Phantom-Verträge und falsche Unterschriften: ein Milliardenskandal erfasst die Rohstoffbranche

Phantom-Verträge und falsche Unterschriften: Ein Milliardenskandal erfasst die Rohstoffbranche

Schweizer Handelshäuser und Finanzinstitute sind von einem mutmasslich globalen Betrugsfall betroffen. Ein Bankangestellter in Singapur schöpfte Verdacht und ging damit zur Polizei.

17.10.2026, 21.45 Uhr

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Das Geschäftsviertel in Singapur mit dem denkmalgeschützten Markt: Hier hat der Rohstoffhändler Radiant sein Büro.

Das Geschäftsviertel in Singapur mit dem denkmalgeschützten Markt: Hier hat der Rohstoffhändler Radiant sein Büro.

Annice Lyn / Getty

Inmitten der gläsernen Hochhäuser des Singapurer Geschäftsviertels steht eine denkmalgeschützte Markthalle aus dem 19. Jahrhundert. An den Ständen werden Gerichte wie Eiernudeln und grillierte Fleischspiesse serviert, zur Mittagszeit verpflegen sich hier Angestellte aus den umliegenden Bürogebäuden. Ganz in der Nähe befinden sich auch die Geschäftsräume des Eisenerzhändlers Radiant World.

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Das Unternehmen gehörte zu den weltgrössten der Branche. Dennoch ist über den Firmengründer Pinkesh Nahar wenig bekannt, öffentliche Auftritte sind eine Seltenheit. Doch nun ist das Unternehmen in die Schlagzeilen geraten. Radiant wird des Betrugs verdächtigt. Die Firma und ihr Gründer Nahar weisen die Anschuldigungen zurück.

In den Gerichtsakten ist von fiktiven Rechnungen die Rede, die sich auf eine Milliarde Dollar belaufen könnten. Nach Ansicht des Anwalts einer Klägerpartei ist es womöglich der grösste Betrugsskandal in der Rohstoffbranche seit der Pleite des amerikanischen Energieunternehmens Enron im Jahr 2001. So steht es in den Akten.

In der Schweiz hatte Radiant seine Niederlassung an der noblen Rue du Rhône in Genf. Nur wenige Gehminuten davon entfernt ist der Sitz eines seiner wichtigen Geschäftspartner, des Handelshauses Vitol.

Die Kontakte von Radiant in der Schweiz, einer wichtigen Drehscheibe für den internationalen Rohstoffhandel, reichen indes noch viel weiter. Mit Glencore in Zug machte Radiant Geschäfte. Auch zu mehreren helvetischen Finanzhäusern hatte die Firma zeitweilig eine Verbindung.  Zudem tauchen in den Akten die Koordinaten der Zürcher Kantonalbank auf einem Beleg für eine Überweisung von 18 Millionen Dollar im Mai auf.

Mittlerweile beschäftigt der Fall Gerichte rund um die Welt. In London und Singapur sind Verfahren hängig. Auch in Genf wurde eine Strafanzeige eingereicht. Die NZZ konnte einen Teil der Gerichtsakten lesen.

Einblicke in eine schweigsame Branche

Die Dokumente gewähren einen Einblick in einen verschwiegenen Wirtschaftszweig, in dem langjährige persönliche Kontakte eine wichtige Rolle spielen und internationale Geschäfte in Millionenhöhe immer noch auf Rechnungen, Frachtscheinen und Zollunterlagen auf Papier beruhen. Diese Anachronismen machen die Branche anfällig für Betrug.

Der Westschweizer Rohstoffkonzern Trafigura etwa wurde bei Geschäften mit Nickel einst um mehrere hundert Millionen Dollar geprellt. Das Problem: Das erworbene Metall existierte gar nicht. Dreist gingen Betrüger auch im Falle der London Metal Exchange (LME) vor. Die Börse entdeckte im Jahr 2023, dass ein Teil ihrer Lagervorräte an Nickel in Wirklichkeit aus bemalten Steinen bestand.

Auch im Fall Radiant geht es um Fälschungen. Die Firma soll laut den Gerichtsakten ihren Geschäftspartnern fiktive Transaktionsbelege als Sicherheiten vorgelegt haben.

Dank China wurde Radiant zum grossen Player

Seinen Aufstieg hat das vom Inder Pinkesh Nahar gegründete Handelshaus der fast unersättlichen Nachfrage Chinas nach Rohstoffen zu verdanken. Die Volksrepublik ist mit Abstand der grösste Importeur von Eisenerz. Dieses muss vom Fördergebiet über Tausende Kilometer verschifft werden, bis es zu Stahl verarbeitet wird und in der chinesischen Industrie oder im Häuserbau zum Einsatz kommt. Mit dem Transport und der Finanzierung machen Geldhäuser und Händler wie Radiant ihre Geschäfte. Als Teil davon werden Rechnungen, beispielsweise von Händlern für Transaktionen mit Rohstoffen, als Sicherheiten bei Banken eingereicht, um eine Finanzierung zu erhalten.

Auch Radiant World belieferte China: Lagerbestände an Eisenerz in der Provinz Jiangsu.

Auch Radiant World belieferte China: Lagerbestände an Eisenerz in der Provinz Jiangsu.

