Pascal Grünwald wechselte einst von Wacker zu Austria Salzburg: "Mir wurde vorgeworfen, geldgierig zu sein"
Westderby
Pascal Grünwald wechselte einst von Wacker zu Austria Salzburg: "Mir wurde vorgeworfen, geldgierig zu sein"
Vor dem ersten Westderby seit zehn Jahren spricht der Ex-Teamgoalie über seinen umstrittenen Schritt zum Erzrivalen, ein "absurdes" Derby am FAC-Platz und das Ausblenden von Bierbecherwürfen
Interview
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Moritz Ettlinger
Am Freitag wird das Tivoli Stadion beben. Und aus allen Nähten platzen. Das erste Westderby seit zehn Jahren steht an, in der 9. Runde der Zweiten Liga treffen Wacker Innsbruck und Austria Salzburg aufeinander (20:30 Uhr, ORF Sport+). Das Duell ist seit Wochen ausverkauft. Pascal Grünwald weiß, wie sich das anfühlt. Der 43-Jährige hat das Westderby als Wacker- und Salzburg-Tormann erlebt. Er spricht über die Bedeutung des Duells, seinen umstrittenen Wechsel zwischen beiden Vereinen und ein "absurdes" Westderby am FAC-Platz.
STANDARD: Sie waren als Kind großer Fan von Wacker Innsbruck bzw. des FC Tirol. War das als junger Tiroler unausweichlich?
Grünwald: Eigentlich schon. Für mich hat es als Innsbrucker nur den FC Tirol gegeben. Ich kann mich noch gut an die für mich nach wie vor schönsten Dressen erinnern, mit den Swarovski-Sternen auf den Schultern. Das war genau die Zeit, in der ich zum Fußball gekommen bin. Mit dem Papa bin ich damals oft ins Stadion gegangen. Anfangs eher widerwillig, weil er mich mitgeschleppt hat, aber dann hat es mir immer mehr getaugt.
STANDARD: Welche Spiele sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Grünwald: Da gibt es einige. Ein Spiel gegen Austria Wien im alten Tivoli ist mir in Erinnerung geblieben. Ich bin damals auf der Nordtribüne gestanden. Andi Ogris hat ein Tor gemacht, und er ist über den ganzen Platz gerannt und hat angedeutet, dass er nichts hört. Dann ist es rund gegangen. Dann natürlich die UEFA-Cup-Partie gegen Deportivo La Coruña. Wir haben uns irgendwie ins Stadion geschummelt, weil es keine Karten mehr gegeben hat. Das war ein schönes Erlebnis. In Erinnerung geblieben ist mir auch das 2:2 gegen Real Madrid nach dem 1:9 im Hinspiel. Als kleiner Bub habe ich tatsächlich geglaubt: Wenn Real Madrid ein 9:1 schaffen kann, dann kann das der FC Swarovski Tirol auch. Dass das mehr als unrealistisch war, habe ich damals natürlich noch nicht gewusst.
STANDARD: Wie haben Sie die Rivalität des FC Tirol mit Austria Salzburg damals wahrgenommen?
Grünwald: Ich war ungefähr zwölf, als Austria Salzburg im Europacup so erfolgreich war. Da waren viele Austria-Salzburg-Sympathisanten, weil man stolz darauf war, dass ein Klub aus dem kleinen Österreich so weit kommt. Aber schon damals war die Rivalität von Tiroler Fans zu Austria Salzburg eine besondere. Das hat man auch als Kind mitbekommen.
STANDARD: Sie waren Spieler des FC Tirol, als dieser 2002 in die Insolvenz schlitterte. Wie haben Sie das erlebt?
Grünwald: Ich war zuvor eineinhalb Jahre an die WSG Wattens verliehen, weil es eine Kooperation gab. In der Saisonvorbereitung im Sommer 2002 habe ich dann aber wieder beim FC Tirol unter Coach Jogi Löw mittrainiert. Für mich als jungen Spieler war die Situation surreal, weil wir doch alle gehofft haben, dass es irgendwie funktioniert. Es war nicht vorstellbar, dass es den Verein nicht mehr gibt.
