Weltraumschrott: Wie gross ist die Gefahr durch abstürzende Raketen für die Erde?
Publiziert5. August 2026, 19:13
WeltraumschrottRakete stürzt auf Mond – wie gross ist die Gefahr auf der Erde?
Am Mittwochmorgen schlug eine 4,5 Tonnen schwere SpaceX-Raketenstufe auf dem Mond ein. Auch um die Erde kreisen tonnenschwere Objekte. Sind sie eine Gefahr?

Darum gehts
- Am 5. August schlug eine Falcon-9-Raketenstufe von SpaceX mit fast 9000 km/h auf dem Mond ein.
- Auf der Erde ist das Risiko gering: Die Chance, von Weltraumschrott getroffen zu werden, liegt bei 1 zu einer Billion.
- Kanadische Forschende schätzen jedoch, dass in den nächsten zehn Jahren mit 20 bis 29 % Wahrscheinlichkeit eine Person durch unkontrollierten Raketenwiedereintritt verletzt wird.
Mit einer Geschwindigkeit von fast 9000 km/h ist am Mittwoch eine Falcon-9-Raketenstufe des US-Raumfahrtunternehmens SpaceX auf den Mond geprallt. Laut Berechnungen im Vorfeld des Absturzes, dürfte sich durch die Gewalt des Einschlags ein Krater von 27 Metern Durchmesser und fünf Metern Tiefe gebildet haben. Das ist etwas kleiner als die 30 bis 40 Meter grossen Krater, die entstanden waren, als die Nasa während des Apollo-Programms insgesamt fünf dritte Stufen der Saturn-V-Mondraketen für seismische Experimente auf den Erdtrabanten stürzen liess.

Während die Auswirkungen des Falcon-9-Einschlags auf dem Mond gering waren, könnte ein solches Ereignis auf der Erde potenziell weitaus schlimmere Folgen haben. Im Erdorbit befinden sich Zehntausende menschengemachte Objekte, die auf die Erde stürzen könnten. Doch wie hoch ist die Gefahr, davon getroffen zu werden?
Täglich fallen Trümmerteile zurück
Seit 1957 die Sowjetunion mit Sputnik-1 den ersten Satelliten ins All geschossen hat, sind viele Tausende dazugekommen. Ende Juli befanden sich laut Angaben der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA etwa 18’840 Satelliten in der Erdumlaufbahn, wovon 16’100 noch funktionsfähig waren. Doch das ist nur ein kleiner Teil aller Objekte, die sich in der Erdumlaufbahn befinden. Inklusive der erwähnten Satelliten werden derzeit rund 46’120 Objekte über zehn Zentimeter von der Erde aus überwacht. Dazu kommen 1,2 Millionen Fragmente zwischen einem und zehn Zentimetern und 140 Millionen zwischen einem Zentimeter und einem Millimeter. Diese werden nicht überwacht.

Für alle diese Fragmente gilt: Aufgrund der Erdanziehung sinken ihre Umlaufbahnen ohne Korrekturmanöver langsam ab, bis sie irgendwann in die Atmosphäre wiedereintreten. Die meisten Objekte verglühen aufgrund der Reibungshitze beim Wiedereintritt vollständig, wie etwa im vergangenen März die 600 Kilogramm schwere Nasa-Sonde Van Allen A. Laut Angaben der ESA tritt etwa einmal pro Woche ein Objekte mittlerer Grösse (ein Meter oder mehr) in die Erdatmosphäre ein, während durchschnittlich zwei kleine, nachverfolgte Trümmerobjekte pro Tag in die Atmosphäre eintreten.
Auch grosse Objekte treffen die Erde
Doch nicht alles verglüht. Grössere Objekte wie Drucktanks aus Titan, Edelstahlkomponenten und kompakte Maschinenteile können den Wiedereintritt durchaus überleben und die Erde treffen. So wurden Anfang Juli in Queensland, Australien, sechs Kugeln an Land geschwemmt, bei denen es sich um Druckbehälter für Gase und Flüssigkeiten aus einer Rakete gehandelt haben dürfte. Ebenfalls in Australien sorgte im Juli 2013 ein etwa drei Meter langer goldener Zylinder, der 250 Kilometer nördlich von Perth angeschwemmt wurde, für Rätselraten.
Das schwerste Objekt, das unkontrolliert aus dem Orbit auf die Erde zurück stürzte, war die US-Raumstation Skylab mit einer Masse von rund 75 Tonnen. Skylab zerbrach in der Atmosphäre; ein grosser Teil fiel in den Indischen Ozean, Trümmer gingen aber auch über dünn besiedelten Gebieten Westaustraliens nieder, wobei niemand verletzt wurde
Das schwerste bekannte Stück Weltraumschrott, das je die Erde traf, ist ein rund 500 Kilogramm schwerer Metallring, der im Dezember 2024 im kenianischen Dorf Mukuku zu Boden fiel. Dabei dürfte es sich um einen Trennring einer Trägerrakete gehandelt haben. Wieder wurde niemand verletzt.

Kaum Opfer oder Schäden
Auch wenn Weltraumschrott regelmässig die Erde erreicht, gab es bisher keinen bestätigten Fall, in dem dabei ein Mensch verletzt oder getötet wurde. 1997 wurde Lottie Williams in Oklahoma von einem etwa 16 Gramm schweren Fragment einer Delta-II-Raketenstufe an der Schulter getroffen, blieb jedoch unverletzt.
Es gibt auch dokumentierte Fälle von Weltraumschrott-Treffern auf Gebäude. So fiel im April 2024 ein Teil der ISS auf ein Haus in Florida. Sie sind aber extrem selten, was daran liegt, dass rund 75 Prozent der Erde von Meer bedeckt sind und ein grosser Teil der Landmasse kaum besiedelt ist. Das Risiko, von einem Stück Weltraumschrott getroffen zu werden, liegt laut der US-Forschungseinrichtung The Aerospace Corporation bei 1 zu einer Billion oder wie die ESA schreibt, 60’000-mal tiefer als vom Blitz getroffen zu werden.
Globales Risiko
Für den einzelnen Menschen ist die Wahrscheinlichkeit also verschwindend klein. Da inzwischen aber über acht Milliarden Menschen die Welt bevölkern, ist das kollektive Risiko durchaus vorhanden. Forschende aus Kanada errechneten in einer Studie von 2024 eine Wahrscheinlichkeit von 20 bis 29 Prozent, dass in den nächsten zehn Jahren eine oder mehrere Personen durch einen unkontrollierten Wiedereintritt des Raketenkörpers verletzt oder getötet wird.
Während das Risiko für Menschen auf der Erde überschaubar bleibt, ist Weltraumschrott für Satelliten, Raumstationen und Astronauten dagegen bereits heute ein ernstes Problem. Das hat auch die Schweizer Armee erkannt, während mehrere Organisationen, darunter die ESA zusammen mit dem ETH-Spin-off Clear Space, nach Wegen suchen, Weltraumschrott fachgerecht zu entsorgen.
Was sollte deiner Meinung nach gegen die zunehmende Menge an Weltraumschrott unternommen werden?
Aktive Beseitigung durch spezielle Aufräummissionen.
Strengere Regeln für den Bau von nachhaltigen Raketen und Satelliten.
Weniger Raketenstarts und weniger Satelliten ins All schicken.
Die Natur regelt das schon von selbst, da braucht es keine menschlichen Eingriffe.
Weiss nicht

Jean-Claude Gerber (jcg) arbeitet seit 2005 für 20 Minuten. Er ist seit 2013 Leiter des Ressorts Wissen, History und Digital und seit 2020 Blattmacher.