Raubkunst im Stadtmuseum? Ausstellung über Kunstkritiker Paul Westheim
Stand: 13.08.2026, 18:14 Uhr

Das Stadtmuseum Eschwege widmet dem gebürtigen Eschweger Paul Westheim eine Sonderausstellung. Eine Lithografie in der Sammlung könnte aus seiner verschollenen Kunstsammlung stammen.
Eschwege – 1961 wurde Paul Westheim in der deutschen Botschaft in Mexiko das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen. In seiner deutschen Heimat hatte man ihn währenddessen schon lange vergessen. Nur in Eschwege erinnern sich noch ein paar Menschen an den Mann, dem das Stadtmuseum derzeit eine Sonderausstellung widmet.
Bedeutender Kunstkritiker der Weimarer Republik

Paul Westheim war ein bedeutender Kunstkritiker, Kunstsammler, Journalist und Autor in der Weimarer Republik. „Er war für die Kunstwelt sozusagen das, was Marcel Reich-Ranicki für die Welt der Literatur war“, sagte York-Egbert König vor dem Publikum, das sich zur Midissage eingefunden hatte. Zusammen mit Dr. Annika Spilker und Imke Seidel hat König die Ausstellung zusammengestellt.
Kunst sollte zum Leben gehören, nicht in den Museen stehen.
Paul Westheim wurde 1886 in Eschwege in eine jüdische Familie geboren. Er wohnte in der Stresemannstraße, besuchte die Friedrich-Wilhelm-Schule und studierte anschließend in Darmstadt und Berlin Kunst. Als Kunstkritiker schrieb er für renommierte deutsche Zeitungen, er gab zahlreiche Fachperiodika heraus, unterstützte Künstler, sammelte ihre Werke und schrieb grundlegende Werke zur Kunst- und Literaturgeschichte. Kunst sollte zum Leben gehören, nicht in den Museen stehen, meinte er damals.
Flucht nach Paris und Verlust der Kunstsammlung
In der Weimarer Republik machte er sich einen Namen in der Kunstwelt. Einer seiner befreundeten Künstler war Oskar Kokoschka, ein österreichischer Maler, der von Westheim eine Lithografie anfertigte, einen Steindruck. Dabei wird das Bild des Porträtierten auf eine Steinplatte gemalt und auf Papier gedruckt. Ein Exemplar kaufte die Sparkassenstiftung 1989 für das Museum in Eschwege, berichten York-Egbert König und Dr. Annika Spilker in ihrem Vortrag.
Doch als Paul Westheim in der Zeit des Nationalsozialismus nach Paris hatte fliehen müssen, hatte er auch seine Kunstsammlung zurücklassen müssen. Diese wurde in Berlin zuerst noch in Privatwohnungen und Kellern versteckt, doch schließlich ging sie verloren. Westheim immigrierte nach Mexiko, ohne seine Sammlung. Dort widmete er sich der präkolumbianischen Kunstgeschichte des Landes und schrieb abermals grundlegende Werke darüber.
Erst 1963 kam Paul Westheim für einen Stipendienaufenthalt kurz zurück nach Deutschland, doch er verstarb dabei überraschend mit 77 Jahren in Berlin. Nach seinem Tode tauchten plötzlich Kunstwerke aus seiner angeblich verschollenen Sammlung auf Auktionen des Kunsthandels wieder auf.
Raubkunst im Stadtmuseum? Sonderausstellung noch bis 13. September
Hat das Museum in Eschwege mit der Lithografie also unwissentlich Raubkunst in seinem Besitz? Das Stadtmuseum nahm 2022 und 2025 an zwei Projekten der Provenienzforschung teil, um dieser Frage nachzugehen. Doch abschließend konnte nicht geklärt werden, aus welcher Sammlung diese Lithografie stammte. Doch im Museum seiner Heimatstadt, die Paul Westheim sehr liebte, scheint sie gut aufgehoben. „Ich habe die Erinnerung an Eschwege immer in mir getragen“, soll er gesagt haben. „Das Werratal ist das idyllischste Stück Erde der Welt.“ 1963 wollte er eigentlich noch nach Eschwege reisen, um seine Geburtsstadt wiederzusehen. Doch dazu kam es nicht mehr.
Die Midissage untermalte der Gitarrist Moritz Dunkel mit Liedern aus den 1930er-Jahren. Und zum Abschluss spielte er „Mexiko“ von James Taylor. Die Sonderausstellung zu Paul Westheim ist noch bis zum 13. September im Stadtmuseum zu sehen. Geöffnet ist dienstags, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr.