Pflanzenwilderei: Die krummen Geschäfte mit dem bedrohten Kaktus
Pflanzenwilderei: Die krummen Geschäfte mit dem bedrohten Kaktus
Jede geraubte Copiapoa-Kaktee hinterlässt eine ökologische Lücke. Doch die Nachfrage ist hoch. Stachelige Schmuggelware im Millionenwert führte nun zu einem wegweisenden Urteil.

© Chris Stenger / Buiten-beeld / Minden Pictures / picture alliance (Ausschnitt)
Kakteen der Gattung Copiapoa aus der chilenischen Atacama-Wüste gehören zu den am stärksten bedrohten Kakteen der Welt. Solche stattlichen Exemplare brauchen 100 Jahre oder mehr zum Wachsen.
Was ist ein »moralischer Schaden an der Natur«, und wie kann ein Gericht diesen bemessen? Der Diebstahl von mehreren Hundert Exemplaren geschützter Kakteen der Gattung Copiapoa aus der Atacama-Wüste in Chile und ihr Transport nach Europa veranlassten ein Gericht im italienischen Ancona dazu, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen.
Strafrechtlich war der Fall zunächst ein typisches Beispiel für illegale internationale Wilderei. Die italienischen Händler Andrea Piombetti und Fabio Crescentini hatten die Kakteen nach Europa geschmuggelt, flogen auf und wurden Anfang 2025 wegen Verstößen gegen das Artenschutzrecht zu Geldstrafen und zu Freiheitsstrafen auf Bewährung verurteilt. Die ungewöhnlich umfangreichen Ermittlungen, die in italienischen Medien unter der Schlagzeile »Operation Atacama« bekannt wurden, machten den Fall zwar spektakulär. Doch juristisch einzigartig wurde er erst später – in einem separaten zivilrechtlichen Verfahren.
Dieses wurde nicht vom Staat angestrengt, sondern von der italienischen Naturschutzorganisation Associazione per la Biodiversità e la sua Conservazione, kurz ABC. Die Organisation, die seit Jahren mit chilenischen Forschern zusammenarbeitet, argumentierte, die illegale Entnahme der Pflanzen habe nicht nur den Kakteenbeständen in der Atacama geschadet, sondern auch ihr – also der Organisation – selbst. Der Grund: ABC versteht den Schutz bedrohter Pflanzenarten als Teil ihres satzungsmäßigen Auftrags. Wenn seltene Copiapoa-Exemplare aus ihren natürlichen Beständen gerissen werden, treffe das daher nicht nur die Natur, sondern auch die eigene konkrete Schutzarbeit. ABC machte Schaden geltend, weil sie durch die Tat in ihrer Aufgabe beeinträchtigt worden sei, den Erhalt dieser Arten zu fördern, ihre Gefährdung öffentlich zu machen und Schutzmaßnahmen zu unterstützen.
Die Kaktusdiebe müssen den italienischen Naturschützern Schadenersatz leisten
Die Kakteenschützer gewinnen vor Gericht
Anfang 2025 folgte das Gericht dieser Argumentation. Es erkannte den zivilrechtlichen Anspruch an und sprach ABC 20 000 Euro Schadensersatz zu. Das Geld soll nach Angaben der Organisation in Kakteenforschung, Aufklärung und Schutzmaßnahmen fließen. »Was diesen Fall absolut einzigartig macht, ist die Tatsache, dass erstmals in der Geschichte ein Gericht die Schuldigen dazu verurteilt hat, einer Organisation – unserer Vereinigung – Schadensersatz zu zahlen für die Beeinträchtigung ihres Auftrags zum Schutz der Natur«, erläutert Andrea Cattabriga, Gründer von ABC und als botanischer Sachverständiger seit Jahren mit Fällen des illegalen Pflanzenhandels befasst. Gerade darin liegt die Besonderheit des Falls: Das Gericht behandelte die illegal entnommenen Pflanzen nicht nur als Gegenstand eines Verstoßes gegen Handels- und Artenschutzvorschriften, sondern nahm darüber hinaus einen immateriellen Schaden an, der sich aus dem Eingriff in die biologische Vielfalt und aus der Beeinträchtigung des Schutzauftrags von ABC ergibt.
Die Verurteilten legten gegen diese Entscheidung Berufung ein. Eine Verfahrensrüge vor dem Kassationsgericht, dem obersten italienischen Gericht, blieb erfolglos; der Fall wurde an das Berufungsgericht zurückverwiesen. Das endgültige zivilrechtliche Urteil steht noch aus. Sollte die ursprüngliche Entscheidung bestätigt werden, wäre damit nicht nur ein weiterer Schmuggelfall geahndet. Es wäre auch richterlich anerkannt, dass die Zerstörung bedrohter Pflanzenbestände einen zivilrechtlich relevanten Schaden begründen kann – und zwar zugunsten einer Organisation, deren Aufgabe gerade darin besteht, solche Bestände zu schützen.
