Rätsel um „Vampir“-Grab in Polen: Sichel am Hals sollte Auferstehung verhindern

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Archäologen haben auf einem Friedhof in Pień im nördlichen Teil Zentralpolens ein außergewöhnliches Grab entdeckt. Bei den Untersuchungen stießen sie auf die Überreste eines Mädchens im Teenageralter, dessen Fuß mit einem Vorhängeschloss gesichert war und auf dessen Hals eine Sichel lag. Die ungewöhnliche Bestattung stammt aus dem 17. Jahrhundert und wird von den Forschern als mögliche Maßnahme gegen die Rückkehr der Toten interpretiert. Die Gründe sind weiterhin unklar.

Archäologie: Verblüffende Bestattung: Anordnung im Grab überrascht

Das Grab wurde bereits 2022 von Archäologen entdeckt und bis in dieses Jahr hinein wissenschaftlich untersucht. Die Bestattung der jungen Frau warf dabei zahlreiche Fragen auf. An ihrem linken großen Zeh befand sich ein eisernes Vorhängeschloss, während eine große, gezackte Sichel quer über ihren Hals gelegt worden war. Die gebogene Klinge zeigte dabei direkt auf ihre Kehle. Eine Bestattung in dieser ungewöhnlichen Form war den Forschern bislang nicht bekannt.

Auf Grundlage weiterer Untersuchungen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass es sich um eine dämonenabwehrende beziehungsweise „vampirabwehrende“ Bestattung handeln könnte. „Die Anordnung der Sichel und des Vorhängeschlosses lässt vermuten, dass der Zweck dieser Praktiken darin bestand, die Lebenden nach Zosias Tod vor ihr zu schützen, wozu zweifellos auch gehörte, zu verhindern, dass sie aus dem Grab aufersteht“, erklärte Dariusz Poliński, Archäologe an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń und Hauptautor der Studie, über die ZME Science berichtet.

A facial reconstruction showing what Zosia might have looked like. Credit: Oscar Nilsson / Projekt Pień

 Gesichtsrekonstruktion von Zosia durch Oscar Nilsson© Oscar Nilsson / Projekt Pień | Oscar Nilsson / Projekt Pień

Wer war das „Vampir-Mädchen“ Zosia?

Das Mädchen war zum Zeitpunkt ihrer Bestattung zwischen 17 und 19 Jahre alt und wurde in Rückenlage beigesetzt. Da ihr tatsächlicher Name nicht überliefert ist, gaben ihr die Archäologen den Arbeitsnamen „Zosia“, die polnische Form von Sophia beziehungsweise Sophie. Nachdem der schwedische Archäologe und Spezialist für Gesichtsrekonstruktionen Oscar Nilsson anhand der Schädelknochen und genetischer Analysen eine Rekonstruktion ihres Gesichts angefertigt hatte, wurde der Name Zosia auch für die mediale Präsentation des Projekts verwendet.

Während die Beine der Verstorbenen in ihrer anatomisch korrekten Position vorgefunden wurden, hatte sich ihr linker Arm auffällig verlagert. Die Forscher vermuten daher, dass das Grab möglicherweise kurz nach der Bestattung erneut geöffnet wurde, um die Sichel über ihrem Hals zu platzieren. Offenbar sollte auf diese Weise verhindert werden, dass die Verstorbene aus dem Grab zurückkehren konnte. Im damaligen Glauben galten bestimmte Tote als mögliche Wiedergänger, die nach ihrem Tod in die Gemeinschaft zurückkehren und die Lebenden bedrohen konnten. Die Sichel sollte eine solche Rückkehr offenbar verhindern, indem sie den Körper beim Versuch des Aufstehens verletzen oder den Kopf vom Rumpf trennen würde.

Die Bestattung steht damit im Zusammenhang mit einer größeren Tradition von Schutzmaßnahmen gegen vermeintliche Wiedergänger. Einen vergleichbaren Fund gibt es auf dem Friedhof von Drawsko im Nordwesten Polens. Dort wurden im 17. und 18. Jahrhundert fünf Menschen mit Sicheln über dem Hals oder quer über dem Bauch bestattet.

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Warum Zosia als potenziell gefährlich angesehen wurde, können die Forscher bislang nicht klären. Die Untersuchungen deuten darauf hin, dass sie aus der Region stammte und möglicherweise einer wohlhabenden oder sogar adligen Familie angehörte. Hinweise auf eine Erkrankung fanden sich ebenfalls nicht. Auch ihre Todesursache ließ sich nicht bestimmen, da Infektionen, Vergiftungen und Erkrankungen innerer Organe nach dem Zerfall der Weichteile häufig keine eindeutigen Spuren im Skelett hinterlassen.

Zosia war nicht allein in Pień

Pień in Polen scheint in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung gehabt zu haben, wie die weiteren Untersuchungen der Forscher zeigen. Bei der Analyse zusätzlicher Gräber stießen sie auf zahlreiche ungewöhnliche Bestattungsmerkmale. Dazu gehörten Vorhängeschlösser, Sicheln, schwere Steine sowie auffällige Positionen der Verstorbenen. In einem Fall wurde ein Kind mit dem Gesicht nach unten beigesetzt, an dessen Fuß sich ein dreieckiges Vorhängeschloss befand.

Da sich in der unmittelbaren Umgebung weder eine Kirche noch eine andere christliche Einrichtung befand, vermuten die Autoren der Studie, dass der Ort gezielt für bestimmte Bestattungen ausgewählt wurde. Möglicherweise wurden dort Menschen beigesetzt, die von ihrer Gemeinschaft ausgegrenzt oder verstoßen worden waren. Dazu könnten auch Personen gehört haben, denen man eine Besessenheit durch den Teufel zuschrieb.