„Hätte im Panzer von Südostfinnland bis St. Petersburg fahren können“: General a.D. erklärt Putins NATO-Lüge
Putins NATO-Lüge – und ein Angriffsplan? Ex-Geheimdienst-Chef sieht „gut begründetes Szenario“
Stand: 24.09.2026, 07:56 Uhr
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Muss die NATO einen Angriff Russlands fürchten? Ein finnischer General a.D. warnt im Interview vor Trugschlüssen über Putins Kalkül.
Straßburg – Man sieht Pekka Toveri den General a. D, nicht unbedingt an: Der konservative EU-Abgeordnete empfängt zum Gespräch in seinem Straßburger Büro – im Anzug, mit ergrautem Bart und Brille auf der Nase. Seine Botschaften übermittelt er in ruhigem Tonfall, gespickt mit ein paar flapsigen bis deutlichen Formulierungen. Ernst meint er es trotzdem. Ein Angriff Russlands auf NATO-Gebiet sei realistisch – wer Russland Kalkül nach westlichen Maßstäben unterstelle, der unterliege einem gefährlichen Trugschluss, warnt der Ex-Militär.

Toveri, mittlerweile 65 Jahre alt, war zwar zum Abschluss seiner Laufbahn Direktor des finnischen Militärgeheimdienstes. Die nötigen Informationen über Wladimir Putins Pläne seien aber öffentlich zugänglich, meint er. Ebenso offensichtlich sei eine Lüge des Kremlchefs. Denn dass die NATO keinesfalls aggressiv gegenüber Russland sei, liege auf der Hand. „Aus den Garnisonen an der finnischen Grenze war alles an Material und Soldaten verschwunden. „Auch jetzt ist da nicht viel“, sagt der Ex-Militär. Im Prinzip habe man einen Panzer nehmen und ungehindert bis St. Petersburg fahren können. „Könnte Russland das so handhaben, wenn die NATO eine militärische Bedrohung wäre?“
Greift Russland die NATO an? „Das ist keine Raketenwissenschaft“
Herr Toveri, Sie waren 2019 und 2020 Direktor des finnischen Militärgeheimdienstes. Darf ich Sie eingangs fragen: Sahen Sie damals schon Indizien für Russlands bevorstehende Invasion in die Ukraine?
Ja. Wir haben gesehen, dass die Russen es damit zunehmend ernster meinten. Es war ja nicht so, dass Putin eines Morgens aufgewacht ist und sich gefragt hat: „Was soll ich heute tun? Ach, lasst uns die Ukraine angreifen!“ Sie haben das jahrelang vorbereitet, mit dem Aufbau von Infrastruktur und Training der Truppen, mit Materialbewegungen. Und natürlich, indem sie den Druck auf die Ukraine erhöht haben. Wir haben im finnischen Militärgeheimdienst schon vor einem Jahrzehnt vorausgesagt, dass Russland eine Gefahr werden wird.
Auf welcher Basis?
Das war keine Raketenwissenschaft. Dass wir das vorhersagen konnten, liegt nicht daran, dass wir besonders genial wären. Wir haben einfach gelesen, was die Russen von sich geben. Alle Großmächte – Russland, Indien, China, die USA – packen ihre nationalen Interessen in Doktrinen, Strategiepapiere und Reden ihrer Führungskräfte. Und dann bauen sie Fähigkeiten auf. Es braucht etwa ein Jahrzehnt, die militärischen Fähigkeiten aufzubauen, um einen Nachbarn zu bedrohen. Das war also rückblickend keine Überraschung. Aber das Schwierigste für einen Militärgeheimdienst ist natürlich, die Politik zu überzeugen.
Warum ich das frage: Sie lesen sicher immer noch die relevanten Papiere – sehen Sie heute auch Indizien für die vieldiskutierte These, dass Russland die NATO angreifen könnte, bis 2028 oder 2029?
Das ist ein sehr gut begründetes Szenario. Putin hat sehr klar gemacht, dass er Russland als dominierende Nation in Europa sehen möchte. Die Amerikaner sollen heimgehen, Russland soll die Verteidigungspolitik seiner Nachbarn bestimmen. Um eine Pufferzone zu bekommen; inklusive Finnland, Polen, Ukraine und so weiter. Diese Absicht ist nicht verschwunden. Auch, wenn der Krieg in der Ukraine für Russland sehr, sehr schlecht läuft. Das hat ihn sogar noch mehr auf den Konflikt mit dem Westen angespitzt.
Warum das?
Weil er jetzt die russische Wirtschaft zerstört hat. Darüber freut sich keiner – und er braucht eine Rechtfertigung. Auch dafür, dass die Menschen leiden, dass es so viele Verluste gibt, dass den Menschen ihre Freiheiten genommen wurden. Und seine Rechtfertigung lautet, dass der Westen angeblich Russland zerstören will. Schon die Kinder in Russlands Kindergärten lernen, dass der Westen böse ist. Es ist verrückt. Die Leute sagen, ein Angriff gebe für Russland keinen Sinn. Aber das ist ein Trugschluss.
Zur Person: Pekka Toveri
Toveri ist bereits zu Zeiten des Kalten Krieges Finnlands Armee beigetreten. Er war über die Jahre beim IFOR/SFOR-Kommando der UN in Bosnien tätig, im NATO-Joint-Forces-Command in den USA, bei der ISAF-Mission in Afghanistan – aber auch in Finnlands Botschaften in Schweden und den USA. In den Jahren 2019 und 2020 war er Chef des finnischen Militärgeheimdienstes. Seit 2024 sitzt Pekka Toveri für die konservative Sammlungspartei im Europaparlament, unter anderem im Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung.
