Präsident des Bundesverfassungsgerichts nach Kassel geholt
Stand: 01.08.2026, 13:31 Uhr
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Jürgen Spalckhaver gibt nach 25 Jahren den Vorsitz der Juristischen Gesellschaft zu Kassel ab. In seiner Amtszeit lockte er die Top-Juristen nach Kassel.
Kassel – Jürgen Spalckhaver sitzt in seinem Wohnzimmer und erzählt über die Juristische Gesellschaft zu Kassel, wie der Verein tatsächlich korrekt heißt. Das „zu“ im Namen hat ihn immer ein wenig fasziniert. Es hat einst sogar das Interesse auf die Gesellschaft gelenkt, als er als junger Anwalt in Kassel immer Post von ihr bekam. Es weckte seine Neugierde.
Diese Neugierde mündete in einem großen Engagement. In den vergangenen 25 Jahren war Spalckhaver der Vorsitzende dieser Gesellschaft, die sich mit ihren 300 Mitgliedern als klein, aber fein bezeichnen ließe. Nun, mit bald 82 Jahren, übergibt Spalckhaver den Vorsitz an Murad Erdemir, aber in Gedanken ist er immer noch bei der Sache. Gerade hat er einen Zeitungsartikel gelesen. Thema: Wenn Bürgerrechte abgebaut werden. Es geht um das Informationsfreiheitsgesetz und darum, dass die Regierung deutliche Einschränkungen plant. Das umtreibt Spalckhaver. Den Autor, einen Rechtswissenschaftler, würde er gern für einen Vortrag einladen. Da ist der promovierte Jurist Spalckhaver noch ganz Vorsitzender.
Die Juristische Gesellschaft zu Kassel vergibt stets einen Preis für die beste juristische Dissertation an den Unis in Göttingen und Kassel. In erster Linie wird sie aber sichtbar über solche Vorträge, und Spalckhaver hat in den vergangenen Jahren viele Gastredner nach Kassel gelockt. Namhafte Professoren, Gerichtspräsidenten, Rechtswissenschaftler. Vor einem Jahr folgte beispielsweise mit Stephan Harbarth der Präsident des Bundesverfassungsgerichts der Einladung nach Nordhessen. Wenn Spalckhaver die juristische Prominenz anfragt, fügt er immer eine Liste bei mit den Gästen, die schon vor der Gesellschaft in Kassel gesprochen haben. Das hilft meistens. Da macht es auch nichts, dass kein Honorar gezahlt wird. Ein bekannter Verfassungsrechtler sagte einmal zu Spalckhaver: „Ach wissen Sie, das können Sie sowieso nicht bezahlen.“ Er kam trotzdem – wegen des guten Rufs der Gesellschaft.
Spalckhaver gelang es auch, den Bestsellerautor Bernhard Schlink, der mit dem Roman „Der Vorleser“ bekannt wurde, nach Kassel zu holen. Allerdings gestaltete sich das etwas schwerer. Spalckhaver wollte den Professor für Rechtsphilosophie, so erzählt er es, für einen Vortrag zum Thema Schuld gewinnen – ohne Erfolg. Ein Mitglied der Gesellschaft, das mit Schlink befreundet ist, startete noch einen Versuch. Schließlich sagte Schlink zu. Das Thema seines Vortrags erfuhr Spalckhaver dann aber erst kurz vor Beginn der Veranstaltung. Schlink wollte über ein kurzes Gedicht von Theodor Storm, ebenfalls von Hause aus Jurist, reden: „Der eine fragt, was kommt danach, der andere fragt nur, ist es recht. Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“ Spalckhaver stutzte. Letztlich wurde es ein spannender Abend. Es gab zwar keine Nachfragen an Schlink, aber viel Lob für den Vortrag.
Spalckhaver hat die Juristische Gesellschaft geprägt, dabei ist er eher zufällig zu dem Vorsitz gekommen. Früher wechselten sich die Präsidenten der einzelnen Gerichte im Amt ab, manchen war das eher lästig. Spalckhaver bot irgendwann mal an, bei der Verwaltungsarbeit behilflich zu sein. Als dann die Frage aufkam, wer denn als Nächstes den Vorsitz übernehmen sollte, fiel der Blick auf ihn. Er sagte ja, denn: „Als Anwalt hat man ja einen Sprachfehler: Man kann nicht nein sagen.“ So übernahm er die Verantwortung in dem Verein, den es nun seit mehr als 70 Jahren gibt und der einst auch deswegen gegründet wurde, weil in Kassel und Umgebung mit all seinen Gerichten sehr viele Juristen leben. Es sind wohl um die 1000.
Spalckhaver wird im Vorstand bleiben. Dass der gebürtige Berliner den Vorsitz abgibt, ist aus seiner Sicht aber konsequent. Vor eineinhalb Jahren hat er den Posten als Vorsitzender von Pro Nordhessen an Frank Lehmann übergeben, aus seiner Kanzlei hat er sich Ende des vergangenen Jahres zurückgezogen. Dass es ihm langweilig wird, ist nicht zu befürchten. Er kümmert sich um seine körperliche Fitness und liest sehr viel. Es genügt ein Blick in sein Wohnzimmer und in einen Nebenraum, um sein Interesse für Bücher zu erahnen. „Und viele davon habe ich noch gar nicht gelesen“, sagt er. (Florian Hagemann)