Raub russischer Bücher: Diebesserie in europäischen Bibliotheken

Als der Mann sich in der Staatsbibliothek zu Berlin meldete, habe er sich als Wissenschaftler ausgegeben, sagt Johannes Fülberth, Leiter des Referats für historische Handschriften, der F.A.Z. Er forsche zum Demokratiebegriff in Puschkins frühen Werken und benötige deshalb Einsicht in historische Drucke, darunter mehrere Erstausgaben des russischen Nationalschriftstellers. Eine russischsprachige Bibliothekarin habe ihn daraufhin betreut, weil er weder Deutsch noch Englisch beherrschte. Auf die Mitarbeiterin wirkte er so, als sei er zum ersten Mal in der Staatsbibliothek gewesen.

Später besuchten zwei Personen den Lesesaal. Die Bibliothekarin erinnert sich, dass die beiden mehrmals Blickkontakt zueinander aufnahmen, obwohl sie den Raum unabhängig voneinander betreten hatten. Sie wirkten seltsam vertraut. Da aber zunächst nichts Weiteres vorgefallen war, ging die Mitarbeiterin nicht darauf ein. Später wurde sie, ohne es zu ahnen, Zeugin eines aufwendig geplanten Diebstahls.

Vermessen, fälschen, entwenden

Zu den in Berlin gestohlenen Werken zählt Puschkins Verspoem „Das Räuberbrüderpaar“ in einer Ausgabe von 1827. Auch das Historiendrama „Boris Godunow“ von 1831 und die Verserzählung „Der Gefangene im Kaukasus“ von 1828 sowie zwei Texte avantgardistischer Literatur, von Aleksandra Ekster sowie Alexei Krutschonych, wurden gestohlen. Der Wert der fünf allein in Berlin entwendeten Werke beläuft sich auf einen niedrigen sechsstelligen Betrag.

Auch in Paris entwendeten Diebe zahlreiche hochkarätige Erstausgaben russischer Klassiker. Sechs Täter georgischer Nationalität, fünf Männer und eine Frau, sind dort vor einigen Wochen zu Haftstrafen von bis zu sieben Jahren verurteilt worden. Die Täter schlugen nach Ansicht des Gerichts auch in Deutschland, der Schweiz, Polen und Tschechien zu. Die gestohlenen Werke stammten von Alexander Puschkin, Nikolai Gogol und Michail Lermontow.

Auch die Berliner Staatsbibliothek ist betroffen.
Auch die Berliner Staatsbibliothek ist betroffen.dpa

Die Diebe gingen strategisch vor. Sie schauten sich die Werke an, zeichneten die Maße auf und fotografierten sie. Anschließend erstellten sie Faksimiles und tauschten diese bei Bibliotheksbesuchen mit den Originalen aus. Auch in Berlin suchte einer der Täter die Nationalbibliothek mehrmals auf. Eine Mitarbeiterin von dort erinnert sich: Einer der „Besucher“ gab an, noch am selben Tag nach Paris fahren zu wollen.

„Die Täterstrukturen haben sich teilweise unter Vorspiegelung wissenschaftlicher Arbeiten und Erkenntnisgewinnung Zutritt in die Bibliotheken verschafft“, sagt Kriminalhauptkommissar René Allonge vom zuständigen Landeskriminalamt in Berlin. „Wir sind von den französischen Behörden auf diese Gruppierung aufmerksam gemacht worden.“ Das Landeskriminalamt sei dem Verdacht nachgegangen. Das war Ende 2023. Insgesamt hätten sich über 30 Tatverdächtige, überwiegend georgischer Staatsangehörigkeit, herauskristallisiert.

Anklage erhoben hat die Staatsanwaltschaft in Berlin indes noch nicht. Zuständig ist die Abteilung 251, die sich mit Kunstdelikten befasst. Sie teilte mit, dass die Ermittlungen andauerten; weitere Auskünfte seien zum Schutz des Verfahrens derzeit aber nicht möglich.

Ist Russland involviert?

Warum wurden in Berlin nur Bücher russischsprachiger Autoren entwendet? „Inhaltlich sehe ich keinen wesentlichen Zusammenhang zwischen den Werken“, sagt der Slawist Valentin Peschanskyi von der Universität Münster.  „Die Räuberbrüder“, ein eher peripherer Text Puschkins, und „Der Gefangene im Kaukasus“ gehörten zwar zu den „Südrussischen Poemen“, die der Nationaldichter in der Verbannung schrieb, hätten aber unterschiedliche Sujets. Das deutlich bekanntere Drama „Boris Godunow“ zähle nicht nur zu einem anderen Genre, sondern habe auch ein gänzlich anderes, nämlich historisches Setting. Es gehöre zwar zum Puschkin-Kanon, aber nicht zu dessen zentralen Werken wie etwa das Verspoem „Eugen Onegin“ oder „Die Geschichten des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin“.

Eine thematische oder ideologische Auswahl beim Diebstahl der Bücher ließe sich jedenfalls nicht ableiten. „Für mich sieht es nicht so aus, als wäre es ein staatlicher Auftrag gewesen, spezifische Werke für eine russische Bibliothek zusammenzutragen“, sagt Peschanskyi. Auch Füllberth zufolge lässt sich eine Einmischung der russischen Politik nicht nachweisen: „Das wäre reine Spekulation.“

Pariser Gericht: sieben Jahre Haft

Der Historiker Hieronim Grala von der Universität Warschau geht hingegen für die Diebstähle in Polen und Litauen davon aus, dass sie zentral aus Russland organisiert wurden. Er verweist auf das russische Auktionshaus Litfond, wo Bücher mit Bibliotheksstempel der Warschauer Universität verkauft worden sein sollen, darunter ein Werk, das für 30.500 Euro veräußert wurde.

Auch Europol bestätigte nach der Ergreifung von Tätern im Jahr 2024, dass einige der Bücher in russischen Auktionshäusern in St. Petersburg und Moskau versteigert wurden. Kriminalkommissar Allonge schließt eine Verwicklung Russlands bei solchen Fällen nicht grundsätzlich aus. „Aber man braucht natürlich dann, wenn man diese These vehement nach außen vertritt, auch die Beweise.“ Für eine russische Einmischung in den Berliner Vorgang fehlten diese bislang.

Johannes Fülberth von der Staatsbibliothek spricht als Folge des Diebstahls von einem „großen Vertrauensschaden“ für die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft. Die Professionalität, mit der die Diebe vorgingen, sei von „neuer Qualität“. Einen vergleichbaren Fall habe es zuvor nicht gegeben. Mitarbeiter der Staatsbibliothek seien inzwischen misstrauischer. Über die Vorkehrungen, die die Bibliothek als Reaktion auf den Diebstahl umgesetzt habe, möchte er aus Sicherheitsgründen nicht sprechen.