Meinen Sie?
Es ist der typische Fehler. Man sieht Russland als Spiegelbild seiner selbst. Menschen gucken Putin an und glauben: „Er sieht aus wie wir; blasses Gesicht, dieselbe Kleidung, er spricht recht gut Deutsch – er muss denken wie wir!“ Das tut er nicht. Er ist ein Massenmörder. Ob er ein paar tausend Soldaten verliert, weil er NATO-Artikel 5 testet: Das interessiert ihn nicht. Er hat Hunderttausende in der Ukraine verloren und er ist immer noch Präsident. Er ist bereit, Risiken einzugehen, die nicht mal der schlechteste aller Politiker eingehen würde. Und jetzt unternehmen sie die gleichen Vorbereitungen an der finnischen Grenze, wie damals an der ukrainischen. Also bitte: Es ist wirklich keine Raketenwissenschaft.
Allerdings hat Wladimir Putin den NATO-Beitritt Finnlands demonstrativ gelassen aufgenommen. Halten Sie das nur für Rhetorik?
Ja – denn jetzt hat er ein Problem. Finnland hat auch wegen der Erfahrungen aus dem Winterkrieg lange gedacht, es könne allein bestehen – was nicht wahr ist. Tatsächlich haben wir in beiden Kriegen mit Russland Hilfe von außen gebraucht. Im Militär wussten wir das immer. Aber im Kalten Krieg waren die politischen Notwendigkeiten andere: Als Nachbar der Sowjetunion versuchten wir, mittels Neutralität zu überleben. Und nach dem Kollaps der Sowjetunion hat man jahrzehntelang so weitergemacht. Erst nach dem Überfall auf die Ukraine stiegen die Umfragewerte für einen NATO-Beitritt. Dem ist die Politik dann gefolgt. Genau das hatten die Russen nicht kommen sehen. Und sie waren in der Ukraine gebunden. Entsprechend fiel die Reaktion aus. Aber die russischen Generäle müssen vor Wut rasen.
Warum?
Weil die geostrategische Position Russlands in Nordeuropa eine Katastrophe ist, seit Finnland und Schweden der NATO beigetreten sind. Das realisieren sie jetzt. Auch deshalb wird der Tonfall gegenüber Finnland aggressiver. Aber wir haben keine Angst.
„Die gesamte russische Grenze war offen“: Putins NATO-Lüge
Zu hören ist aber, dass Russland zwar an der finnischen Grenze baut – dass Panzer und Material aber in der Ukraine sind.
Und da verbirgt sich die Lüge. Als der Krieg in der Ukraine schlecht lief, brauchte Putin eine Ausrede – und die lautete, dass Russland gegen den gesamten Westen kämpfe, dass NATO und Westen nur militärisch gesinnt seien. Zeitgleich war die gesamte russische Grenze von Nordnorwegen bis Südfinnland offen. Aus den Garnisonen an der finnischen Grenze war alles an Material und Soldaten verschwunden. Auch jetzt ist da nicht viel. Ich habe oft gesagt, ich könnte zu meiner alten Brigade gehen, einen der Panzer nehmen und von Südostfinnland bis St. Petersburg fahren – und es würde mich niemand stoppen. Bestenfalls würden sich ein paar Verkehrspolizisten sagen: „Da geht‘s dahin.“ Hätte Russland das so handhaben können, wenn die NATO eine militärische Bedrohung wäre? Natürlich nicht. Das konnten sie nur, weil sie wussten, dass wir niemals angreifen würden.
Was folgern Sie daraus?
Die Menschen müssen verstehen, dass Russland eine langfristige Gefahr ist. Russland hat vor ein paar Jahren angekündigt, seine Kräfte an der finnischen Grenze zu verstärken. Jetzt haben sie die Arbeiten begonnen. Fakt ist zugleich, dass sie nach einem Ende des Ukraine-Kriegs mehrere Jahre brauchen werden, bis sie die Garnisonen gefüllt haben. Und selbst dann werden es nicht genügend Kräfte sein, um Finnland zu bedrohen. Wir haben 300.000 Soldaten, und Material und Training sprechen für uns. Und die Russen müssten eine massive Truppenverlegung unternehmen. Das dauert Wochen. Die NATO und wir wären noch besser vorbereitet.
Nichtsdestotrotz hat sich das Europaparlament zuletzt mit sehr vielen Verteidigungsthemen beschäftigt. Und fast überall mehr und schnellere Aktivität gefordert. Heißt das im Umkehrschluss, Europa handelt immer noch nicht schnell genug?
Ganz genau. Wir treffen große politische Entscheidungen und machen Ankündigungen – aber das wird Russland nicht stoppen. Wir brauchen eine Industrie, die große Mengen an Ausrüstung herstellen kann. Und dann muss man die Truppen daran trainieren. Russland wendet unterdessen 40 Prozent der Staatsausgaben für Verteidigung auf. Wir müssen schneller und billiger produzieren. Nicht „das Weltbeste”, sondern „gut genug”. Und zwar eine Menge davon in jedem Bereich, ob es Flugabwehrraketen oder gepanzerte Fahrzeuge sind. Schon Stalin soll gesagt haben, „Quantität hat eine Qualität für sich.“ Da hinken wir hinterher. Ein weiteres Problem kommt hinzu.
Welches meinen Sie?
Ich denke, die Materialproduktion wird schon kommen. Die EU ist eine alte Kohle- und Stahlunion. Wenn sie nicht weiß, wie man eine Industrie aufbaut, wer dann? Aber Maschinen verteidigen kein Land. Menschen verteidigen ein Land. Wir müssen die Menschen mitnehmen. (Interview: Florian Naumann)