Péter Magyar will Schachmeisterin Judit Polgár an der Staatsspitze

Präsidentschaft

Péter Magyar will Schachmeisterin Judit Polgár an der Staatsspitze

In Social-Media-Foren gab es überraschend starken Gegenwind, doch in der Tisza-Partei ist die Unterstützung offenbar groß

Gregor Mayer

Eine Frau mit braunen Haaren und rosa Schal ist in einem elegant dekorierten Raum, vermutlich mit historischen Elementen, abgebildet. Sie lächelt und scheint in ein Gespräch vertieft zu sein. Im Hintergrund gibt es dekorative Wände und Lampen.
Judit Polgár wurde vom Premierminister für das Amt der Präsidentin vorgeschlagen.

Nach der am Montag wirksam gewordenen Absetzung von Staatspräsident Tamás Sulyok durch eine Verfassungsnovelle sieht Ungarn der Wahl eines neuen Staatsoberhaupts entgegen. Zuständig ist dafür das Parlament, das in den nächsten 30 Tagen in geheimer Abstimmung über die Personalie entscheiden muss. Ministerpräsident Péter Magyar preschte am Sonntagabend mit der Nennung seiner Wunschkandidatin vor: Es ist die Weltklasse-Schachspielerin Judit Polgár (49), die politisch bisher nicht in Erscheinung trat.

"Die Anerkennung ihrer Persönlichkeit", schrieb Magyar auf seiner Facebook-Seite über sie, "verdankt sie nicht politischen Bindungen oder Beziehungen, sondern ihrem Ausnahmetalent, ihrem Fleiß, ihrer beispiellosen Belastungsfähigkeit und ihrer Korrektheit". Polgár ist heute nicht mehr im Spitzenschach tätig, unterstützt aber mit ihrer "Judit-Polgár-Schachstiftung" Kinder und Jugendliche beim Entwickeln von Problemlösungskapazitäten und logischem Denken.

Magyars Vorstoß stieß auf überraschend harschen Gegenwind. Im Kommentarfeld unter seinem Posting häuften sich kritische und ablehnende Bemerkungen. Polgár verfüge über keine politische Erfahrung und habe keine juristische Ausbildung, wurde bemängelt. Wo sei sie in den 16 langen Jahren der Herrschaft des Rechtspopulisten Viktor Orbán geblieben? Zu keinem Zeitpunkt habe sie ihre Stimme gegen die damalige Halb-Autokratie erhoben. Und überhaupt: Hat nicht Magyar selbst behauptet, dass es eine gesellschaftliche Debatte über die Person des neuen Staatsoberhaupts geben solle? Und jetzt schneide er eine solche mit einem einzigen Facebook-Posting ab?

Nur ein "Provisorium"

In der Parlamentsdebatte am Montag ruderte Magyar scheinbar zurück. Er sprach zwar darüber, dass für die Qualifikation als Staatsoberhaupt keine politische Vortätigkeit und auch kein Jus-Studium nötig seien. Polgárs Namen erwähnte er aber nicht. Zugleich betonte er, dass die Diskussion weiter offen sei und dass es auch nur um ein "Provisorium" gehe. Ab Herbst nämlich werde ein neuer Verfassungsgebungsprozess beginnen, unter maximaler Einbeziehung der Bevölkerung.

In früheren Aussagen hatte Magyar erkennen lassen, dass er die Volkswahl des Präsidenten – wie etwa in Österreich – für erstrebenswert hält. Nach der Billigung einer neuen Verfassung, am Ende durch eine Volksabstimmung, würde dann die Bevölkerung einen neuen Staatspräsidenten wählen. Das jetzt noch vom Parlament zu wählende Staatsoberhaupt bliebe also höchstens ein bis zwei Jahre im Amt.

Ein Mann in Anzug und Krawatte spricht während einer Pressekonferenz vor Mikrofonen. Im Hintergrund sind die Flaggen der EU und Ungarns sichtbar.
Péter Magyar denkt über eine Direktwahl des Staatsoberhaupts nach.

Nach der derzeitigen Verfassung sind dessen Befugnisse ziemlich beschränkt. Den noch von Orbán eingesetzten Sulyok ließ Magyar vor allem aus Gründen der Symbolik etwas brechstangenhaft per Anlass-Verfassungsartikel aus dem Amt entfernen. Seine Agenden übernahm kommissarisch die bisherige Parlamentspräsidentin Agnés Forsthoffer von Magyars Tisza-Partei.

Rückhalt in der Fraktion

Judit Polgár äußerte sich vorerst noch nicht dazu, ob sie die Nominierung für das höchste Staatsamt annehmen würde. Einzelne Experten begrüßten ihre potenzielle Kandidatur. Péter Krekó, der Direktor der Denkfabrik Political Capital, bemängelte zwar auch, dass Magyars Facebook-Verdikt "nicht gerade als Teil eines wirklichen gesellschaftlichen Debattenprozesses" zu werten sei. Dennoch sei Polgár eine "ausgezeichnete Kandidatin". Nicht, weil sie eine Frau sei, sondern wegen ihres Lebenswegs: "In einem von Männern beherrschten Sport gelangte sie, starken geschlechtlichen Stereotypen trotzend, an die absolute Weltspitze." Außerdem würde sie sich seit Jahrzehnten aufgrund ihrer herausragenden Rolle im Schach auf dem internationalen Parkett und den damit einhergehenden Begegnungen mit Staats- und Regierungschefs souverän bewegen.

Magyars Zurückhaltung im Parlament war am Montag auch eher taktischer Natur. Die Fraktionschefin seiner bürgerlichen Tisza-Partei, Andrea Bujdosó, wurde nämlich durchaus konkreter. "Judit Polgár ist eine für dieses Amt berufene Persönlichkeit, sie ist in der Lage, die Einheit der Nation zu verkörpern." Dies sei der einmütige Standpunkt der Fraktion, die über 141 von 199 Abgeordneten verfügt. (Gregor Mayer aus Budapest, 20.7.2026)

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