Personalmangel im Ukraine-Krieg: Russland soll bei der Rekrutierung zunehmend auf Druck und Zwang setzen
Personalmangel im Ukraine-Krieg: Russland soll Männer zur „freiwilligen“ Rekrutierung zwingen
Stand: 03.08.2026, 19:12 Uhr
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Russlands Armee steht offenbar unter Personaldruck. Berichte über Festnahmen und Zwang bei der Rekrutierung erhöhen den Druck auf die Behörden.
Pensa – Die Rekrutierung von Soldaten für den Krieg gegen die Ukraine sorgt in Russland zunehmend für Kritik. Während Moskau weiterhin auf Personal für die Streitkräfte angewiesen ist, mehren sich Berichte über ein härteres Vorgehen der Behörden bei der Einberufung von Männern.

Ein Beispiel dafür liefern mehrere Videos, die seit dem 17. Juni in russischen sozialen Netzwerken verbreitet werden. Nach Recherchen unabhängiger Medien sollen die Aufnahmen zeigen, wie Männer vor einem Militärkommissariat in der Skladskaja-Straße in Pensa von Uniformierten in Kleinbusse gebracht werden.
Neue Vorwürfe gegen Moskau: Männer sollen bei Rekrutierung unter Druck gesetzt werden
Wie das Wall Street Journal unter Berufung auf Gespräche mit Rechtsanwälten, Bürgerrechtsaktivisten und Augenzeugen berichtet, sollen die Behörden bei der Rekrutierung zunehmend auf Druck und Einschüchterung setzen. Demnach werden Männer in kleineren Städten und ländlichen Regionen teilweise unter dem Vorwand von Routinekontrollen angehalten und anschließend zu Rekrutierungsstellen gebracht. Dort sollen sie nach Angaben von Betroffenen und Unterstützern unter Druck gesetzt worden sein, Verträge für den Kriegsdienst zu unterschreiben.
Der Anwalt Artyom Klyga, der sich für Männer einsetzt, die nach eigenen Angaben gegen ihren Willen rekrutiert wurden, beschreibt das Vorgehen gegenüber dem Wall Street Journal mit den Worten: „Die Behörden bedienen sich nun gewaltsamer Mittel, indem sie Männer festnehmen und fortschicken.“ Gegenüber Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) erklärte Klyga zudem: „Oft muss man eine Person gar nicht schlagen oder foltern. Es reicht, sie mit den möglichen Konsequenzen für sie selbst oder ihre Familie einzuschüchtern.“
In Pensa geraten Rekrutierungsmethoden unter Druck: Betroffene berichten von Einschüchterung
Besonders die Region Pensa steht inzwischen im Mittelpunkt von Berichten über mögliche Zwangsrekrutierungen. Die russische Organisation „Idite Lesom“ („Geht durch den Wald“), die Menschen bei der Umgehung des Militärdienstes unterstützt, dokumentiert nach eigenen Angaben zahlreiche Fälle aus der Region.
Ein Fall aus der Ortschaft Sursk in der Region Pensa verdeutlicht das von Betroffenen beschriebene Vorgehen. Das unabhängige russische Medium Mediazona berichtete über den 51-jährigen Wladimir Podkowyrkin, der nach eigenen Angaben von Polizisten unter dem Vorwand einer fehlenden Meldebescheinigung zu einem Wehramt gebracht worden sei. Dort habe er mehrere Dokumente unterschrieben. Nach seiner Darstellung sei ihm erklärt worden, es handle sich lediglich um die Aufnahme seiner persönlichen Daten.
Verluste im Ukraine-Krieg: Russland kämpft offenbar mit wachsendem Personalproblem
Der Hintergrund dieser Entwicklung ist ein wachsender Personalmangel. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington schätzt, dass die russischen Streitkräfte seit Kriegsbeginn insgesamt über 1,4 Millionen Verluste erlitten haben – Gefallene, Verwundete und Vermisste zusammengerechnet. Im Durchschnitt entspricht das laut CSIS mehr als 26.000 Verlusten pro Monat.
Nach Einschätzung von Experten reicht die freiwillige Rekrutierung inzwischen offenbar nicht mehr aus, um den wachsenden Personalbedarf der russischen Streitkräfte zu decken. Daran ändern auch hohe finanzielle Anreize wenig, die in einigen Regionen Russlands sogar über dem durchschnittlichen Jahreseinkommen liegen.
Gleichzeitig schwindet die Bereitschaft vieler Russen, sich freiwillig für den Militärdienst zu melden. Beobachter führen dies unter anderem auf Berichte über schwierige Bedingungen innerhalb der Armee, mögliche Misshandlungen sowie das hohe Risiko eines Fronteinsatzes zurück. Militärexperten weisen zudem darauf hin, dass Soldaten an besonders umkämpften Frontabschnitten mit erheblichen Gefahren konfrontiert sind.
Vorwürfe über härtere Rekrutierungsmethoden: Russland weist Berichte zurück
Die russischen Behörden weisen die Vorwürfe zurück. Das Innenministerium erklärte, es gebe keinen Zusammenhang zwischen den in sozialen Netzwerken verbreiteten Videos und der militärischen Rekrutierung. Zugleich wurden rechtliche Konsequenzen für diejenigen angekündigt, die entsprechende Inhalte verbreiten.
Unabhängig davon sorgen die Berichte und Zeugenaussagen für anhaltende Aufmerksamkeit. Beobachter sehen Parallelen zur Teilmobilmachung im Herbst 2022, als Russland angesichts hoher Verluste und eines wachsenden Personalbedarfs zusätzliche Soldaten einberief. Damals verließen Hunderttausende Menschen das Land, um einer möglichen Einberufung zu entgehen. Offiziell wird der Militärdienst in Russland weiterhin als freiwillige Entscheidung dargestellt. (Quellen: Wall Street Journal, Tagesspiegel, Radio Free Europe/Radio Liberty, Handelsblatt, CSIS – Russian Blood and Treasure) (jal)