüler zur Tafel liefen, um die Zeugnisse zu sehen. Emanuela Orlandi, Klasse II B des naturwissenschaftlichen Gymnasiums, wurde in Latein und Französisch zur Nachprüfung geschickt, mit einer 4 und 5. Wahrscheinlich wog auch die Zunahme ihrer Fehlzeiten im zweiten Halbjahr schwer.
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Dieser Artikel von Fabrizio Peronaci entstand in Kooperation mit Corriere della Sera.
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Die Enttäuschung wurde jedoch dadurch etwas gemildert, dass es schlimmer hätte kommen können – die übrigen Noten, mit Ausnahme des Sportunterrichts, waren alle eine 6. Sie befand sich außerdem in guter Gesellschaft damit: Insgesamt gab es acht Nachprüfungen und einen Durchfaller von insgesamt 23 Schülern. Eine Zeit, die für die anderen Schüler wohl schon zu einer fernen Erinnerung zählt, wird jetzt von der parlamentarischen Untersuchungskommission wieder ins Gedächtnis gerufen. Denn sie untersucht seit zweieinhalb Jahren das Verschwinden Emanuelas am 22. Juni 1983. Genau die Französischlehrerin, die das Mädchen damals zu den Nachprüfungen schickte, ist für Dienstag, den 6. Oktober, im Palazzo San Macuto vorgeladen.

Die Sitzung ist für 9:30 Uhr angesetzt, und anschließend – im Einklang mit den vertiefenden Untersuchungen – ist die Anhörung von Alessandra Bellucci vorgesehen, einer Klassenkameradin von Mirella Gregori an der Mittelschule „Mantegazza“. Damit rücken jene Jahre erneut in den Fokus der Ermittler, die versuchen, jedes noch so kleine Detail aus dem schulischen Umfeld zu rekonstruieren, um mögliche bisher übersehene Anhaltspunkte zu finden.
Erwartungen an die Aussage der pensionierten Französischlehrerin
Welche neuen Erkenntnisse erhofft man sich von der Aussage der seit vielen Jahren pensionierten Französischlehrerin? Nazzarena Di Marcantonio erklärte vor Jahren einem der heutigen Berater der gemeinsamen Kommission, Tommaso Nelli, Autor des Buches Atto di dolore, über den Fall Orlandi: „Emanuela war ein sehr zurückhaltendes, stilles Mädchen, sie bereitete in der Klasse keinerlei Probleme. Sie sprach nicht viel über sich, ihre Aktivitäten oder darüber, was sie in ihrer Freizeit tat. So erfuhr ich etwa, dass sie die Musikschule besuchte, erst nach ihrem Verschwinden.“
Tatsächlich war die Lehrerin zur Zeit der damaligen Ermittlungen aufgefordert worden, zu einer ganz bestimmten Frage Stellung zu nehmen, vermutlich derselben, zu der die Kommission nun Klarstellungen erhalten möchte. Im Mittelpunkt steht dabei eine Passage aus einem von Emanuela geführten Schulkalender, die die Aufmerksamkeit der Ermittler auf sich zog und nun erneut überprüft werden soll, um mögliche Missverständnisse auszuräumen oder neue Interpretationsansätze zu gewinnen.
Rätselhafte Zeilen im Tagebuch und die Reaktion der Geheimdienste
Zusammenfassend geschah Folgendes: In einem Schultagebuch von Emanuela wurde ein etwa zehn Zeilen langer Text gefunden, mit Bleistift geschrieben, der das Interesse der Ermittler der Geheimdienste weckte. Es handelte sich eindeutig um einen scherzhaften Einfall unter Jugendlichen, doch die Tatsache, dass darin der Papst erwähnt wurde – derselbe Johannes Paul II., der am 3. Juli 1983 die Welt überrascht hatte, als er einen Appell für die Freilassung Emanuelas lancierte –, konnte nicht unbeachtet bleiben.
Der Text, von Nelli wiedergegeben, ohne die Fehler zu korrigieren und die Großbuchstaben beizubehalten, lautete: „Die Schülerin Emanuela Orlandi hat ein äußerst geringes Interesse an der Schule gezeigt, indem sie viele Male ... sie hat so getan, als würde sie ihre ... entschuldigen. Ihr Verhalten war rebellisch und provokativ, sodass sie den Spitznamen DIE SORA DIE GELIEBTE VON G.P. II erhielt (G.P. II IST JOHANNES Paul II.) ... Ihre Leistungen sind sehr schwach, doch da sie sich vor dem Klassenlehrer verkauft hat ... auf September in folgenden Fächern verwiesen: MATHEMATIK, LATEIN, FRANZÖSISCH, ITALIENISCH, SPORT, RELIGION ...“ Ende. Späße, Albernheiten. Wie man sieht, purer Unsinn.
Nelli bezeichnete sie als „wirre, grammatikalisch fehlerhafte Sätze voller Kameradenhumor“, nichts weiter als „die klassischen Sticheleien unter Schülern“. Dennoch waren sie ausreichend ungewöhnlich, um in den Ermittlungsunterlagen zu landen und später immer wieder als Beispiel dafür zitiert zu werden, wie selbst harmlose Schulwitze in einem so sensiblen Fall zu Gegenstand polizeilicher und nachrichtendienstlicher Aufmerksamkeit werden können.
Spitzname „Geliebte von G.P. II“ und die Spur kirchlicher Kreise
Es stimmt jedoch auch, dass die 40 Abgeordneten und Senatoren der parlamentarischen Kommission während der bisher durchgeführten Anhörungen wiederholt die Zeugen, insbesondere die Freundinnen und Mitschülerinnen, befragten, um zu verstehen, ob Emanuela Kontakte hatte oder Aufmerksamkeit von kirchlichen Persönlichkeiten erhielt. Und gerade die doppelte Provokation, die ein Mitschüler in das Tagebuch geschrieben hatte, „Emanuela sora“, als „Nonne“ zu verstehen, und „Geliebte von G.P. II“, hatte die Neugier der Ermittler geweckt.
Der zivile Geheimdienst Sisde schrieb in einer Notiz vom 30. Juli 1983: „Auch die Französischlehrerin des Instituts bestätigte, dass es in der Klasse von Emanuela Orlandi unter den Schülern üblich war, spöttische und scherzhafte Sätze in die Tagebücher der Mitschüler zu schreiben“. Das zeigt, dass dieser geschmacklose Streich in den ersten Ermittlungen durchaus berücksichtigt wurde, um seine Tragweite einzugrenzen, und vielleicht weckt er noch heute Neugier, sodass man die Vorladung von Professorin Di Marcantonio nach Palazzo San Macuto für sinnvoll hält, um das Gedächtnis ein weiteres Mal aufzufrischen.