STANDARD: Nach dem Konkurs des FC Tirol 2002 gab es die Spielgemeinschaft Wattens/Wacker, bei der Sie ein Jahr lang gespielt haben. Dann sind Sie aber zum großen Rivalen Austria Salzburg gewechselt. Warum?
Grünwald: Die Vertragsverhandlungen in Innsbruck haben damals gestockt, wir sind uns über längere Zeit nicht einig geworden. Letztlich wären wir uns wahrscheinlich noch näher gekommen, aber dann haben die Verantwortlichen mit Harald Planer einen anderen Tormann verpflichtet. Damit war die Tür zu. Und oft ist es im Leben so: Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf. In meinem Fall war das Salzburg.
STANDARD: Wie sind Sie dort von den Fans aufgenommen worden?
Grünwald: Sehr herzlich. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass es aufgrund meiner Vergangenheit ein Problem gab. Ich war aber auch nicht das Sinnbild des FC Tirol oder dieser großen Rivalität. Auf Innsbrucker Seite war das anders.
STANDARD: Inwiefern?
Grünwald: Da war schon Unverständnis da für diesen Wechsel. Mir wurde vorgeworfen, ein geldgieriger Spieler zu sein, der noch nichts erreicht hat. Obwohl die Zahlen lachhaft waren. Aber da war viel Emotion drinnen. Es ist nicht so gewesen, dass ich durch Innsbruck gegangen bin und permanent beschimpft wurde. Aber man nimmt das schon wahr.
STANDARD: Gab es einen Moment, in dem Sie gedacht haben: Der Wechsel zum Erzrivalen war vielleicht ein Fehler?
Grünwald: Darüber habe ich natürlich nachgedacht. Aber ich bin nicht gewechselt, weil ich den Innsbruckern etwas zu Fleiß tun wollte. Man schaut darauf: Wo kann ich meine sportlichen Ziele am besten erreichen? Wo kann ich am meisten mitnehmen? Du kannst nicht immer zwischen 50 Vereinen wählen. Ich wäre auch lieber zu Juventus Turin gegangen, keine Frage. Aber Salzburg war ein guter Step, auch aufgrund der Nähe zu Tirol.
STANDARD: 2005 haben Sie Ihr erstes Westderby gespielt – als Austria-Salzburg-Tormann. Wie komisch war das?
Grünwald: Es war eine besondere Situation. Bei Wacker war Stani Tschertschessow Trainer, mein Vorbild als junger Tormann. Ich habe bei Wacker Innsbruck noch viele Freunde gehabt, mit vielen Spielern vorher zusammengespielt. Man hat schon mitbekommen, dass da eine besondere Rivalität herrscht. Und als Innsbrucker bei Salzburg gegen Innsbruck zu spielen, das hat schon für Brisanz gesorgt.
STANDARD: Sie sind dann eine Halbzeit lang vor der Wacker-Kurve gestanden. Kann man das als Tormann ausblenden?
Grünwald: Ja, mir ist das fast immer gelungen. Im Spiel nimmt man das nicht so wahr. Es war viel los, das war schön. Aber du hast selbst genug zu tun – wenn du anfängst, darauf zu horchen, wer was reinruft, wirst du nicht mehr fertig. Auch wenn mal ein Bierbecher in deine Richtung geworfen wird – das ist nichts, was einen aus dem Konzept bringen sollte. Multitasking war sowieso nicht meine große Stärke (lacht).
STANDARD: Was macht ein Westderby besonders?
