"Wir haben in zwei Wochen rund 4.000 Hasskommentare bekommen"
Interview Queerfeindliche Gewalt
“Wir haben in zwei Wochen rund 4.000 Hasskommentare bekommen”
Die Gewalt gegen queere Menschen nimmt zu: Das Bundeskriminalamt (BKA) hat im vergangenen Jahr mit 12,8 Prozent einen deutlichen Anstieg queerfeindlicher Straftaten registriert. Dabei reicht die Gewalt von Hass im Netz bis zu Angriffen auf der Straße. Die betroffenen Menschen ziehen sich häufig zurück. Bei der digitalen Gewalt setzt das Projekt Queersafe des LSVD Verband Queere Vielfalt e.V. Berlin Brandenburg an. Hier können sich Menschen, die von queerfeindlicher Gewalt im Netz betroffen sind, unterstützen und beraten lassen.
Für Florian Winkler-Schwarz vom LSVD Berlin Brandenburg ist klar, dass digitale Gewalt zu physischer Gewalt führt. Im Interview spricht er über die aktuelle Situation und das neue Projekt Queersafe.
rbb: Die Gewalt gegen queere Menschen nimmt laut Statistik zu. Wie erklären Sie sich das?
Florian Winkler-Schwarz: Wir sehen, was draußen auf den Straßen gerade passiert. Und wir sehen auch alle, wenn wir ins Netz gehen, in die sozialen Medien, was dort in den Kommentarspalten los ist. Unsere These ist, dass Menschen sich zuerst im Netz radikalisieren und damit dann die Straftaten draußen auf der Straße zunehmen. Da wollen wir entgegensetzen.
Zur Person
Florian Winkler-Schwarz ist seit März 2025 Geschäftsführer des LSVD Verbands Queere Vielfalt Berlin-Brandenburg e. V.. Davor ist Winkler-Schwarz acht Jahre lang Geschäftsführer von Deutschlands ältestem queeren Club, dem Schwuz, gewesen.
rbb: Können Sie uns ein Beispiel nennen für die oft erwähnte Gewalt im Netz?
Winkler-Schwarz: Ich kann Ihnen sagen, dass wir im LSVD allein in den letzten zwei Wochen rund 4.000 Hasskommentare bekommen haben, nachdem wir uns auf dem CSD in Eberswalde demokratisch positioniert haben. Das gefällt rechten Strukturen nicht - die sind heutzutage gut organisiert. Wenn Sie auf unser Facebook-Profil gehen, sehen Sie ganz schlimme Bedrohungen.
Wir kriegen Morddrohungen, wir kriegen Kommentare, in denen steht "Menschen wie ihr solltet ausgelöscht werden" oder "Ihr seid im 3. Reich vergessen worden". Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der digitalen Gewalt, die Menschen erfahren.
rbb: Erstaunlich viele Personen posten ihre Hasskommentare mit Klarnamen im Netz. Warum sind da offenbar jegliche Hemmung und die Angst vor Strafverfolgung verschwunden?
Winkler-Schwarz: Das hat zwei Gründe: Zum einen nehmen Menschen oftmals den digitalen Raum gar nicht als Raum war, in dem Recht und Ordnung gilt. Das stimmt ja auch, denn nicht alles, was auf der Straße strafbar ist, ist analog im Netz strafbar. Uns fehlt in Deutschland noch eine gute Gesetzgebung, damit der digitale Raum sicherer wird. Das andere ist, das solche Kommentare nicht konsequent verfolgt werden. Man liest so einen Kommentar, man löscht ihn einfach und geht drüber weg. Damit kommt es gar nicht erst zur Anzeige und somit zu keiner Veränderung.
rbb: Wie unterstützen Sie mit Queersafe Berlin Menschen, die im Netz von digitaler Gewalt betroffen sind?
Winkler-Schwarz: Wir haben zwei Bereiche, mit denen wir unterstützen. Einmal psychosozial: Mit Menschen macht es ja was,wenn sie digitale Gewalt erfahren - es geht ihnen schlecht. Dazu bieten wir Beratungen an. Zum anderen unterstützen wir juristisch und helfen Menschen, zu ihrem Recht zu kommen. Wir klagen für sie und zeigen ihnen Wege auf, wie sie ihre sozialen Medien sicherer machen können. Aber wir helfen ihnen auch dabei, dass die Tat zur Anzeige kommt. Man kann die Anzeigen bei uns, beim Verband, stellen. Wir kümmern uns dann darum, dass eine entsprechende Strafverfolgung stattfindet.
Queersafe Berlin
Das Projekt richtet sich an queere Menschen in Berlin, und bietet Beratung dazu an, wie sie sich gegen queerfeindliche digitale Gewalt wehren, sich davon erholen, und sich davor schützen können.
Die Ziele sind: queerfeindliche digitale Gewalt erkennen und erfassen, Interessierte und Multiplikatoren sensibilisieren, Arbeitsnetzwerke mit den Strafverfolgungsbehörden aufbauen und Menschen darin bestärken, sich gegen digitale Queerfeindlichkeit einzusetzen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Interview führten Marco Seiffert und Tom Böttcher für radioeins.
Sendung: radioeins 20.07.2026, 9:35 Uhr
Audio: Radioeins, 20.07.2026, Marco Seiffert und Tom Böttcher
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