Dirigent Charles Dutoit feiert 90. Geburtstag

Man hat das Symphonieorchester der kanadischen Stadt Montréal unter dem Schweizer Dirigenten Charles Dutoit als das französische Orchester schlechthin bezeichnet. Aus gutem Grund. In dem Vierteljahrhundert der Zusammenarbeit zwischen dem Klangkörper aus der Neuen Welt und dem Dirigenten des Alten Kontinents haben sich große Momente der Interpretation französischer Musik ereignet, mit Werken von Hector Berlioz bis Henri Dutilleux und dem Schwerpunkt auf Kompositionen von Debussy und Ravel.

Charles Dutoit, in Lausanne geboren, dort und in Genf zum Dirigenten ausgebildet, danach mit wesentlichen Anregungen von Ernest Ansermet ausgestattet, hat seine frankophile Prägung in die frankofone Metropole Kanadas mitgebracht. Dabei ergab sich wie selbstverständlich eine kulturelle Akkumulation, die aus einem bis dahin eher regional wirkenden Ensemble ein Orchester von internationalem Rang werden ließ.

Länger als alle Dirigenten vor ihm

Dutoit hat das Orchester bei vielen Konzerttourneen weltweit präsentiert und auf gut 80 Einspielungen geleitet, mit denen er zahlreiche Schallplattenpreise errang, darunter zwei Grammys für „Die Trojaner“ von Berlioz sowie die Klavierkonzerte von Bartók mit der Pianistin Martha Argerich, seiner zweiten Frau. Die Verbindung Dutoits mit den Symphonikern aus Montréal war eine Erfolgsgeschichte, vergleichbar der Zusammenarbeit Simon Rattles mit dem Orchester aus Birmingham oder von Mariss Jansons mit dem Symphonieorchester aus Oslo.

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Französische Musik bildet freilich nur einen Schwerpunkt im Repertoire von Dutoit, der seine offizielle Dirigentenkarriere in Bern 1964 mit Strawinskys „Sacre du Printemps“ begann. Auch in Montréal, wo er von 1977 bis 2002 wirkte, länger als alle Dirigenten vor ihm, hat er die Musik Strawinskys, überhaupt russische Musik favorisiert. Dabei erwarb er sich große Verdienste um die Popularisierung klassischer Musik generell, etwa mit Freilichtkonzerten, Auftritten an ungewöhnlichen Orten wie Sporthallen, mit klugen pädagogischen Konzepten und Auftragswerken an junge Künstler.

Vorwürfe sexueller Übergriffe

Dutoit hatte neben und auch nach seiner langjährigen Arbeit in Montréal weitere wichtige Positionen inne: als Erster Gastdirigent beim Philadelphia Orchestra, als Chefdirigent des Orchestre National de France in Paris, vom NHK Symphony Orchestra in Tokio, später in gleicher Funktion in Philadelphia und beim Royal Philharmonic Orchestra sowie als Gast vieler renommierter Orchester, die die Präzision und Klangkultur, die Strenge, gepaart mit Eleganz des Orchestererziehers zu schätzen wussten.

Eine abrupte Wende nahm seine Karriere, als 2017 Vorwürfe von Musikerinnen amerikanischer Orchester wegen sexueller Übergriffe des Dirigenten erhoben wurden, die bis in die Achtzigerjahre zurückreichten. Interne Prüfungen der Ensembles stuften die Anschuldigungen teilweise als glaubwürdig ein. Zu strafrechtlichen Maßnahmen kam es nicht, auch weil die Zeuginnen nicht in die Öffentlichkeit treten wollten und auf Anzeigen verzichteten.

Dutoit hat die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Dennoch beendeten viele Orchester die Zusammenarbeit mit ihm. Das Royal Philharmonic Orchestra in London löste den Vertrag mit seinem Chefdirigenten im Januar 2018 auf. Eine feste Anstellung hatte Charles Dutoit, der nach wie vor weltweit auftritt, seither nicht mehr inne. An diesem Mittwoch begeht er seinen neunzigsten Geburtstag.