Poschardt, der Papst und die Piusbruderschaft
Nun spricht er vom „Fightbürger“, auf den es in der offenen Gesellschaft ankomme. Das Christentum habe hier, beim „Fighten“, eine bürgerliche Vorreiterrolle zu spielen. Als letzte Bastion der Kampfeswilligen sozusagen, in einer ansonsten ganz und gar postheroisch gewordenen Gesellschaft. Ulf Poschardt, laut einvernehmlicher Sprachregelung der freieste Freie im Springer-Konzern, sagt im Gespräch mit der „Tagespost“ (im Werbeclip „die katholische Stimme in den Medien“): „Wir müssen das Christentum intellektuell militarisieren.“ Poschardt darf so reden, ohne dass ihm der Papst in die Parade führe. Poschardt hat Glück: Er ist kein Piusbruder. Sonst hätte der neue „geistliche Herausgeber“ der papsttreuen „Tagespost“, der Medienpater Karl Wallner, zweifellos Einspruch erhoben. So aber gilt: Während der Papst bei jeder Gelegenheit den Frieden beschwört, lässt Pater Wallner in seinem Blatt die christlichen Militaristen tanzen. Man heißt es auch Vielfalt in der Cattolica.
Wenn von dieser segensreichen Vielfalt nur nicht immer schon genau eine Gruppierung, die Piusbrüder, ausgeschlossen wäre! Inzwischen hat auch der Münsteraner Bischof Heiner Wilmer im kirchlichen Amtsblatt die päpstlichen Pius-Verdikte auf Bistumsebene heruntergebrochen. Wilmer folgt damit mustergültig den Vorgaben des vatikanischen Glaubensdikasteriums. Er läuft, was die Fürsorgepflicht seiner bischöflichen Hirtenrolle angeht, im offiziellen Verständnis des Amtsblattes zur Höchstform auf: Den Gläubigen, so Wilmer, „wird dringend davon abgeraten, an liturgischen Feiern oder sonstigen Veranstaltungen der Priesterbruderschaft St. Pius X. teilzunehmen“.
Die Kirche pfeift hier auch auf überlieferte Reichtümer
Nach dem überkommenen pastoralen Motto, als der Sündenbegriff noch in aller Hirten Munde war, klingt das wie: Meide die Gelegenheit! Halte dich fern, wo die Versuchung lauert! Gib dem Satan kein Packan, um deine Seele zu verderben! Man muss sich das vor Augen führen: Hier wird ein Sound angeschlagen, ein Ton gesetzt gegen Vertreter eines Priesterbilds, das als „alter Christus“, als „anderer Christus“ jahrhundertelang lebendig war, bevor das geistliche Berufsbild an die soziale Moderationsarbeit angeglichen wurde. Was immer an den Piusbrüdern schräg, reaktionär, gefährlich sein mag: Die Kirche rückt hier ja nicht nur Fehlentwicklungen zurecht, sondern pfeift auch auf ihre überlieferten Reichtümer, ohne bei einem weitgehend verflachten Glaubenssinn in der Position dafür zu sein.
Warum geht man, anders gefragt, auf einmal wieder im abwertenden Sprachregister von Exkommunikation, Schisma und Häresie aufeinander los, in intellektuell militarisierten Begriffen also, die im dekategorisierten, kirchlichen Mainstream-Sprech längst ausgemustert schienen. Warum klingen derartige Klassifizierungen selbstverständlich, wenn es um die Kennzeichnung von Traditionalisten geht, im Übrigen aber selbstverständlich von jeder Klassifizierung Abstand genommen wird: Wer bin ich, dass ich urteile? Diesen berühmt gewordenen Satz von Papst Franziskus – vielleicht der Satz seines Pontifikats schlechthin – als neuen Generalschlüssel kirchlichen Denkens und Handelns begreifend, jedenfalls solange nicht die Piusbrüder betroffen sind.
Einigkeit beim Abrufen administrativer Begriffe
Da stimmt doch etwas nicht, denken sich hier nicht nur bekennende Denker der Reaktion wie der Schriftsteller Martin Mosebach. Auch dem sogenannten gemeinen Gläubigen dürfte inzwischen unbehaglich zumute sein, wenn die gesamte Banknachbarschaft dem Papismus huldigt, was die Verteufelung der Piusbrüder angeht, vorderhand weil diese für die Reklamierung eines Notstands, dessen prinzipielle Fehlbarkeit sie einräumen, eine Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat vornahmen. Da stimmt doch etwas nicht: So viel Einigkeit beim Abrufen administrativer Begriffe, so wenig Skeptizismus als vernünftige Herangehensweise in Fällen, in denen sich alles von selbst verstehen soll.
Da möchte man doch arglos fragen dürfen, ob es sich nicht auch Papst Leo XIV. und Exekutoren wie Bischof Wilmer zu einfach machen. Etwa indem Leo inzwischen Begriffe wie Exkommunikation und Schisma dekretiert, als wären sie eindeutig anwendbar, ohne sie in die Problemkontexte zu stellen, denen sie entspringen. Und entsprechend ohne auf abweichende Meinungen in der kirchenrechtlichen Debatte einzugehen, die in der Causa Piusbrüder herrscht. Als sei Roma locuta immer noch ein erkenntnistheoretischer Ausweis und nicht die dezisionistische Felsenrhetorik, wie sie von der historisch-kritischen Methode längst auf Abstand gebracht wurde. Der Papst und seine bischöflichen „Fightbürger“ in den Bistümern treten hier eine Spur zu militärisch auf.