„Deutschland und die USA sind sich einig“: Pistorius besiegelt Rüstungsdeal mit Hegseth in Washington
Stand: 15.09.2026, 21:25 Uhr
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Pistorius trifft Hegseth in Washington, doch der Iran-Krieg bremst Deutschlands Rüstungspläne. Nun verkündet das Verteidigungsministerium eine verstärkte Zusammenarbeit.
Update vom 15. September, 21:24 Uhr: Verteidigungsminister Boris Pistorius und sein US-Amtskollege Pete Hegseth haben eine Absichtserklärung über verstärkte Zusammenarbeit bei Rüstungsprojekten unterzeichnet. „Deutschland und die Vereinigten Staaten sind sich einig, dass die aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen eine robuste und zum gegenseitigen Nutzen eng verzahnte Verteidigungsindustriebasis auf beiden Seiten des Atlantiks erfordern“, teilte das deutsche Verteidigungsministerium zu dem Treffen in Washington mit.

Beide Länder verfügten über leistungsstarke Verteidigungsindustrien, die sich bei der Herstellung hochmoderner Waffensysteme, Komponenten und komplexer Munition künftig noch stärker ergänzen könnten und sollten, hieß es weiter. Der hohe Bedarf an Rüstungsgütern erfordere erhöhte Produktionskapazitäten, kurze Lieferzeiten und eine verlässliche Versorgung auf beiden Seiten des Atlantiks, um die Versorgungssicherheit und Einsatzfähigkeit der Allianz zu gewährleisten.
Die Absichtserklärung setze einen politischen Rahmen für künftige Projekte, so das Ministerium. Es gehe um Entwicklung, Produktion, Lizenzfertigung und Instandhaltung von Rüstungsgütern. Ziel sei zudem eine Stärkung der Lieferketten, die Überprüfung der Regelungen zum Technologietransfer sowie die verstärkte Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung.
Pistorius reist nach Washington: Deals für die Bundeswehr noch möglich?
Washington, D.C. – Erstmeldung vom 15. September: Verteidigungsminister Boris Pistorius reist am Dienstag (15. September) nach Washington, um die Rüstungskooperation mit den USA weiter auszubauen. Doch ausgerechnet der US-Krieg gegen den Iran könnte die geplante Beschaffung amerikanischer Waffen durch die Bundeswehr ausbremsen. Deutschland muss offenbar mit jahrelangen Verzögerungen bei der Lieferung von Tomahawk-Marschflugkörpern rechnen.
Tomahawks für Deutschland: USA brauchen Waffen selbst
Die Bundesregierung will Milliarden in Tomahawk-Marschflugkörper und die US-amerikanischen Typhon-Startsysteme investieren. Damit soll die Bundeswehr erstmals über die Fähigkeit verfügen, Ziele weit hinter feindlichen Linien anzugreifen. Doch internen Regierungsdokumenten zufolge, die der Welt-Partnerpublikation Politico vorliegen, sind die Lieferzeiten derzeit nicht absehbar. „Aufgrund der Anzahl der im Iran-Konflikt eingesetzten Tomahawk-Landangriffsraketen sowie der derzeit begrenzten Produktionskapazitäten kann derzeit keine belastbare Einschätzung abgegeben werden“, wann Deutschland die benötigte Zahl erhalten werde, heißt es darin.
Auch beim Typhon-System drohen höhere Kosten. Nach US-Schätzungen könnte das Paket etwa doppelt so teuer werden wie von Deutschland bislang mit rund 200 Millionen Euro veranschlagt. Die Probleme dürften damit auch die Gespräche von Pistorius mit seinem US-Amtskollegen Pete Hegseth überschatten.
Die deutschen Sorgen verweisen auf ein grundsätzliches Problem der US-Regierung: Washington drängt die europäischen Verbündeten dazu, deutlich mehr für ihre Verteidigung auszugeben und mehr amerikanische Waffensysteme zu kaufen. Gleichzeitig führen die eigenen Militäreinsätze dazu, dass US-Waffenbestände schrumpfen und die bereits stark ausgelastete Rüstungsindustrie zusätzlich unter Druck gerät.
Deutschland will Tomahawk-Raketen kaufen, doch das könnte sich verzögern
Ein Bericht der Generalinspektion des US-Verteidigungsministeriums bestätigt inzwischen erhebliche Engpässe bei der Munition. Dem am Montag veröffentlichten Bericht zufolge kostete der seit Ende Februar laufende Iran-Krieg bis Ende Juni rund 33,4 Milliarden US-Dollar. Allein 22,3 Milliarden Dollar entfielen auf verbrauchte Munition. Dies habe zu „strategischen Bestandslücken und Engpässen bei der Industrie in der Nachschubversorgung mit Munition“ geführt.
Der Bericht nennt zudem erhebliche Verluste bei US-Militärgerät. Unter anderem seien vier F-15-Kampfflugzeuge zerstört und eine F-35 beschädigt worden. Hinzu kamen sieben beschädigte KC-135-Tankflugzeuge und bis zu 30 zerstörte MQ-9-Reaper-Drohnen. Auch auf US-Militärbasen in der Region seien durch iranische Angriffe „hunderte Gebäude und Strukturen“ beschädigt oder zerstört worden.