CFoto/Imago

China stillt seinen Hunger nach Rohstoffen meist in Australien. Der Kontinent ist der weltweit grösste Produzent des Rohmetalls. Der Abbau von Eisenerz konzentriert sich in der Pilbara-Region im Nordwesten des Landes. Das dort geförderte Erz mit einem Eisengehalt von 61 Prozent ist nach seiner Bezugsquelle benannt: Pilbara Blend.

Transaktionsbelege für solche Lieferungen mit Ziel China machten im April einen Mitarbeiter der italienischen Bank Intesa Sanpaolo in Singapur stutzig. Seine Nachforschungen ergaben, dass die ihnen zugrunde liegenden Geschäfte so nie existiert hatten. Im Mai erstattete der Mitarbeiter Anzeige bei der Polizei des südostasiatischen Stadtstaates.

Im August entdeckte auch die Deutsche Bank Rechnungen von Radiant, die mit den Unterlagen bei Vitol und Glencore nicht übereinstimmten. Am 4. August bestätigte Vitol, dass drei Verträge in Höhe von insgesamt 48,6 Millionen Dollar nicht vom Vitol-Finanzchef unterzeichnet worden seien, obwohl sie seinen Namen und seine vermeintliche Unterschrift trugen.

Insgesamt habe Radiant «gefälschte und/oder manipulierte Rechnungen, Verträge, Kuriernachweise, E-Mails und Kaufbestätigungen» vorgelegt, um sich Finanzierungen von knapp 114 Millionen Dollar zu erschleichen, hält ein Vertreter der Deutschen Bank in den Gerichtsakten fest.

Ein weiterer Banker schöpft Verdacht

Auch der Rohstoffriese Glencore ist in die Angelegenheit involviert. Anfang August meldete sich ein Banker des japanischen Finanzhauses Mizuho beim Zuger Konzern, um sich über mehrere Transaktionsbelege zu erkundigen. Am 11. August stand für Glencore fest: Im hausinternen System seien keine Rechnungen vermerkt, bei denen die Angaben zu Datum, Schiffsname und Betrag mit jenen der japanischen Bank übereinstimmten.

Insgesamt werden vor Gericht in Singapur Ansprüche in der Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar geltend gemacht. Jene von Glencore, Intesa Sanpaolo und der Deutschen Bank liegen alle im dreistelligen Millionenbereich.

Seit Ende September steht Radiant unter gerichtlicher Zwangsverwaltung durch den Wirtschaftsprüfer KPMG in Singapur. Angesichts der Hinweise auf betrügerisches Verhalten seitens des Managements sei es wichtig, dass man das Unternehmen gründlich durchleuchte, hielt die Richterin Kristy Tan fest. So lasse sich das Ausmass des allfälligen Betrugs feststellen.

Radiant verlor mit Derivaten über eine Milliarde Dollar

Die Beziehung zwischen Radiant und Glencore verdient einen vertieften Blick, da die beiden Seiten widersprüchliche Angaben dazu machen. Laut Radiant begann sie im Jahr 2011, als Nahar einen Mitarbeiter des Zuger Konzerns kennenlernte. Zum Handel mit Erz kamen 2017 Deals mit Derivaten hinzu. Doch diese gingen laut Radiant schief, das asiatische Handelshaus erlitt nach eigenen Angaben einen Verlust von 1,1 Milliarden Dollar. Dennoch führte Radiant die Geschäfte mit Glencore fort – und macht nun den Zuger Konzern für hohe Verluste verantwortlich.

Glencore hat die Geschäftsbeziehung mit Radiant beendet. Der Rohstoffriese habe Beweise für den Einsatz falscher Rechnungen, hiess es in einer Mitteilung. Die von Radiant erhobenen Forderungen erachtet Glencore als gegenstandslos.

Auch Vitol hat den Handel mit Radiant World vor einigen Monaten eingestellt. Intesa Sanpaolo und die Deutsche Bank lehnten auf Anfrage der NZZ eine Stellungnahme ab. Die ZKB wolle sich aufgrund des Bankgeheimnisses nicht zu möglichen Kundenbeziehungen äussern, teilt ein Sprecher mit. Keinem der Finanzhäuser wird Fehlverhalten vorgeworfen.

Radiant beteuert seinerseits, stets die höchsten professionellen Anforderungen einzuhalten. Mehrere Anfragen der NZZ an einen Radiant-Sprecher, an Nahar selbst sowie die Anwaltskanzlei seiner Firma wurden nicht beantwortet. Offiziell hat Nahar, im Jahr 1980 geboren, seinen Wohnsitz auf einer Luxusinsel bei Singapur, doch laut den Gerichtsakten hält er sich derzeit in Indien auf.

Die Gerichtsakten zitieren Darlegungen Nahars, wonach die Transaktionen von Radiant «legitim» gewesen seien. Das Auftauchen mehrerer Belege für dieselbe Lieferung sei kein Indiz für Fälschung.

Darüber hinaus ist Nahars Aussagen ein pikantes Detail zu entnehmen: Nicht nur die Polizei in Singapur beschäftige sich mit Radiant. Auch das amerikanische Justizministerium und die britische Finanzmarktaufsicht interessierten sich für den Fall. Die Behörden aller drei Länder wollten sich gegenüber der NZZ aber nicht zu möglichen Ermittlungen äussern.

Mitarbeit: Patrick Zoll, Singapur

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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