Brasiliens Wahl entscheidet auch über die Zukunft des Regenwalds

Präsidentschaftswahl Brasiliens Wahl entscheidet auch über die Zukunft des Regenwaldes

02.10.2026, 19:03

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Brasilien wählt den nächsten Präsidenten und die Wahl am 4. Oktober hat auch einen grossen Einfluss auf die Zukunft des Amazonas-Regenwalds: Während die Abholzung unter dem aktuellen Präsidenten Luiz Inácio Lula deutlich zurückgegangen ist, steht mit Herausforderer Flávio Bolsonaro ein Vertreter der politischen Linie seines Vaters bereit, unter dessen Regierung die Entwaldung stark zunahm.

So viel Waldfläche verschwand seit 2008 im brasilianischen Amazonas-Regenwald

Aufatmen für den Regenwald unter Lula

Seit 2022 hat sich die Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet etwa halbiert. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein satellitengestütztes Frühwarnsystem: Seit 2004 erfassen Satelliten den Regenwald, Algorithmen erkennen verdächtige Veränderungen.

Innert Stunden gelangen die Daten an die Behörden, die vor Ort gegen illegale Rodungen vorgehen. Das System kann zeigen, wo Wald verschwindet. Ob daraus aber Kontrollen und Sanktionen folgen, ist eine Frage des politischen Willens.

Das zeigte sich besonders deutlich ab 2019: Mit Jair Bolsonaros Amtsantritt änderte sich der Kurs. Die Satellitendaten wurden weiter erhoben, doch Bolsonaro wollte ihre Veröffentlichung stärker kontrollieren und sprach von «lügnerischen Zahlen».

Der Direktor des nationalen Instituts für Weltraumforschung, welches unter anderem auch für das wichtigste Frühwarnsystem gegen die Abholzung zuständig ist, wurde kurz darauf entlassen.

Sanktionen und Embargos gingen zurück, Behörden gaben weniger Auskünfte. Fachleute warnten vor einem «apagão ambiental», einem Umwelt-Informationsblackout. Die Abholzung stieg zudem deutlich an.

Luftaufnahme eines gemischten Waldes und eines abgeholzten Gebiets.
Legende:

Illegale Rodungen sollen durch Frühwarnsysteme unterbunden werden.

Getty Images

Seit Lulas Rückkehr 2023 setzt die Regierung wieder stärker auf Kontrolle und die Abholzung ist stark gesunken.

Doch nicht alle Verschärfungen setzen sich durch: Strengere Umweltprüfungen bei Agrarkrediten wurden 2026 auf Druck des Agrarsektors verschoben. Illegaler Bergbau, Brandrodung und Landnahmen bleiben in Teilen des Amazonas ein Problem.

Markiert die Umweltbehörde eine Fläche wegen illegaler Rodung, kann ein Betrieb den Zugang zu Agrarkrediten verlieren.

Die Regierung Lula wollte die Kontrolle ausweiten: Banken sollen künftig mithilfe von Satellitendaten bereits bei der Kreditprüfung erkennen, ob auf einer Fläche gerodet wurde.

Dann müsste der Betrieb nachweisen, dass die Rodung genehmigt war. Doch gegen die strengeren Regeln gibt es Widerstand aus dem Agrarsektor und im Kongress.

Die Einführung wurde auf 2027 verschoben. Ob sie dann wirklich kommt, hängt auch von den politischen Mehrheiten nach der Wahl ab.

Im Kongress liegt bereits ein Vorstoss zur Aussetzung der neuen Regelung vor.

Ein Frühwarnsystem gegen die Abholzung

Das wichtigste staatliche Frühwarnsystem in Brasilien heisst DETER, kurz für «Detecção de Desmatamento em Tempo Real», also die nahezu Echtzeit-Erkennung von Entwaldung. Es wurde 2004 aufgebaut, als die Abholzung im Amazonas besonders hoch war.

Seither ist die Technik präziser geworden: Anfangs blieben kleinere Rodungen unentdeckt, heute können dank höher aufgelöster Satellitenbilder bereits Flächen ab etwa drei Hektaren erkannt werden. Mehr als 120'000 Warnungen wurden seit 2015 vom Weltraumforschungsinstitut INPE an die Kontrollbehörden ausgegeben.