Grünwald: Du merkst das im Verein schon während der Trainingswoche. Wenn du irgendwo essen gehst, mit Mitarbeitern des Vereins oder mit Fans redest: Es ist überall Thema. Das Derby hat schon eine ganz besondere Bedeutung. Und beim Spiel selbst ist die Stimmung natürlich sensationell. Es ist laut, es sind viel mehr Fans da als bei sonstigen Spielen. Und wenn du eine Phase hast, in der es sportlich nicht so läuft, kann man mit einem Derbysieg viel gutmachen – oder mit einer Niederlage alles verschlimmern.
STANDARD: Bei Westderbys in der Vergangenheit gab es auch immer wieder Ausschreitungen. Denkt man als Spieler im Vorfeld eines Risikospiels über solche Dinge nach?
Grünwald: Komplett ausblenden kann man es nicht. Wenn etwas passiert ist, war das Thema in der Kabine, klar. Das ist dann immer schade, wenn das, worum es wirklich gehen sollte – ein Fußballspiel mit toller Stimmung, mit tollen Fan-Choreografien – weniger Schlagzeilen bekommt. Emotionen und Rivalität gehören dazu, das ist auf dem Platz auch nicht anders. Aber auch, wenn es aufgeheizt war, sollte man sich danach die Hand geben können. Emotionen sind etwas Positives. Mehr Brisanz, mehr Spannung, mehr Adrenalin. Nur wenn es sich nicht mehr kanalisieren lässt oder es überschwappt, wird es schwierig.
STANDARD: Sie waren bei Austria Salzburg, als der Verein von Red Bull übernommen und auf links gedreht wurde. Wie haben Sie das erlebt?
Grünwald: Natürlich war die Überraschung groß, auch wenn es vorher schon Gerüchte über einen Investor gegeben hatte. Relativ schnell entstand eine Aufbruchsstimmung. Red Bull macht Dinge immer zu hundert Prozent und versucht, sie perfekt umzusetzen. Sie scheuen keine Kosten und Mühen. Wir hatten damals eine hervorragende Mannschaft mit vielen Topspielern. Gleichzeitig habe ich aber auch die Sorgen der Austria-Salzburg-Fans verstanden. Die Befürchtung war, dass die Geschichte des Vereins ausgelöscht wird. Es ging um Farben, Identität und Tradition.
STANDARD: Für die Fans von Austria-Salzburg war die Art und Weise, wie Red Bull den Verein übernommen hat, zu hundert Prozent ein Skandal. Der neue Klub hatte mit dem alten nicht mehr viel zu tun.
Grünwald: Das war natürlich eine richtige Watschn für die Fans. Salzburg hat, wie auch Innsbruck, sehr treue und hingebungsvolle Anhänger. Ich finde schade, dass es so gekommen ist. Austria Salzburg hat sich dann immer wieder finden müssen, das war nicht einfach. Sie haben lange darum gekämpft, dass sie wieder da sind, wo sie jetzt stehen.
STANDARD: Sie selbst sind bei Red Bull Salzburg dann recht schnell aussortiert worden.
Grünwald: Ich war dann ein Jahr in Pasching. Bei Red Bull gab es nach der Ablöse von Trainer Kurt Jara einen großen Umbruch.
STANDARD: War das für Sie schwierig zu akzeptieren?
Grünwald: Das sind halt die Mechanismen des Fußballs. Das muss man akzeptieren. Red Bull hat das aber, aus meiner Sicht, sauber gelöst. Sie haben offen mit uns kommuniziert.
STANDARD: Sie sind 2007 zurück zu Wacker Innsbruck gewechselt. Wie wurden Sie aufgenommen? Gab es Anfeindungen?
Grünwald: Anfeindungen ist übertrieben. Aber ich wurde am Fußballplatz schon mal beschimpft oder habe mitgeteilt bekommen, dass ich nicht so erwünscht bin. Aber das war für mich kein großes Problem. Es wäre natürlich anders schöner gewesen, aber ich kann das nachvollziehen, dass es vielleicht schwer zu akzeptieren ist, wenn jemand beim Erzrivalen gespielt hat. Aber ich habe auch noch viele Leute gekannt von früher.