Unabhängig vom Ausgang gilt das Verfahren schon jetzt als Testfall. Es berührt eine Grundfrage des Naturschutzrechts: Wie lässt sich ein Schaden fassen, der nicht das Eigentum einer Person berührt, sondern im Verlust von Lebewesen und ihrer ökologischen Funktion besteht? Im Mittelpunkt stehen dabei Pflanzen, die im öffentlichen Bewusstsein oft eine Nebenrolle spielen: Wüstenkakteen aus einem schmalen Küstenstreifen Nordchiles, deren Wachstum sich über Jahrzehnte hinzieht und deren Vorkommen an wenige, eng begrenzte Standorte gebunden ist. Um zu verstehen, warum ihr Verlust in Italien als »moralischer Schaden an der Natur« verhandelt wird, muss man dorthin gehen, wo die Kakteen ursprünglich standen.
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Eingetaucht in die Camanchaca |
Die von der Küste heranziehenden Nebelwolken befeuchten die Hänge der Atacama und erlauben selbst dort pflanzliches Leben, wo mitunter jahrzehntelang kein Tropfen Regen fällt.
Nebel bringt Leben
An der nordchilenischen Nebelküste rund um Orte wie Paposo entscheidet nicht Regen über Leben und Tod, sondern der Küstennebel. »Camanchaca« nennen die Menschen dieses Wetterphänomen, das in den frühen Morgenstunden über Felsen und Geröllhänge zieht und vielen Pflanzen oft als einzige verlässliche Wasserquelle dient. Dank des Nebels wächst an den steilen Hängen eine Flora, die an die Extreme der Atacama angepasst ist und zugleich vollständig von dieser schmalen klimatischen Nische abhängt. Zu ihr gehört auch die Gattung Copiapoa, Kakteen, die fast ausschließlich aus der Luftfeuchtigkeit Wasser beziehen und vielerorts nur in eng begrenzten Beständen vorkommen.
Mauricio González kennt diese Landschaft und ihre Veränderungen genau. Mit seiner Freiwilligengruppe Caminantes del Desierto, den »Wüstenwanderern«, ist er regelmäßig in der Atacama unterwegs, kartiert Bestände, dokumentiert Veränderungen, entfernt Müll und bringt in besonders trockenen Phasen sogar Wasser zu gefährdeten Pflanzen. Was die Gruppe dabei beobachtet, zeigt, wie konkret der Verlust ist, über den in Italien jetzt abstrakt als »moralischer Schaden« verhandelt wird. »Wir haben den Tod ganzer Kakteenpopulationen mit angesehen – Hunderte von Pflanzen, die in bestimmten Gebieten einfach verschwinden«, sagt González. Manchmal steige die Hitze aufgrund des Klimawandels so stark, dass der Nebel nicht mehr ausreiche. Die Helfer versuchten dann zu bewässern, kämen aber oft zu spät: »Dann finden wir nur noch Reste – regelrecht verkohlt von der Sonne«, so González.
Die Gattung Copiapoa gehört zu den am stärksten bedrohten Kakteen der Welt. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat 39 Taxa der Gattung bewertet und 29 davon als bedroht auf ihre Rote Liste gesetzt. Sechs sind demnach »vom Aussterben bedroht«, die restlichen 23 entweder »stark gefährdet« oder »gefährdet«. Daher ist der internationale Handel mit ihnen nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen CITES eigentlich entweder verboten oder eingeschränkt. Für Pablo Guerrero, einen Botaniker an der Universität in Concepción in Chile und Mitglied der IUCN-Expertengruppe für Kakteen, ist dabei besonders der steil ansteigende illegale Trend besorgniserregend: »Unsere neue Bewertung für die IUCN ist wesentlich schlimmer als jene, die wir zehn Jahre vorher durchgeführt haben.« Die Hauptursachen für diese negative Entwicklung überlagern sich Guerreros Einschätzung nach. »Der Klimawandel wirkt nicht isoliert. Er interagiert mit anderen Bedrohungen wie Habitatverlust oder sinkender Habitatqualität«, sagt der Experte.
