Protokoll aus Cherson: „Wir stützen uns gegenseitig“

In Cherson ist es lebensgefährlich, aber noch gibt es Essen und Strom. Die 45-jährige Anna erklärt, warum sie und ihre Familie die Stadt nicht verlassen.

Eine Straße, auf der Menschen laufen und vereinzelte Autos stehen, wird mit Netzen die an Straßenlaternen und Bäumen hängen geschützt
Gefährlicher Alltag in Cherson: Zum Schutz vor FPV Dronen hängen Netze über vielen Straßen

Foto: Jeremy Bigwood/imago

Wenn ich gefragt werde, wie es uns hier geht, sage ich immer: Wir leben. Das Wort ‚überleben‘ ist ja schon etwas abgenutzt. Warum sind wir noch hier? Mein Mann arbeitet im Rettungsdienst. Stellen Sie sich vor: Angriffe, Drohnenflüge – und sie fahren los. Krankenwagen sind aktuell eine Zielscheibe, aber er sagt: ´Wenn alle weggehen, wer holt dann die Leute aus den Trümmern?' So stützen wir uns gegenseitig.

In Cherson ist normaler Schulbetrieb schon lange zu gefährlich. Unterrichtet wird per Zoom oder über Online-Plattformen – wenn es Internet gibt. Unser Zwölfjähriger sitzt im Flur, mit dem Laptop, und rundherum kracht es. Klar, manchmal gehen wir auch in den Keller. Kinder in Cherson haben keine normale Kindheit mehr. Sie haben keinen Kontakt zu Gleichaltrigen, rausgehen können sie auch nicht. Kürzlich wurde eine Frau getötet, die ihren Hund ausgeführt hat. Deshalb bleibt Kindern jetzt nur noch der Bildschirm. Aber wir achten darauf, dass unser Sohn lernt, man darf jetzt nicht nachlassen.

Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Gebären im Schutzraum

Generell sind nur noch wenige Kinder in der Stadt. Aber mein Mann sagt, dass es noch Frauen gibt, die in einer unterirdischen Geburtsklinik gebären, in einem Schutzraum. Dort ist alles so eingerichtet, dass selbst bei Stromausfall noch alle Versorgungsanschlüsse funktionieren.

Mit ärztlicher Versorgung ist es schwierig. Ärzte sind wahre Helden, aber Fachärzte gibt es nicht mehr genug. Mein Mann kommt immer frustriert von den Rettungseinsätzen zurück: jeden Tag Verletzte durch Beschuss und Drohnen. Ich habe immer Angst, ob er überhaupt noch ob er überhaupt zurück kommt. In Cherson gibt es keinen sichereren Ort mehr.

Russische „Drohnen-Safaris“

Über vielen Straßen hängen Netze gegen die FPV-Drohnen, mit denen die Russen Menschen jagen. Wir nennen das `Menschen-Safari’. Die russischen FPV-Drohnen fliegen über den Dnipro und suchen nach einsamen Passanten. Neulich ist ein Gemüsehändler direkt zwischen den Marktreihen verfolgt worden. Die Menschen bewegen sich möglichst im Schutz von Bäumen. Bei klarer Sicht gehen sie nicht mehr nach draußen. Man hört dieses leise Summen – und das Herz gefriert. Sie sehen durch ihre Drohnenkamera genau, dass sie einen Zivilisten vor sich haben, trotzdem werfen sie Sprengstoff ab.

Strom, Wasser und Gas gibt es noch in der Stadt, die städtischen Einrichtungen reparieren alles in Blitzgeschwindigkeit. Aber alles ist unsicher, erst neulich kürzlich gab es wieder kritische Vorfälle in einem Heizkraftwerk. Wir werden bereits gewarnt, dass der kommende Herbst und Winter die schwersten seit Kriegsbeginn werden. Die Behörden fordern alle, die es können, dazu auf, die Stadt zu verlassen.

Versorgung mit Lebensmitteln

Alles ist hier sehr teuer, manche Produkte werden rationiert. Aber Essen kann man kaufen, wenn man Geld hat. Es kommen auch humanitäre Hilfslieferungen. Das Problem ist nicht ein Mangel an Lebensmitteln, sondern, dass man die Geschäfte lebend erreichen muss.

Die Situation Oleschky ist ein riesiges Drama. Die Stadt liegt auf der anderen Seite des Dnipro unter russischer Besetzung, nur neun Kilometer von Cherson entfernt. Die Russen haben Oleschky völlig blockiert. Es gibt dort weder Gas, Strom noch Wasser. Die Menschen haben seit Mai keine Lebensmittel mehr bekommen, sie essen Tauben und irgendwelche Kräuter. Und obwohl ich ja weiß, was die Russen hier mit uns machen, glaube ich, dass Oleschky wirklich die Hölle ist. Wir leben alle im Krieg, aber Cherson ist nicht besetzt, und dort am anderen Dnipro-Ufer herrscht völlige Rechtlosigkeit…

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

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