Plötzlich ohne Hausarzt: Chronisch kranker Patient aus dem Hunsrück fühlt sich im Stich gelassen
Plötzlich ohne Hausarzt Chronisch kranker Patient aus dem Hunsrück fühlt sich im Stich gelassen
Morbach · Ein Morbacher Patient fühlt sich vor den Kopf gestoßen: Sein Hausarzt arbeitet nun im MVZ und er bekommt keinen Termin mehr. Dabei braucht der chronisch Kranke dringend Medikamente.
20.10.2026 , 07:29 Uhr
Das MVZ in Morbach wurde zum Jahresbeginn eröffnet.
Foto: TV/Hans-Peter Linz
Eigentlich wollte Marius G. (Name von der Redaktion geändert) nur ein Rezept bestellen. Da er chronisch krank ist, ist er auf die regelmäßige Einnahme seiner Medikamente angewiesen. Doch als er das neue medizinische Versorgungszentrum (MVZ) in Morbach betrat, folgte eine kalte Dusche.
Sein langjähriger Hausarzt, bei dem er seit 35 Jahren Patient war, hat seine eigene Praxis aufgegeben und arbeitet nun als Angestellter im MVZ. Marius G. ging selbstverständlich davon aus, dort weiter behandelt zu werden. Beim Einchecken an der Anmeldung kam jedoch das Aus: „Ich wusste nicht, dass mein Hausarzt seine Arbeitszeit um die Hälfte reduziert hat. Ich wurde schlichtweg abgewiesen“, berichtet er enttäuscht.
Hoffnung auf bessere Versorgung zerschlagen
Und er ist offenbar kein Einzelfall: Wie er unserer Zeitung mitteilt, seien während seines Aufenthalts im MVZ drei weitere Patienten abgewiesen worden. „Ich habe gehofft, dass durch das MVZ die Versorgung besser wird. Ich brauche dringend meine Medikamente. Aber es hieß, ich solle mir einen anderen Arzt suchen. Man könne mir höchstens einmalig ein Notrezept ausstellen. Ich war wie vor den Kopf geschlagen.“ Warum er als langjähriger Patient nicht übernommen wird, versteht er nicht.
Es geht ihm dabei nicht nur um das Quartalsrezept. Aufgrund seiner komplexen Erkrankung benötigt Marius G. regelmäßig Blutuntersuchungen und einmal im Jahr einen gründlichen Check-up. „Ich bin zwar gut eingestellt, brauche aber regelmäßige Arzttermine. Wo soll ich denn jetzt hingehen, wenn so viele Praxen Aufnahmestopp haben?“, fragt er besorgt.
Das MVZ, das von der Gemeinde erbaut und an die Cusanus Trägergesellschaft Trier (ctt) vermietet wurde – die auch das Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich betreibt –, nutzt genau dieses Modell: Es bietet Medizinern ein Angestelltenverhältnis. Das ist gerade für Ärzte attraktiv, die kurz vor der Pension stehen und ihr Arbeitspensum ohne die Last einer eigenen Praxis reduzieren möchten.
Cusanus Trägergesellschaft Trier verweist auf reduzierte Kapazitäten
Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärt eine Sprecherin der ctt die Hintergründe: Der betreffende Arzt setze seine Tätigkeit nach der Schließung seiner bisherigen Praxis zwar fort, allerdings in deutlich reduziertem Umfang. Hatte er zuvor einen vollen Vertragsarztsitz inne, arbeitet er im MVZ nun mit einem halben Sitz und maximal 20 Wochenstunden.
Die Sprecherin stellt klar: „Eine vollständige Übernahme aller ehemaligen Patienten ist unter diesen Voraussetzungen leider nicht möglich. Die Aufnahme richtet sich nach den verfügbaren ärztlichen und organisatorischen Kapazitäten des gesamten MVZ.“
MVZ Morbach: Personal an der Belastungsgrenze
Dennoch habe man trotz der begrenzten Ressourcen einen „erheblichen Teil der Patienten“ aus der ehemaligen Praxis übernommen. Das MVZ sei derzeit allerdings „sehr stark ausgelastet“.
„Unsere Ärzte und medizinischen Fachangestellten arbeiten bereits an ihrer Belastungsgrenze“, erklärt die Sprecherin weiter. „Weitere Patienten können nur aufgenommen werden, soweit dies die Kapazitäten zulassen. Es muss gewährleistet bleiben, dass sowohl die bisherigen als auch die neu aufgenommenen Patienten medizinisch sorgfältig und zuverlässig versorgt werden.“
Chronisch kranker Patient aus dem Hunsrück: Sorge vor Doppeluntersuchungen
Marius G. befürchtet, dass bei einem Wechsel zu einem neuen Arzt eine komplette Neuuntersuchung fällig würde – was unnötige Kosten für die Krankenkasse verursache. Dem widerspricht die ctt-Sprecherin: Zwar gehöre es zur ärztlichen Sorgfalt, den Gesundheitszustand und die Medikation neu zu beurteilen, vorhandene Befunde und Behandlungsunterlagen würden dabei jedoch berücksichtigt. Dennoch räumt sie ein, dass ein Arztwechsel zusätzlichen organisatorischen Aufwand bedeute.
Wie es für Marius G. weitergeht, bleibt vorerst offen. Die ctt empfiehlt abgewiesenen Patienten, sich frühzeitig an andere niedergelassene Hausärzte in Morbach oder den umliegenden Gemeinden zu wenden. Die Sprecherin betont: „Uns ist bewusst, dass ein notwendiger Arztwechsel insbesondere für chronisch erkrankte Menschen eine zusätzliche Belastung darstellt. Die begrenzten Kapazitäten lassen eine vollständige Übernahme aller bisherigen Patienten leider nicht zu.“
Heike Ostermeier, kaufmännische Bereichsdirektorin der ctt, erklärt dazu: „Wir verstehen die Sorgen der Patienten sehr gut, insbesondere wenn sie seit vielen Jahren bei demselben Hausarzt in Behandlung sind und nun eine neue ärztliche Betreuung suchen müssen. Mit der Weiterbeschäftigung von Herrn Neis im MVZ Morbach haben wir eine Möglichkeit geschaffen, seine langjährige Erfahrung weiterhin für die hausärztliche Versorgung in der Region zu nutzen.“
Bereits heute versorgten sie einen erheblichen Teil seiner bisherigen Patienten, erklärt Ostermeier weiter. Gleichzeitig arbeiteten die Mitarbeitenden an ihrer Belastungsgrenze. „Wir können nicht unbegrenzt weitere Patienten aufnehmen, ohne die Qualität der medizinischen Versorgung zu gefährden.“ Die zunehmenden Engpässe in der hausärztlichen Versorgung ließen sich nicht durch einzelne Praxen oder medizinische Versorgungszentren allein auffangen. „Hier sind langfristig tragfähige Lösungen notwendig, um die medizinische Versorgung gerade im ländlichen Raum sicherzustellen.“
Anmerkung: Auf Wunsch des Patienten veröffentlichen wir seinen Namen nicht, der unserer Redaktion aber bekannt ist.