"Eines Tages möchte ich die Berliner S-Bahn der Baureihe 480 steuern"

#Wiegehtesuns | Polnische Tramfahrerin

“Eines Tages möchte ich die Berliner S-Bahn der Baureihe 480 steuern”

Tramfahrerin Nikola Gawrońska posiert in Szczecin vor einer Tram (Quelle: rbb/Elias Franke)
Tramfahrerin Nikola Gawrońska posiert in Szczecin vor einer Tram (Quelle: rbb/Elias Franke)

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In der Serie #Wiegehtesuns? erzählen Menschen, wie ihr Leben gerade aussieht - persönlich, manchmal widersprüchlich und kontrovers. rbb|24 will damit Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Nikola Gawrońska ist Anfang 20 und arbeitet in ihrer Heimatstadt Stettin (Szczecin) als Tramfahrerin. Täglich fährt sie durch die polnische Hafenstadt, ihre Schicht dauert zehn Stunden. In Berlin begann ihre Faszination für den öffentlichen Nahverkehr. Nikolas großer Traum ist, den "Toaster" - die S-Bahn der Baureihe 480 - in Berlin zu steuern.

Meine Faszination für Straßenbahnen und überhaupt für öffentliche Verkehrsmittel, die auf Schienen fahren, hat in Berlin angefangen. Dort habe ich auch meine Leidenschaft fürs Fotografieren entwickelt. Berlin war die erste große Stadt, die ich als Teenagerin oft besucht habe. Ich wollte in der Menge untertauchen, Teil des Alltags werden. Vielleicht liebe ich die Stadt deswegen so sehr, weil ich sie mit den Augen der Bewohner:innen gesehen habe. Mittlerweile habe ich dort viele Freunde und fühle mich in Berlin wie ein Fisch im Wasser.

Die Straßen, das Leben, die Menschen und die unzähligen Eindrücke und Ausblicke, die Berlin zu bieten hat, haben mich von Anfang an begeistert. Besonders die Straßenbahnen hatten es mir angetan. Ich begann, sie zu fotografieren. Sie sind das Gesicht der Stadt und dazu noch sehr fotogen. Außerdem begegnet man in jeder Stadt unterschiedlichen Modellen, mit unterschiedlicher Lackierung. Schon immer seit meiner Kindheit haben mich alle Arten von Verkehrsmitteln interessiert - besonders Flugzeuge. Mit 14 Jahren war ich verrückt nach Flugzeugen.

Nikola fotografiert ihre Lieblings-Tram 160 (Quelle: rbb/Elias Franke).
Nikola fotografiert ihre Lieblings-Tram 160 (Quelle: rbb/Elias Franke).

Deshalb beschloss ich, meinen Traum vom Fliegen zu verwirklichen, und begann eine Ausbildung an einer Flugschule in Rzeszów. Doch der Umzug an einen Ort, der dreizehn Zugstunden von meinem Elternhaus entfernt und keine Großstadt war, machte mich nicht glücklich. Außerdem stellte sich später heraus, dass die Flugschule die Kosten für die Fluglizenzen doch nicht übernahm. Schließlich habe ich meinen Pilotentraum aufgegeben und bin auf die Schiene runtergekommen. Seit drei Jahren arbeite ich nun als Straßenbahnfahrerin.

Der Traum vom "Toaster" in Berlin

Täglich fahre ich durch Stettin, meine Lieblingslinie ist die Linie 3. Sie führt von der Plattenbausiedlung Zawadzkiego bis zum Industriegebiet Pomorzany, und passiert dabei einige Highlights der Stadt - darunter die Brama Portowa [Stadttor in Stettin, Anm. d. Red.] und den Hauptbahnhof.

Besonders faszinieren mich die sternförmig angeordneten Straßen und Plätze von Stettin. Die Plätze Grunwaldzki, Odrodzenia und Szarych Szeregów bilden dabei ein auffälliges Ensemble. Eine solche Stadtplanung kenne ich aus keiner anderen polnischen Stadt. Ich fahre gern Menschen hin und her - und freue mich, dabei selbst Teil des städtischen Lebens zu sein.

Doch einen Traum habe ich noch: Eines Tages möchte ich die Berliner S-Bahn der Baureihe 480 steuern, die auch "Toaster" genannt wird. Ihren Spitznamen verdankt sie ihrer kantigen Front und den Lüftungsschlitzen, die an einen klassischen Küchentoaster erinnern.

Züge der Baureihe 480 - auch "Toaster" genannt - stehen in einer Werkstatt in Berlin-Schöneweide (Quelle: picture alliance/Caro/Ruffer)
Züge der Baureihe 480 - auch "Toaster" genannt - stehen in einer Werkstatt in Berlin-Schöneweide (Quelle: picture alliance/Caro/Ruffer)

Die Baureihe 480 ist für mich eng mit der Geschichte Berlins verbunden. Ihre Entwicklung begann noch während der deutschen Teilung: Mitte der 1980er Jahre wurde ein Prototyp in West-Berlin getestet. Die Fahrzeuge stehen für den Wandel der Berliner S-Bahn und erinnern an eine Zeit, in der die Stadt geteilt war und später wieder zusammenfand. Für mich verkörpern sie damit ein Stück Berliner Geschichte.

Heute gehören die "Toaster" zu meinen Lieblingsfahrzeugen der S-Bahn-Flotte. Das liegt nicht nur an ihrem Aussehen und ihren charakteristischen Geräuschen, sondern vor allem an den Geschichten, die sie in sich tragen. Mich fasziniert die Geschichte Berlins, ebenso wie die heutige Gestalt der Stadt, ihre Funktionsweise und ihre durchdachte Infrastruktur. Die Vorstellung, eines Tages selbst einen dieser geschichtsträchtigen Züge zu steuern, begeistert mich.

Die Baureihe 480 ist technisch nicht mehr die modernste - und genau das macht für mich ihren Reiz aus. Sie hat Charakter und eine Art Seele, die ich bei neueren Fahrzeugen oft vermisse.

Diese Liebe zu älteren Fahrzeugen beschränkt sich nicht auf Berlin. Auch meine Lieblings-Tram in Stettin ist ein älteres Modell: die Straßenbahn Tatra KT4Dt mit der Wagennummer 160. Besonders ihre quadratischen Reflektoren machen sie für mich unverwechselbar. Ich war sogar dabei, als sie modernisiert wurde und saß auf dem Traktor, der sie zum Depot transportierte. Meine Verbundenheit mit diesem Fahrzeug geht so weit, dass ich einen Anhänger für eine Kette besitze, auf dem die Straßenbahn abgebildet ist. Das ist meine Liebe.

Für mich sind solche Fahrzeuge mehr als bloße Verkehrsmittel. Sie erzählen Geschichten, tragen Erinnerungen in sich und haben ihren ganz eigenen Charakter. Genau das ist es, was ich an ihnen so liebe.

Gesprächsprotokoll: Wioletta Weiss

Sendung: rbb Dokumentation und Reportage, 03.10.2026, 17:25 Uhr
Video: rbb Dokumentation und Reportage, 03.10.2026, Oliwia Nowakowska und Elias Franke

Die gesamte Reportage "Auf Schienen durch Stettin" können Sie per Klick auf das oberste Bild oder hier in der ARD-Mediathek nachschauen.

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