Viele Kakteen sind weit über 100 Jahre alt
Viele Copiapoa-Exemplare wachsen extrem langsam und erreichen ein Alter von weit über 100 Jahren. Gerade deshalb wiegt ihr Verlust so schwer. Was in wenigen Minuten ausgegraben oder in einigen besonders heißen Jahren zerstört wird, lässt sich nicht rasch ersetzen. Neben dem Klimawandel mit höheren Temperaturen, trockenen Winden und weniger Nebel bestätigt González auch jene ungesetzlichen Aktivitäten, wie sie zuletzt den Gerichtsprozess in Italien ausgelöst haben: »Wir haben massive Entnahmen seltener Arten für den illegalen Handel beobachtet«, sagt er. Einheimische graben die Kakteen gezielt für internationale Käufer aus – »ein Verlust, der ohne die Hilfe von Fachleuten und der Öffentlichkeit nicht wiedergutzumachen sein wird«.
Die Verletzlichkeit der Copiapoa-Kakteen hat auch mit ihrem Lebenstempo zu tun. Manche Arten wachsen nur wenige Millimeter pro Jahr und benötigen Jahrzehnte, bis sie überhaupt blühfähig werden. Zugleich sind viele Populationen eng an ganz bestimmte Standorte gebunden. Verschiebt sich dort das Mikroklima, können die Pflanzen nicht einfach ausweichen.
Wie empfindlich diese Nische ist, hat der Pflanzenökologe Michiel Pillet von der Universität Lausanne untersucht. Für problematisch hält er vor allem das verbreitete Bild des Kaktus als nahezu unverwüstliche Überlebensmaschine. »Auch Kakteen sind an die Bedingungen angepasst, die sie in ihrem jeweiligen Verbreitungsgebiet vorfinden. Wenn sich diese ändern, wie es unter dem menschengemachten Klimawandel bereits der Fall ist, müssen sich Arten entweder anpassen, ausweichen – oder sie sterben aus.« Ausweichen wird schwierig für Copiapoa: Pillets Modellrechnungen deuten darauf hin, dass die Gattung durch steigende Temperaturen und veränderte Nebelbildung bis zu 60 Prozent ihres Lebensraums verlieren könnte.
Illegale Kakteen für eine Million Euro
Der Druck kommt damit von zwei Seiten zugleich. Während sich die klimatischen Bedingungen an der Nebelküste verändern, geraten dieselben Pflanzen zusätzlich in den Sog des globalen illegalen Handels. Wie der im Fall des chilenischen Kaktus konkret aussah, zeigen die Ermittlungsakten der italienischen Behörden. Als die Carabinieri Forestali, die italienische Umwelt- und Forstpolizei, im Februar 2020 mehr als 1000 Copiapoa-Kakteen sicherstellten, die sie in der Wohnung des verurteilten Händlers Andrea Piombetti entdeckt hatten, fanden sie darunter Exemplare, mit denen kommerziell gar nicht hätte gehandelt werden dürfen, und weitere ohne die nötigen Papiere – geschätzter Marktwert: über eine Million Euro. »Meine erste Reaktion, als ich die Copiapoa sah, war Bestürzung – denn es gab bereits einen ähnlichen Vorfall mit diesem Händler einige Jahre zuvor, als er nicht verurteilt werden konnte«, berichtet Andrea Cattabriga, der die Behörden als botanischer Sachverständiger bei der Identifikation der Pflanzen unterstützte.
Später rekonstruierten die Ermittler, dass Piombetti zwischen 2016 und 2019 mehrfach nach Chile gereist war und dabei Hunderte Kakteen illegal außer Landes gebracht hatte. Nachrichten auf Laptop und Handy, Auktionsprotokolle und Onlineverkäufe deuteten zudem auf ein internationales Netzwerk hin. Pflanzen gingen unter anderem an Sammler in Japan, Südkorea und Nordamerika; Piombettis engster Komplize war Mattia Crescentini, der seine Exemplare über einen Instagram-Account namens »Cactus_Italy« anpries.
Für Jacob Phelps liegt die Bedeutung des Falls nicht nur in der Verurteilung einzelner Täter. Der Umweltwissenschaftler von der Lancaster University beriet ABC von Beginn an und ist Mitgründer von Conservation-Litigation.org, einer Initiative, die bestehende zivilrechtliche Möglichkeiten zur Wiedergutmachung von Umweltschäden stärker nutzbar machen will. »In den meisten Ländern, in denen wir arbeiten, gibt es nur sehr wenige – oder eigentlich gar keine – Urteile dieser Art«, sagt Phelps. Das müsse aber nicht so sein. Gesetze und Verfahren mögen sich unterscheiden, das Prinzip jedoch sei gleich: Wer die Umwelt schädigt, könne über eine bloße Geldstrafe hinaus zur Verantwortung gezogen werden.
