Protokoll eines Dramas: Nirmal Purjas Tod auf 8051 Metern
Protokoll eines Dramas – so starb der Star-Alpinist Nirmal Purja am Broad Peak
Eine Lawine hat in Pakistan eine Expedition auf den Achttausender mehrere hundert Meter in die Tiefe gerissen. Nach über 48 Stunden stand fest: Alle zehn Teilnehmer sind tot, auch der Rekordkletterer Nirmal Purja.
Stephanie Geiger02.08.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Er bestieg alle 14 Achttausender in Rekordzeit ohne Flaschensauerstoff. Doch sein Versuch, zum 58. Mal einen dieser Riesen zu besteigen, endete tödlich: Nirmal Purja.
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Die ersten Informationen verbreiteten sich am späten Donnerstagabend in Windeseile um die Welt: Lawine am 8051 Meter hohen Broad Peak in Pakistan. Zehn Bergsteiger vermisst. Unter den Vermissten: der Superstar des kommerziellen Höhenbergsteigens, Nirmal Purja. Wenige Tage vorher konnte der Nepalese, der die britische Staatsbürgerschaft hatte, mit dem Gasherbrum II seinen 57. Erfolg an einem Achttausender verkünden.
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Purja stieg 2019 innerhalb von nur 198 Tagen auf alle 14 Achttausender. Der Exploit wurde von Netflix dokumentiert, was ihm zu Weltruhm weit über die Alpinistenszene hinaus verhalf. Er gründete ein Unternehmen für alpine Expeditionen und verwertete damit seine Erfolge auch kommerziell.
Das Lawinenereignis hatte sich am Donnerstag bereits gegen halb zehn Uhr Ortszeit ereignet. Insgesamt waren vier Expeditionsteams am Berg. Die Bergsteiger aus China, den USA, Pakistan und Nepal waren zu diesem Zeitpunkt von Lager 2 auf dem Weg zu Lager 3, um am Freitag zum Gipfel aufzusteigen. In etwa 6600 Metern Höhe wurden sie von der Lawine erfasst, wie aus den Aufzeichnungen der GPS-Tracker hervorging.
Doch zunächst war offenbar niemandem aufgefallen, dass die Lawine, die sogar von Trekking-Touristen gefilmt worden war, die auf dem Weg ins Basislager des K2 (8611 Meter) waren, die Bergsteiger erfasst hatte. Wie so oft bei derartigen Unglücken gingen angesichts der schlechten Informationslage später Wahrheit und Spekulation Hand in Hand.
Andere beendeten ihre Expeditionen angesichts der offensichtlichen Gefahr
Der Broad Peak, der zwölfthöchste Berg der Welt, gehört zur Gruppe der technisch fordernderen, sogenannten «niedrigen Achttausender». Auf der Website des Expeditionsveranstalters Amical alpin ist zu lesen: «Er ist etwas anspruchsvoller als der benachbarte Gasherbrum II. Dafür bietet er eine sehr direkte Aufstiegsroute ohne Umschweife.» Und bei Furtenbach Adventures ist zu lesen: «Die Route ist direkt, verhältnismässig kurz, und die wenigen schwierigeren Passagen werden mit Fixseilen versichert. Der Broad Peak ist dadurch und wegen seiner geringen Höhe für viele Höhenbergsteiger der erste Achttausender.»
Dennoch ist auch er nicht zu unterschätzen, wie das Unglück zeigt. Die Lawinengefahr hatte ihren Ursprung in dem schlechten Wetter, das in den vergangenen Wochen die Expeditionen im Karakorum verzögerte. Alles deutet auf eine Schneebrettlawine hin, ausgelöst durch die starken Windverfrachtungen an den Tagen vorher. Schneefall und Wind hielten die Bergsteiger in den Basislagern fest. Manche beendeten die Expeditionen wegen der objektiven Gefahren sogar vorzeitig.
Der Ungar David Klein und der Amerikaner Ian Overton reisten am 25. Juli aus dem Broad-Peak-Basislager ab. Wie Overton gegenüber dem Portal Explorers Web berichtete, gab es am 18. Juli einen starken Sturm, der den Schnee verwehte. Oberhalb von Lager 2 sei ein Windharschdeckel, eine hart gepresste Schicht, auf dem Schnee gelegen. Unterhalb von Lager 2 schmolz der Schnee. Laut Overton gab es dort viel loses Gestein und brüchiges Eis.
In einer Erklärung des Alpine Club of Pakistan hiess es am Donnerstag: «Es werden alle erdenklichen Anstrengungen unternommen, um sicherzustellen, dass Helikopterunterstützung und alle verfügbaren Rettungskräfte so schnell wie möglich mobilisiert werden, sofern die Wetter- und Einsatzbedingungen dies zulassen.»