STANDARD: Nach Ihrer Zeit bei der Wiener Austria haben Sie noch einmal einige Jahre bei Wacker Innsbruck gespielt – und 2015 Ihr erstes Westderby im Wacker-Dress bestritten. Hat sich das anders angefühlt als im Salzburg-Dress?
Grünwald: Ja, weil es "nur" 2. Liga war. Es war vom Rahmen her nicht so groß. Natürlich hat man auch da die Rivalität gespürt, und es waren trotzdem knapp 8000 Zuschauer im Tivoli Stadion, das war für die damalige Situation außergewöhnlich, die Atmosphäre war viel besser als bei anderen Zweitligaspielen. Aber natürlich ist es etwas anderes als im vollen Stadion, es war nicht ganz so intensiv.
STANDARD: Sie haben Wacker als Kapitän aufs Feld geführt. Wie schwört man eine Mannschaft auf solch ein wichtiges Spiel ein?
Grünwald: Das ist nicht nur die Aufgabe des Kapitäns, wenn du eine Mannschaft hast, die mit ein paar Typen ausgestattet ist. Man probiert, dem einen oder anderen eine gewisse Lockerheit zu vermitteln oder Späße zu machen, ohne den Fokus aus den Augen zu verlieren. Damals hat es lange Zeit kein Westderby mit Fans gegeben, da ist darauf hingefiebert worden. Daran kommt niemand vorbei, jeder erkennt die Bedeutung und Brisanz eines solchen Spiels. Besondere Maßnahmen sind da aus meiner Sicht bei keinem Derby nötig. Jeder weiß, was auf dem Spiel steht.
STANDARD: Ihr letztes Westderby war das vorletzte überhaupt. Am 1. April 2016 standen sich Wacker und Austria Salzburg aber in Wien am FAC-Platz gegenüber, weil das Salzburger Stadion nicht für Risikospiele zugelassen war. Kam da überhaupt Derbystimmung auf?
Grünwald: Nein, das war völlig absurd. Bei allem Respekt, der FAC-Platz ist nicht gerade ein Schmuckstück, er ist 500 Kilometer von Innsbruck entfernt und knapp 300 von Salzburg. Das war eine extrem komische und eigenartige Stimmung. Derby-Charakter hatte das nur auf dem Papier. Es war ein Papier-Derby.
STANDARD: In der medialen Berichterstattung werden diverse Duelle zwischen Salzburger, Tiroler und Vorarlberger Vereinen als "Westderby" bezeichnet. Die Fans von Wacker Innsbruck und Austria Salzburg sind sich einig, dass nur die Spiele zwischen ihren Vereinen das "echte Westderby" sind. Für Sie auch?
Grünwald: Absolut. Westderby ist mittlerweile fast schon ein inflationärer Begriff. Ich weiß, Medien brauchen Überschriften. Aber das Westderby wird für mich immer Innsbruck gegen Salzburg sein.
STANDARD: Am Freitag steht also das erste echte Westderby seit zehn Jahren an. Wie blicken Sie auf dieses Spiel?
Grünwald: Die Vorfreude ist groß. Es wird trotz Zweiter Liga ein toller Rahmen, das Tivoli ist ausverkauft. Es ist auch sportlich spannend, weil beide Teams im vorderen Drittel mitmischen. Es ist alles angerichtet, dass es ein brisantes Derby wird. So, wie es sich gehört. (Moritz Ettlinger, 16.10.2026)
Pascal Grünwald (43) bestritt drei Spiele für Österreichs A-Nationalteam, stand bei Wacker Innsbruck, Austria Salzburg, der Wiener Austria und Wattens im Tor. Heute arbeitetet er für Unternehmen, die Medizinprodukte verkaufen und vermieten, im Sommer organisiert er Fußballcamps für Kinder und Jugendliche.
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