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Kakteen im Nationalpark Llanos de Challe |
Viele Copiapoa-Arten lassen sich problemlos nachzüchten und legal handeln. Bei den wilden Exemplaren allerdings haben Wind und Wetter Spuren hinterlassen, die den kultivierten Kakteen fehlen. Manchen Sammlern ist das Tausende Euro wert.
Conservation-Litigation.org unterstützt deshalb NGOs, Behörden und andere Anspruchsberechtigte dabei, solche Forderungen vor Gericht geltend zu machen. »Wir helfen den Beteiligten zu verstehen, dass sie solche Verfahren anstrengen können, wie das geht und warum es nicht Hunderttausende Dollar kosten muss«, erzählt Phelps. In einigen biodiversitätsreichen Ländern lägen die Kosten eher bei 10 000 bis 30 000 Dollar. Der Fall von Ancona könne dort als Beispiel dienen, wie sich bereits vorhandenes Recht tatsächlich nutzen lässt.
Wie begrenzt dagegen die Möglichkeiten bleiben, den Schaden in der Natur rückgängig zu machen, zeigt der Umgang mit den sichergestellten Pflanzen. Rund 840 Copiapoa-Exemplare wurden nach Chile zurückgebracht. Organisiert wurde die Rückführung von Bárbara Goettsch, Leiterin der IUCN Cactus and Succulent Plants Specialist Group, gemeinsam mit ABC und den zuständigen Behörden. »Es gab keinerlei Protokoll, wie man beschlagnahmte Pflanzen zurückführt – wir mussten uns das Verfahren Schritt für Schritt selbst erarbeiten«, berichtet Goettsch.
Doch eine echte Wiederansiedlung war kaum möglich. Bei vielen Exemplaren war nicht klar, woher genau sie stammten, welche regionale genetische Ausstattung sie mitbrachten oder ob sie nicht sogar von Krankheiten befallen waren, die sich in freier Wildbahn ausbreiten könnten; sie einfach wieder in der Natur einzugraben, wäre eine schlechte Idee gewesen. Dazu wird es wohl nie kommen. Selbst dort, wo ein Gericht Schaden anerkennt, lässt sich also nicht einfach wiederherstellen, was der Wüste entnommen wurde.
Gelangen illegale Kakteen in den Einzelhandel?
Die Jagd auf die Copiapoa-Kakteen ist dabei ein besonders krasses Beispiel für einen besorgniserregenden globalen Trend: Laut einer Studie sind inzwischen 31 Prozent aller Kakteenarten auf der Welt durch illegalen Handel gefährdet – eine der höchsten Quoten unter den Pflanzengruppen überhaupt.
Damit stellt sich auch für deutsche Käufer eine naheliegende Frage: Wie groß ist das Risiko, dass eine neu angeschaffte Pflanze aus illegaler Entnahme stammt?
Wer in Deutschland einen Kaktus im Baumarkt, Gartencenter oder normalen Blumenhandel kauft, hat nach Einschätzung des Bundesamts für Naturschutz (BfN) in den meisten Fällen keinen Grund zur Sorge, sich unwissentlich eine gewilderte Pflanze ins Wohnzimmer zu holen. Viele Zierpflanzen, darunter auch ein großer Teil jener, die in freier Wildbahn durch CITES geschützt sind, werden seit Langem in Gärtnereien und spezialisierten Betrieben vermehrt, also nicht der Natur entnommen, sondern aus Samen oder bereits kultivierten Pflanzen nachgezogen; Pflanzen aus dem regulären Handel gelten dem Bundesamt deshalb als »weitestgehend unbedenklich«.
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Berliner Kakteentage 2025 |
Illegale Pflanzen gelangen nur selten in den Massenmarkt. Aufmerksam werden sollten Käufer jedoch bei teuren Exemplaren geschützter Arten – noch dazu, wenn die Bezugsquelle im Ausland sitzt.
Deutschland ist dennoch Teil des internationalen Handels mit geschützten Kakteen. Lebende Pflanzen passieren Deutschland als Zwischenstation oder sie werden hier eingeführt, nachgezüchtet und legal ausgeführt; die entsprechenden Daten lassen sich in den CITES- und BfN-Datenbanken bis auf Artniveau nachvollziehen.