Gleich am Freitagmorgen machte sich mindestens ein Armeehelikopter auf den Weg zum Unglücksort. Mit an Bord war der pakistanische Höhenbergsteiger Sirbaz Khan, der alle 14 Achttausender bestiegen hat. Helikopterrettungen sind an den Achttausendern in Pakistan längst nicht so einfach zu bewerkstelligen und üblich wie in Nepal. Die Grenze von Pakistan zu China verläuft über den Gipfel des Broad Peak, der 1957 von einer österreichischen Expedition erstbestiegen wurde. Sind Helikopterrettungen im pakistanisch-chinesischen Grenzgebiet notwendig, werden diese von der pakistanischen Armee durchgeführt. Die schweren Armeehelikopter können jedoch nicht in grosse Höhen fliegen.
Dass Nirmal Purjas Tracker auch nach dem Lawinenabgang weiterhin Bewegungen anzeigte, weckte bei den Rettungskräften am Freitagmorgen vorsichtige Hoffnung. Am Freitagmittag Ortszeit hiess es schliesslich, die Leichen von vier Bergsteigern seien am Fuss des Berges etwa anderthalb Stunden vom Basislager entfernt entdeckt worden. Später korrigierte der pakistanische Alpine Club, es handle sich nur um zwei Leichname, nämlich den von Nadhira al-Harthi, der ersten Frau aus Oman, die es 2019 auf den Gipfel des Mount Everest (8848 Meter) schaffte, und den von Pur Bahadur «Yukta» Sherpa.
Al-Harthys Tracker lokalisierte sie in einer Höhe von 4893 Metern. Auf Videos ist zu sehen, wie angeblich ihr Leichnam in einen Helikopter gebracht wird, um ihn in die Provinzhauptstadt Skardu überzuführen. Zudem sei eine abgetrennte Gliedmasse gefunden worden, es soll sich um ein Bein handeln. Es soll zu der amerikanischen Bergsteigerin Mallory Geis gehören, deren erster Achttausender der Broad Peak sein sollte.
Das macht deutlich, welche mechanischen Kräfte wirkten, als die Bergsteiger fast 1700 Meter über steiles Gelände in die Tiefe gerissen wurden. Am Fuss des Berges gefunden wurden laut den Berichten auch ein Rucksack und ein zerbrochenes Gerät für die Satellitenkommunikation, die offenbar dem Pakistaner Sohail Sakhi gehören.
Laut Tracker-Aufzeichnungen wurden auch die anderen Bergsteiger in dem steilen Gelände mehrere hundert Höhenmeter mitgerissen. Das üblicherweise gut informierte Portal Tourism Times berichtete am Freitagabend, Bergsteiger, die am Nachbarberg K2 (8611 Meter) umgedreht seien, nachdem sie von der Lawine am Broad Peak gehört hätten, hätten eine hochmoderne Drohne eingesetzt, um nach den Vermissten Ausschau zu halten. Laut dem Alpine Club of Pakistan wurden bei der Drohnensuche die Körper von sieben Bergsteigern entdeckt.
Kurze Zeit später erklärte Mingma G, der Eigentümer der Expeditionsagentur Imagine Nepal, dessen Team auch mit der Drohne nach möglichen Überlebenden gesucht hatte, in den sozialen Netzwerken, es seien insgesamt neun Bergsteiger gefunden worden und man arbeite daran, die Leichen zu bergen. In einem Post bat der Alpine Club of Pakistan darum, niemanden für tot zu erklären, bevor nicht die Rettungskräfte die Situation vor Ort überprüft hätten.
Doch je mehr Zeit verging, desto unwahrscheinlicher wurde es, Überlebende zu finden. Die Tourism Times schrieb schon am Freitagabend nepalesischer Ortszeit mit Verweis auf die Such- und Rettungsteams in einem Update: «Die Chancen, die Opfer der Lawine am Broad Peak noch lebend zu finden, sind nahezu gleich null.» Andere kommentierten einschlägige Posts in den sozialen Netzwerken mit zerbrochenen Herzen und Symbolen der Trauer.
Dass die Leichen geborgen werden, ist unwahrscheinlich
Am Samstag stiegen Mingma G sowie Sirbaz Khan zu Fuss auf zum Lager 1, in dessen Nähe die vermissten Bergsteiger per Drohne gesichtet worden waren. Am Samstagmittag mitteleuropäischer Zeit bestätigte schliesslich Elite Exped, das von Nirmal Purja mitgegründete Expeditionsunternehmen, den Tod der Bergsteiger. «Mit tiefer Trauer und unermesslichem Kummer müssen wir bestätigen, dass Nirmal ‹Nimsdai› Purja bei der Lawine am Broad Peak auf tragische Weise ums Leben gekommen ist. Uns wurde zudem bestätigt, dass auch andere Mitglieder der Expedition leider nicht überlebt haben.»
Dass die Leichen der Bergsteiger vom Berg geholt werden, ist eher unwahrscheinlich. Noch wurde nicht bestätigt, dass ein Versuch unternommen werden würde.

Der 8051 Meter hohe Broad Peak ist für viele Alpinisten der erste Achttausender. Doch auch hier lauert die Gefahr.
Endika Larrazabal / Moment RF
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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