Waldschutz im Wahlkampf

Am 4. Oktober 2026 stehen nun die Präsidentschaftswahlen in Brasilien an. Null Abholzung, mehr Kontrollen, bessere Überwachung: Bei Lula und Flávio Bolsonaro lesen sich die Wahlprogramme zum Amazonas überraschend ähnlich: Beide versprechen, illegale Rodungen zu beenden.

Lula: Gegen Abholzung, für Öl

Lula kann auf einen deutlichen Rückgang der Abholzung seit seiner Rückkehr ins Präsidentenamt verweisen. Gleichzeitig unterstützt seine Regierung neue Ölbohrungen vor der Küste des Bundesstaats Amapá.

Lula bezeichnete einen dortigen Ölfund im Wahlkampf als «Pass für die Zukunft des Landes». Umweltschützer und indigene Organisationen kritisieren den Kurs.

Zwei Männer vor einem Hintergrund mit grünen Bäumen.
Legende:

Der amtierende Präsident Lula (l.) und Flávio Bolsonaro (r.) haben die besten Chancen, die Wahlen für sich zu entscheiden.

Getty / AP (Collage)

Flávio Bolsonaro: Wie der Vater, so der Sohn?

Bolsonaro Junior präsentiert sich als Fortsetzer des politischen Projekts seines Vaters Jair. Dessen Regierung hatte versprochen, die illegale Abholzung zu beenden, doch Umweltkontrollen wurden geschwächt und die Entwaldung stieg deutlich.

Zu Bolsonaros Unterstützern gehört Pedro Lupion, Präsident der mächtigen Agrarfraktion im Kongress. Lupion ist Mitinitiator eines Vorstosses, der die strengeren Umweltauflagen für Agrarkredite stoppen soll.

Bolsonaro setzt in seinem Regierungsprogramm auf eine schnellere Erschliessung kritischer Rohstoffe. Das betrifft auch die Amazonas-Region, in der ein grosser Teil der Vorkommen liegen. Nach einem Treffen mit Donald Trump im Weissen Haus kündigte er für den Fall eines Wahlsiegs strategische Partnerschaften mit den USA bei kritischen Mineralien an.

Person mit Brille und grünem Shirt sitzt in einem Büro vor Computermonitoren.
Legende:

SRF

Ritaura Pereira ist Direktorin von Imazon, einem Forschungsinstitut in Belém, das die Entwaldung im Amazonasgebiet mit Satellitendaten erfasst und eigene Frühwarn- und Prognosesysteme entwickelt.

1. Was muss die nächste Regierung beim Amazonasschutz leisten?
Sie muss Verantwortung übernehmen und verstehen, welche Bedeutung der Amazonas für das Klima hat – für Brasilien und die Welt. Wenn sie nicht verantwortungsvoll handelt, können sich die Klimakrisen, die wir heute schon erleben, verschärfen.

Die vergangenen Jahre zeigen, wie wichtig politische Entscheidungen sind: Es war der Eindruck entstanden, dass illegale Rodungen nicht bestraft würden. Heute gibt es wieder einen Aktionsplan, mehr Kontrolle und Sanktionen.

2. Beide Kandidaten versprechen ein Null-Ziel bei der Abholzung. Ist das überhaupt möglich?
Dafür müssen die bestehenden Massnahmen konsequenter umgesetzt werden: Etwa Landräuber bestrafen, indigene Gebiete und Schutzgebiete sichern.

Und wir dürfen keinen weiteren Hektar roden. Das ist auch gar nicht notwendig: Es gibt bereits viele schlecht genutzte Flächen, etwa degradierte Weiden.

Die Nachfrage nach Rindfleisch kann bedient werden, ohne neue Waldflächen zu roden.

3. Warum gibt es Widerstand gegen die verpflichtende Rückverfolgbarkeit von Rindern?
Ich sage immer: Der Widerstand kommt von denen, die illegal handeln. Ein Rind kann auf einer illegal genutzten Weide aufwachsen und vor dem Verkauf auf einen legalen Betrieb gebracht werden.

Wer so handelt, will keine Rückverfolgbarkeit und nutzt den politischen Einfluss des Sektors, damit strengere Regelungen immer wieder verschoben werden.

Zwei Männer vor einem Satelliten über einem Wald, einer hebt die Hand, der andere hält seine Brust.
Legende:

SRF

Karen Naundorf, Dominique Marcel Iten (Redaktion), Fabian Schwander (Entwicklung und Design)

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