Kritisch wird es im spezialisierten Onlinehandel
Immer wieder müssen die deutschen Behörden auch zur Tat schreiten: Nach Angaben des BfN beschlagnahmten der Zoll 2022 rund 1600 lebende Kakteen, 2023 rund 400 und 2024 nochmals rund 400. Diese Zahlen klingen zunächst hoch, sagen aber nur begrenzt etwas über das tatsächliche Ausmaß von Wilderei aus. Zum einen liegen dem BfN bei der Mehrzahl der Fälle keine genauen Artnamen vor, sondern nur die Familienzuordnung Cactaceae. Zum anderen handelt es sich bei vielen Beschlagnahmungen im Postverkehr um Sendungen, bei denen die nötigen Einfuhrdokumente fehlen; das bedeutet nach Auskunft der Behörde nicht automatisch, dass die Pflanzen illegal der Natur entnommen wurden.
Die eigentliche Problemzone liegt aus Sicht des BfN deshalb weniger im Massenmarkt als in spezialisierten Nischen: im Onlinehandel, im Privathandel und teils auch auf Pflanzenbörsen. Auf diesen Plattformen tauchen schon eher einmal seltene und teure Arten auf, bei denen Herkunft und Dokumentation fraglich sein können. Gerade bei wertvollen Exemplaren hält das BfN es für eher unwahrscheinlich, dass Käufer gar nichts über die Anforderungen an eine legale Einfuhr wissen. Schwieriger wird es bei weniger seltenen geschützten Arten, die aus dem Ausland bestellt werden: Hier fehle Käufern oft das Wissen über die nötigen Papiere, obwohl es in ihre Verantwortung fällt, für einen Nachweis zu sorgen. Sachverständige achten dann auf Indizien wie unregelmäßige Wuchsformen, gestutzte oder beschädigte Wurzeln, anhaftendes Wuchsort-Substrat oder eine auffällige Verpackung – Merkmale, die auf Wildentnahmen hindeuten können.
Auch illegal gehandelte Exemplare von Copiapoa kursieren in Deutschland, aber wiederum eher unter Leuten, die wissen, womit sie es zu tun haben, als unter ahnungslosen Zufallskäufern. In den deutschen Beschlagnahmedaten der Jahre 2022 bis 2024 taucht Copiapoa hypogaea nur mit wenigen Exemplaren auf, im Bereich von unter 20 Pflanzen, meist ein bis zwei pro Fall. Zugleich weist das BfN darauf hin, dass Samen und Kulturpflanzen dieser Art im spezialisierten Handel legal erhältlich sind. Für deutsche Käufer heißt das: Nicht jeder seltene Kaktus ist automatisch Beute eines Schmuggelnetzwerks. Aber je weiter man sich vom regulären Handel entfernt und je stärker die Attraktivität einer Pflanze aus Alter, Seltenheit und schwer reproduzierbarer Wuchsform besteht, desto wichtiger wird die Frage, ob hier eine Gärtnerei vermehrt hat – oder ob irgendwo in der Wüste eine Lücke zurückblieb.
Jeder geraubte Kaktus hinterlässt eine dauerhafte Lücke
Was solche Lücken bedeuten, zeigt sich in der Atacama besonders deutlich. Copiapoa-Kakteen sind keine isolierten Einzelwesen, sondern Teil eines fragilen Gefüges. Ihre dichte, flachkugelige Form spendet Schatten, hält Feuchtigkeit im unmittelbaren Umfeld und schafft Rückzugsräume für andere Organismen. »Sie erzeugen Mikroklima-Zufluchten, wo Wirbeltiere leben und sich nicht nur vor der rauen Umwelt, sondern auch vor Fressfeinden schützen können«, erklärt Pablo Guerrero. Auch seien ihre Pollen eine wichtige Ressource für Insekten und andere Wirbellose. Wo eine alte Copiapoa verschwindet, fehlt also nicht nur eine seltene Pflanze, sondern ein kleiner Knotenpunkt des Lebens.
Wie weit sich die Bestände von solchen Verlusten noch erholen können, lässt sich derzeit kaum abschätzen. Dennoch gibt es Menschen, die nicht aufgeben. Mauricio González und sein Team haben abgelegene Orte entdeckt, an denen seltene oder neue Kakteenarten überdauern. Die Fundorte halten sie geheim; im Frühling und Sommer tragen die Helfer Wasser in Kanistern dorthin, um einzelne Exemplare zu bewässern. Besonders eindrücklich ist für González ein Ort bei Mejillones: Dort standen einst Tausende Exemplare von Copiapoa solaris, einige fast einen Meter hoch. Heute sind sie beinahe alle verschwunden. Nur zwei Pflanzen haben auf einem windumtosten Küstenkamm überlebt. »Diesen beiden widmen wir unsere volle Aufmerksamkeit, wir erhalten sie um jeden Preis«, sagt González. Mehr ist auch juristisch kaum zu erreichen: Der Schaden lässt sich benennen, die Lücke in der Atacama nicht einfach schließen.