US-Präsident Donald Trump hatte wiederholt Bedenken wegen einer möglichen Munitionsknappheit zurückgewiesen und von „praktisch unbegrenzten“ Beständen gesprochen. Zugleich räumte er den Zielkonflikt zwischen der Unterstützung von Verbündeten und dem Eigenbedarf der USA ein. Die USA würden Munition zunächst für sich selbst behalten, schrieb Trump. Verkäufe an Verbündete sollten aber „bald wieder beginnen“.
Tomahawks als Test für die Rüstungskooperation mit den USA
Für Pistorius geht es in Washington deshalb nicht nur um den Kauf fertiger US-Waffen. Deutschland will die Kooperation mit der amerikanischen Rüstungsindustrie deutlich vertiefen und erreichen, dass deutsche Unternehmen stärker an Herstellung und Wartung beteiligt werden. Die Tomahawks könnten dabei zum Testfall werden. Nach Angaben von Regierungsvertretern auf beiden Seiten des Atlantiks wird laut Politico auch darüber gesprochen, deutsche Unternehmen über Lizenzen oder eine Einbindung in die Lieferkette an der Produktion zu beteiligen. Konkrete Produktionsmodelle oder eine Arbeitsteilung wurden bislang jedoch nicht vereinbart.
Pistorius hatte vor seinem Treffen mit Hegseth betont, dass das gemeinsame Potenzial über den bisherigen Umfang der Kooperation hinausreiche. Deutschland verfüge über eine leistungsfähige industrielle Basis, gut ausgebildete Fachkräfte und technologische Spitzenkompetenz. Damit könnten weitere Produktionskapazitäten geschaffen werden. Eine engere Zusammenarbeit könne Systeme zur Abschreckung und Verteidigung schneller und in größerer Zahl verfügbar machen, sagte der SPD-Politiker.
Ein konkretes Beispiel gibt es bereits: Im bayerischen Schrobenhausen sollen im kommenden Jahr erstmals gemeinsam vom US-Hersteller Raytheon und MBDA Deutschland GEM-T-Flugkörper für das Patriot-Luftverteidigungssystem gefertigt werden.
Nach ursprünglich heftiger Kritik: US-Ton gegenüber Deutschland wird freundlicher
Auch die politische Ausgangslage für Pistorius hat sich verändert. Während US-Präsident Donald Trump und seine Minister Deutschland lange vorgeworfen hatten, nicht genug für die eigene Verteidigung zu tun, wird die deutsche Aufrüstung inzwischen in Washington deutlich positiver bewertet.
US-Staatssekretär Elbridge Colby lobte Deutschland im August sogar als Modell für andere NATO-Verbündete. Was die Bundesregierung in den vergangenen 18 Monaten angestoßen habe, sei eine „außergewöhnliche tektonische Verschiebung“ und ein „historischer Wandel“. Deutschland sei von einer weitgehenden Demilitarisierung zu einer schnellen Wiederbewaffnung übergegangen. Zugleich hob Colby die Bereitschaft Berlins zu gemeinsamen Rüstungsprojekten hervor.
Ein weiteres Thema des Treffens dürfte die künftige US-Truppenpräsenz in Europa sein. Deutschland hat der NATO als Ersatz für bislang garantierte US-Fähigkeiten unter anderem Schiffe, Kampfflugzeuge und unbemannte Waffensysteme angeboten. Pistorius hatte zudem wiederholt einen konkreten Zeitplan für die Übernahme entsprechender Aufgaben gefordert.
Pistorius in den USA: Abschluss der Reise mit erster deutscher F-35
Nach seinem Besuch in Washington reist Pistorius weiter nach New York. Bei den Vereinten Nationen soll es unter anderem um die Zukunft der internationalen Blauhelm-Einsätze und das weitere Engagement im Libanon gehen. Die Bundeswehr ist dort bislang am UN-Einsatz Unifil beteiligt, der Ende 2026 auslaufen und innerhalb eines Jahres abgewickelt werden soll.
Zum Abschluss seiner Reise besucht Pistorius am Freitag im texanischen Fort Worth den US-Flugzeugbauer Lockheed Martin. Dort soll offiziell der erste von Deutschland bestellte Tarnkappenjet vom Typ F-35 übergeben werden. Insgesamt hat die Bundeswehr 35 Maschinen bestellt, die die überalterte Tornado-Flotte ablösen sollen.
Die ersten F-35 bleiben zunächst in den USA und werden dort für die Ausbildung deutscher Piloten eingesetzt. Die Flugzeuge sollen auch im Rahmen der nuklearen Teilhabe Deutschlands eingesetzt werden. Damit steht Pistorius in den USA vor einem doppelten Bild: Deutschland will die militärische Zusammenarbeit mit Washington ausbauen und stärker in die gemeinsame Rüstungsproduktion einsteigen. Gleichzeitig zeigt der Iran-Krieg, wie abhängig solche Vorhaben von den begrenzten amerikanischen Produktionskapazitäten und den eigenen militärischen Prioritäten der USA sind. (Quellen: dpa, AFP, Welt, Politico) (bb/nak)